Dagmar von Cramm weiß, was Kinder mögen. Die Buchautorin ist Expertin für Kinderernährung. Nicht nur weil sie Ernährungswissenschaftlerin ist – sie ist auch Mutter von drei Söhnen. Im Interview gibt sie wertvolle Tipps und verrät ihre Lieblingsrezepte.
livingathome.de:
Frau von Cramm, was sind für Sie die drei Basics einer gesunden Kinderernährung?
Dagmar von Cramm:
Vielseitigkeit: Es wird probiert, was auf den Tisch kommt.
Regelmäßigkeit: Drei regelmäßige Mahlzeiten am Tag – kein Dauersnacken.
Weniger ist mehr: Mangel gibt es selten – mal abgesehen von Vitamin D und evnetuell Folsäure. Die Gefahr der „Überfütterung“ ist größer.
Auf Lebensmittel bezogen sind fünf Portionen am Tag gut, davon drei Portionen Gemüse, zwei Portionen Obst. Vollkorn ist wichtig – als Getreide, Nüsse und Kerne. Wasser ist der Durstlöscher.
livingathome.de:
Ist es heute schwieriger, sich und seine Kinder gesund zu ernähren?
Dagmar von Cramm:
Ja und nein. Ja – weil es zuviel von allem gibt und es schwer fällt, die richtige Wahl zu treffen und den Konsum zu begrenzen.
Nein – weil sich jede Familie heute die optimalen Lebensmittel leisten kann. Und weil Hunger und Mangel bei uns keine Gefahr mehr sind.
livingathome.de:
Wie wichtig ist Abwechslung auf dem Tisch? Viele Familien entwickeln ja ihre Stammgerichte.
Dagmar von Cramm:
Abwechslung ist Voraussetzung einer gesunden Ernährung und wichtig für die Entwicklung des Geschmacks und der Genussfähigkeit. Französische Kinder essen selbstverständlich alles – nur so wird man zum Feinschmecker! Das spricht nicht gegen Stammgerichte – die vermitteln Geborgenheit. Wenn die Stammgerichte aber Spaghetti mit Ketchup, Pommes und Pizza sind, dann ist das auf Dauer negativ.

Keine Panik, wenn Kinder bestimmte Nahrungsmittel verweigern: Kinder brauchen bis zu 16 Anläufe, um ein Gericht zu mögen.
livingathome.de:
Haben Sie Ratschläge für berufstätige Eltern, wenn es mal schnell gehen muss?
Dagmar von Cramm:
Ja, Wokgemüse mit Ei oder Nüssen und dazu aufgebrühter Couscous. Überhaupt alle Instant-Getreidebeilagen wie Polenta, Zartweizen, Bulgur mit kleingeschnittenem, gebratenem oder geschmortem Gemüse. Einen Teil davon gibt’s roh zur Kinderberuhigung. Wir können da eine Menge vom thailändischen Street Cooking lernen! Als Eiweißbeilage Nüsse, Geflügelfleisch, Fisch, Ei, Tofu. Voraussetzung ist ein guter Vorrat.
livingathome.de:
Was tun, wenn ein Kind jegliches Gemüse ablehnt oder beispielsweise nur Bananen essen möchte?
Dagmar von Cramm:
Ein Kind muss ein neues Essen bis zu 16mal probieren, um es zu mögen! Da hilft es am besten, konsequent zu sein. Aber dabei das Kind ablenken, nicht beachten, deeskalieren. Und Sie müssen mit dem Partner einig sein, Vorbild sein zu wollen. Ein bisschen Bestechung hilft auch – aber nicht mit Essbarem, sondern mit Zeit, Zuwendung, Sammelbildchen oder Gutscheinen … Die Banane gibt’s danach.

Im ersten Lebensjahr ist Salz tabu - auch danach sollte es zurückhaltend verwendet werden.
livingathome.de:
Wieviel Würzen ist gut für ein Kind?
Dagmar von Cramm:
Im ersten Jahr ist Salz tabu – das überfordert die Nieren und schafft ungesunde Gewohnheit. Auch danach Salz zurückhaltend verwenden, nicht jeder reagiert auf zuviel Salz mit Bluthochdruck – aber viele eben doch. Natürlich muss man auch mit Schärfe aufpassen. Aber Kinder mögen die Küche Ihrer Familie – und die Gewöhnung beginnt im Mutterleib.
livingathome.de:
Was raten Sie schwangeren Frauen bezüglich ihrer Ernährung?
Dagmar von Cramm:
Besser essen, aber nicht viel mehr essen: Übergewicht der Mutter erhöht das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes – und für Übergewicht und Diabetes beim Baby. Die ersten 4 Monate steigt der Kalorienbedarf so gut wie gar nicht. Später dann langsam um 200 Kalorien. Außerdem Vielseitigkeit: Geschmacksbildung beginnt bereits im Mutterleib – über das Fruchtwasser, das Aromen der mütterlichen Nahrung enthält.
livingathome.de:
Ist es bei Kleinkindern besser, den Gemüsebrei selbst zu kochen oder Bio-Produkte im Glas zu kaufen?
Dagmar von Cramm:
Vom Geschmack her ist Selbstgekochtes unschlagbar! Noch viel wichtiger ist es, gemeinsam für sich und das Baby zu kochen (dessen Portion wird vor dem Salzen abgezweigt). Das ist die Grundlage einer gemeinsamen Esskultur und der Entwicklung des Geschmacks.

