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Dublin: Stadt der Worte

Internationale Meisterwerke, vier Literaturnobelpreisträger, bedeutende Schriftstellerbiografien: Das große literarische Erbe macht Dublin zu einer von weltweit fünf UNESCO-Literaturstädten und zu einem Mekka für Literatur-Liebhaber.

Ein irisches Sprichwort sagt, dass auf dem Rücksitz jedes Dubliner Taxis ein großer Roman entsteht. Das wird wohl leider nicht jedem Besucher gelingen, das Flair Dublins hat aber bereits viele Autoren zu literarischen Höchstleistungen inspiriert – das von James Joyce im Exil verfasste Meisterwerk “Ulysses” ist DIE Liebeserklärung an die Stadt.

Noch heute fallen Tausende “Joyceans” am 16. Juni – dieser einzige Tag ist Gegenstand von “Ulysses” – in Dublin ein und wandern in edwardianischen Kostümen mit wallenden Kleidern und Hüten den “James Joyce Trail”. Akribisch folgen sie  dem fiktiven Weg des Romanhelden Leopold Bloom durch die Straßen und Pubs der Stadt.

Am 16. Juni ist Bloomsday: Dann ziehen Joyce-Fans in Original-Kostümen durch Dublin.

Feste Stationen des sogenannten “Bloomsday” sind unter anderem das Sweny’s in Lincoln Place für den Kauf einer Zitronenseife und der Davy Byrne’s Pub. Nur an diesem Tag steht hier das Original-Mittagessen der Romanfigur – bestehend aus einem Gorgonzola-Sandwich mit Senf und einem Glas Burgunder – auf der Karte. Wer den “Bloomsday” feiert, braucht eben einen robusten Magen, denn wie im Roman muss der echte Fan bereits zum Frühstück eine gebratene Schweineniere und tagsüber unzählige Gläser Guinness verköstigen. Damit ist der “Bloomsday” der einzige offizielle Feiertag, der einem Roman gewidmet ist.

Joyce-Fans können aber das ganze Jahr auf den literarischen Spuren Blooms wandeln, indem sie den Bronzetafeln auf den Bürgersteigen der Stadt folgen. Um die Spurensuche abzuschließen, sollte dann ein Besuch des “James Joyce Cultural Center” folgen, das das Leben des Schriftstellers interaktiv und medial aufbereitet hat.

Von Samuel Beckett bis W.B. Yeats

Seit Jahrhunderten fließen in Dublin unermüdlich Worte in Romane, Theaterstücke, Gedichte. Selbst in Krisenzeiten wie der großen Hungersnot im 18. Jahrhundert gingen den Dublinern die Worte nicht aus. Seit 2010 ist die Stadt offizielle UNESCO-Literaturstadt und erfuhr damit höchste literarische Weihen. Neben Dublin kommt diese Ehre weltweit nur Edinburgh, Melbourne, Iowa City und Reykjavik zu.

Am ehrwürdigen Trinity College haben viele große irische Schriftsteller Literatur studiert. Foto: Long Room/Board of Trinity College

Dublin ist lebende Literaturgeschichte. Die Liste von international renommierten Schriftstellern ist lang. Der Verfasser von “Warten auf Godot”, Samuel Beckett, wurde in Dublin geboren und studierte an dem renommierten Trinity College, so auch Oscar Wilde, zu dessen berühmtesten Werken “Das Bildnis des Dorian Gray” zählt. Auch Jonathan Swift ersann die Geschichten um Gulliver und seine Reisen in der Hauptstadt. Er verbrachte wie Flann O’Brien, dessen Werke Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzte, fast sein gesamtes Leben in Dublin. Der irische Dichter und Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats lebte ebenfalls lange Zeit in der Stadt an der Liffey und gründete hier das Abbey Theatre.

