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Dublin: Stadt der Worte

Internationale Meisterwerke, vier Literaturnobelpreisträger, bedeutende Schriftstellerbiografien: Das große literarische Erbe macht Dublin zu einer von weltweit sechs UNESCO-Literaturstädten und zu einem Mekka für Literatur-Liebhaber.

Dicht an dicht, aber bequem sitzt das Publikum in dem warm beleuchteten Raum. Alle schauen gespannt zur kleinen Bühne, nehmen noch einen kräftigen Schluck Tee und einen Bissen von den leckeren Schoko-Cookies. Dann beginnt Clare zu erzählen. Sie verändert immer wieder ihre Stimmlage oder unterstreicht ihre Erzählung mit Klopfgeräuschen; alle hören ihr gebannt zu. Sie erzählt eine traditionelle Geschichte aus Afrika, passend zum Motto des Abends: “Travellers Tales”.

Bei "Milk and Cookie Stories" muss sich niemand für seine Geschichte schämen: Das Publikum ist wohlwollend.

Bei der Veranstaltungsreihe “Milk and Cookie Stories” dreht sich alles ums Geschichtenerzählen, eine lange irische Tradition. Jeder ist willkommen: der Anfänger, der von seinen Erlebnissen im Bus auf dem Hinweg erzählt, oder der professionelle Schriftsteller, der seine neueste Geschichte zum Besten gibt.

Man trifft sich im Kulturzentrum Exchange Dublin an jedem zweiten Dienstag im Monat – aus Spaß an guten Geschichten. “An uns ist so besonders, dass wir überhaupt nicht zynisch sind. Das Publikum kann im Herzen der Stadt wunderbaren Zusammenhalt wiederentdecken. Etwas das heute kaum noch existiert”, so Danny, einer der ehrenamtlichen Beteiligten. Symbolisch dafür winken die Veranstalter mit einem Riesen-Cookie, um den Geschichtenerzähler sachte an sein Zeitlimit von zehn Minuten zu erinnern.

“Milk and Cookie Stories” in Dublin

Die Iren sind literaturbegeistert, ja geradezu verrückt nach dem geschriebenen Wort. Dazu haben sie auch allen Grund, kommen doch große Köpfe wie Oscar Wilde (“Das Bildnis des Dorian Gray”), Samuel Beckett (“Warten auf Godot”) oder James Joyce (“Ulysses”) aus der Stadt an der Liffey. Auch Jonathan Swift (“Gullivers Reisen”) sowie der Dichter und Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats nannten Dublin ihre Heimat.

Seit 2010 ist die Stadt offizielle UNESCO-Literaturstadt. Weltweit kommt diese Ehre nur fünf anderen Städten zu: Edinburgh, Norwich, Melbourne, Iowa City und Reykjavik. Damit ist Dublin Teil des internationalen Netzwerkes kreativer Städte der UNESCO. Die Städte fördern ihren Kulturbereich in besonderem Maße und tauschen untereinander vielfältige Ideen bezüglich ihrer künstlerischen, sozialen und ökonomischen Entwicklung aus.

Am ehrwürdigen Trinity College haben viele große irische Schriftsteller Literatur studiert. Foto: Long Room/Board of Trinity College

Wer auch nur annähernd verstehen will, was irische Literatur ausmacht, begibt sich am besten auf einen literarischen Pubcrawl. Dies hat nichts mit den Horden betrunkener Teenies in europäischen Großstädten zu tun: Aber auch hier erheben die Teilnehmer das ein oder andere Glas zu Ehren der großen irischen Schriftsteller. Schauspieler rezitieren, singen und erzählen aus dem großen Repertoire irischer Literatur. Der Ort ist kein Zufall: In Irland ist Literaturgeschichte auch Pubgeschichte. Schon Samuel Beckett wurde in seinem Lieblingspub direkt neben dem Trinity College häufiger als im Vorlesungssaal gesichtet.

Dublin-Besucher sollten aber einen Blick in das College werfen: Das Herzstück der Universität ist die Alte Bibliothek von 1732. Der Geruch von altem Pergament, der Anblick wuchtiger Ledereinbände: In dem beeindruckenden, 64 Meter langen “Long Room” werden die wertvollsten der 200.000 alten Werke aufbewahrt.

Der größte Schatz ist das “Book of Kells”, eines der ältesten Bücher der Welt. Es enthält die vier Evangelien des Neuen Testaments und lockt jedes Jahr Hunderttausende Besucher an. Immer zwei der aufwendig gestalteten Seiten sind zu sehen. Alle drei Monate blättert ein Mitarbeiter in weißen Schutzhandschuhen mit einer ehrfürchtigen Geste eine Seite weiter.

Der größte Schatz des Trinity College ist das "Book of Kells", eines der ältesten Bücher der Welt. Foto: Board of Trinity College

Wer sich selbst einmal wie eine Romanfigur fühlen möchte, mischt sich am 16. Juni unter die James Joyce-Fans in Dublin. Dann ist Bloomsday und “Joyceans” ziehen verkleidet durch die Stadt – immer dem Originalspaziergang des Romanhelden aus “Ulysses” folgend. Das Meisterwerk ist eine einzige Liebeserklärung an die Stadt.

Den Tag verleben die Fans genau wie die Romanfigur Leopold Bloom – daher der Name des Feiertages. Angefangen mit einer gebratenen Schweineniere zum Frühstück, dem Kauf einer Zitronenseife in der Apotheke Sweny’s, einem Gorgonzola-Sandwich mit Senf zum Mittag und natürlich diversen Gläsern Guinness in verschiedenen Pubs der Stadt: Mit jedem Schritt feiern alle ihren Lieblingsroman. Geleitet werden sie durch die Bronzetafeln auf den Bürgersteigen der Stadt.

Am Bloomsday werfen sich James Joyce-Fans in edwardianische Schale und wandeln auf den Spuren von "Ulysses" durch Dublin.

Wen große Spektakel etwas abschrecken, begibt sich einfach allein auf literarische Spurensuche durch die Stadt. Start ist der wunderbar ruhige Park Merrion Square. In einem der angrenzenden georgianischen Häuser verbrachte Oscar Wilde den Großteil seiner Jugend – deshalb ist in dem Park seine Statue zu finden. Danach wird über den kopfsteingepflasterten Campus des Trinity College geschlendert und natürlich das “Book of Kells” bestaunt. Rund herum sind viele Buchläden zu finden, in denen es sich nach dem einen oder anderen Klassiker stöbern lässt. Auch ein Abstecher in die Chester Beatty Library lohnt, um in alten Büchern aus der ganzen Welt zu wälzen.

James Joyce-Fans sollten unbedingt dem James Joyce Cultural Center einen Besuch abstatten: Das Leben des Autors ist hier auf hervorragende Weise interaktiv und medial aufbereitet.
Nach irischer Schriftstellermanier klingt der literarische Dublin-Tag in einem der unzähligen Pubs wie dem Künstlertreff “Grogan’s Castle Lounge” (15 South William St) aus. Bei einem Glas Guinness schweifen die Gedanken ab: Welche Geschichten hat diese Stadt wohl noch zu erzählen?

Fotos: Shutterstock (1), Milk and Cookie Stories (2, Video by Cian Brennan), Board of Trinity College (3,4), Tourism Ireland Ltd (5,6)

Text: Laura Steinau