Dagmar von Cramm kennt viele einfache, aber abwechslungsreiche Schulsnacks: So macht Schule Spaß!
livingathome.de:
Haben Sie eine spontane Idee für einen bei Kindern beliebten Kindergarten- oder Schulsnack?
Dagmar von Cramm:
Viele! Schoko- oder Früchtemüsli, Obstspieße, Milchreis mit Obstsalat, Tomaten-Mozzarellaspieße, Möhrchen im Bretzenmantel, im Winter heiße Maroni …
livingathome.de:
An Feiertagen bekommen Kinder oft tonnenweise Schokolade geschenkt. Was kann ich tun, wenn ich den Schokoladen-Konsum in Grenzen halten möchte?
Dagmar von Cramm:
Tarnen und täuschen: Schokolade einziehen und in wunderbaren Muffins und Kuchen verbacken oder öfter mal echten Schokoladenpudding kochen. Und wenn es nichts Rechtes ist, also eher Ramsch-Schokolade, dann entsorgen! Mein Kind ist doch kein Schokoladengrab!

Alle Kinder lieben Süßes, aber Kuchen sollte etwas Besonderes bleiben.
livingathome.de:
Wieviel Kuchen und Kekse sind generell erlaubt?
Dagmar von Cramm:
Das sollte etwas Besonderes sein, also keine Tagesration. Es hat ohnehin oft ein Kind im Kindergarten oder in der Schule Geburtstag, es gibt Einladungen in der Familie und den Sonntagskuchen. Da reicht eine Portion. Es kommt auch hier auf die Qualität an: Ein Zwetschgen- und Käsekuchen oder Apfelwaffeln können auch mal das Frühstück ersetzen. Beerenkuchen und Joghurtschnitte können gesünder sein als so manches Joghurtdessert. Aber Fertigkekse und Plundergebäck enthalten oft Transfettsäuren, und die sind echt schädlich Also auf die üblichen Spielplatz-Kekse pfeifen. Vor allem: Legen Sie kein Süßigkeiten-Lager an!
livingathome.de:
Wohin wird nach Ihrer persönlichen Einschätzung der Trend in der Ernährung gehen?
Dagmar von Cramm:
Essen als Freizeit mit der Familie wird wichtiger. Geschmack und Regionalität ebenfalls: Wir wollen wissen, wo unser Essen herkommt. Es soll uns eine Geschichte erzählen – das macht die Werbung schließlich vor. Schlaue Convenience wird zunehmen: frisches Obst und Gemüse – aber schon vorbereitet. Auf der anderen Seite wird die Gemeinschaftsverpflegung wachsen: tagsüber in der Schule oder am Arbeitsplatz essen. Exotische Küche, vor allem die asiatische, wird immer beliebter. Auch weil sie unserem modernen Lebensstil entspricht. Selber kochen hat seine Selbstverständlichkeit verloren, gewinnt aber damit an Attraktivität.
livingathome.de:
Vielen Dank für das Interview!
“Kochen für Kinder” von Dagmar von Cramm
Das Kochbuch enthält über 250 Gerichte, die Kinder gerne essen, sowie alles, was man über gesunde Ernährung von Kindern wissen sollte.
“Kochen für Kinder” ist im GU Verlag erschienen.
Preis: 19,99 Euro
“Lieblingsrezepte für Kinder” von Dagmar von Cramm
Das Kochbuch enthält 130 gesunde und schmackhafte Jeden-Tag-Rezepte für Kinder.
Es erscheint am 3. September 2012 im GU Verlag.
Preis: 19,99 Euro
Interview: Laura Steinau

Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin und Mutter dreier Söhnen. Sie hat als selbstständige Fachjournalistin eine Fülle von Büchern rund um Ernährung, Kochen und Gastlichkeit veröffentlicht. In vielen Fernsehsendungen war sie bereits als Expertin zu Gast. Seit 1995 ist Dagmar von Cramm ehrenamtliches Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Sie lebt in Freiburg.
