Literaturgeschichte zum Anfassen

Der einzig wahre Ort, um jahrhundertealte Literaturgeschichte zu spüren, ist die ehrwürdige Bibliothek des Trinity College. Der Geruch von altem Pergament und der Anblick wuchtiger Ledereinbände in dem 64 Meter langen, holzverkleideten Long Room hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck auf den Besucher. Hier werden die wertvollsten der 200000 alten Werke aufbewahrt. Größter Schatz der Bibliothek von 1732 ist das “Book of Kells”, eines der ältesten Bücher der Welt. Es enthält die vier Evangelien des Neuen Testaments, ist jedoch nie im Ganzen einzusehen. Nur zwei Seiten sind zur gleichen Zeit sichtbar, jeden Tag wird eine Seite weitergeblättert.

Der größte Schatz des Trinity College ist das "Book of Kells", eines der ältesten Bücher der Welt. Foto: Board of Trinity College

Die literarische Energie der Stadt ist überall zu spüren. Ob eine der unzähligen Schriftsteller-Statuen, eines der vielen Geburtshäuser oder Orte wie der Merrion Square: Immerzu läuft der Dublin-Besucher über kulturell bedeutsamen Boden. Nahe dem schönen, ruhigen Park Merrion Square verbrachte Oscar Wilde einen Großteil seiner Jugend, wovon seine berühmte Statue mit den vielen Fan-Zitaten zeugt. Auch die Pubs der Stadt gehören zu diesen besonderen Orten, irgendwo hat immer eine literarische Größe seine Signatur hinterlassen.

Literatur in authentischer Umgebung: den legendären Dubliner Pubs

Der Lieblingspub Samuel Becketts lag direkt neben dem Trinity College, wo man ihn – so das Gerücht – häufiger antraf als im Vorlesungssaal. Die Iren sind belesene Literaten und eifrige Pubgänger. Beide Leidenschaften gehören unweigerlich zusammen. Bei einem literarischen Pubcrawl ist dies so deutlich wie nirgendwo sonst zu spüren. In Begleitung von Schauspielern ziehen Literaturfans von Pub zu Pub und erleben einen inspirierenden Crashkurs in irischer Literatur.  Hier wird den Texten von Wilde, Beckett und Co. Leben eingehaucht, Anekdoten aus ihrem Leben und irische Lieder sind zu hören und natürlich erheben die Teilnehmer das ein oder andere Glas zu Ehren dieser großen Schriftsteller. Aber achtung: Am Ende stellen die Veranstalter tückische Fragen!

Tradition und Moderne: Die irische Literatur ist damals wie heute voll schöner Geschichten.

Die Kunst Geschichten zu erzählen

Dublin hat nicht nur eine lange literarische Tradition, sondern noch heute eine vibrierende Literaturszene mit vielen Gegenwartsautoren und einer Fülle an kreativen Events. Dazu gehört die Veranstaltungsreihe “Milk and Cookie Stories” im Exchange Dublin an jedem zweiten Dienstag im Monat. Im Mittelpunkt stehen hier die Zuschauer und ihre Geschichten, denn die Kunst des Erzählens ist ebenfalls eine irische Tradition.

Bei "Milk and Cookie Stories" muss sich niemand für seine Geschichte schämen: Das Publikum ist wohlwollend.

Alle sind willkommen bei Tee und Cookies eine eigene Erzählung vorzutragen und – die Wertschätzung der Zuhörer zu erfahren: “An ‘Milk and Cookie Stories’ ist so besonders, dass wir überhaupt nicht zynisch sind. Das Publikum kann im Herzen der Stadt wunderbaren Zusammenhalt wiederentdecken. Etwas das heute kaum noch existiert. Das ist die wahre Tradition des irischen Geschichtenerzählens,” so der Veranstalter. In Zeiten von Facebook und digitalem Mobbing ist es herrlich nostalgisch, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen und die Mühe des anderen zu würdigen.

Auf die Frage hin, warum er immer nur über Dublin schreibe, antwortete James Joyce: “Wenn ich zum Herzen von Dublin vordringen kann, kann ich auch zum Herzen aller Städte der Welt vordringen.”