"Es gibt keine Regeln": Innendesignerin Tricia Guild im Interview

Im Jahr 1970 gründete Tricia Guild das Label “Designers Guild” in London. Heute ist die Marke, die für leuchtende Farben, auffällige Muster und beste Qualität steht, weltbekannt. Anlässlich ihrer Buchpräsentation interviewte Julia Klöpper die Designerin in München – und entlockte ihr praktische Wege zum guten Geschmack.
Mrs. Guild, wie sieht Ihr eigenes Haus aus – modern oder klassisch?
Mein Haus ist zeitgenössisch eingerichtet aber es wurde 1850 gebaut, ist also ein altes Stadthaus.
Und ist es mit vielen Mustern eingerichtet oder eher schlicht? Es gibt ja viele Modedesigner, die privat nur noch Schwarz tragen…
Ich liebe das, was ich tue und ich wohne gerne damit. Also gibt es auch bei mir zu Hause einen Mix aus Farben und Mustern, aus Leinen, Seide und Samt.
Wechseln Sie die Einrichtung Ihres Hauses oft?
Ich verändere nicht die Einrichtung, aber ich tausche die Stoffe aus. Nicht alle auf einmal und nicht ständig, aber ich experimentiere damit. Wenn Leute mich besuchen, ist es für mich wichtig, ihnen in einer wohnlichen Atmosphäre zu zeigen, was ich tue. Manche Dinge verändere ich auch im Laufe der Jahreszeiten und tausche die Accessoires aus – die Teppiche, die auf den Stein- und Holzböden liegen, nehme ich zum Beispiel weg, wenn draußen wunderschönes Wetter ist. Es wechselt also eher die Atmosphäre als die komplette Einrichtung.
Denken Sie an einen bestimmten Raum oder ein bestimmtes Haus, wenn Sie Ihre Tapeten und Stoffe entwerfen?
Nein, die Inspiration kommt eher von Dingen wie einem Gemälde, einem Stoff, einer Fotografie – es könnte alles sein. Manchmal inspiriert mich auch ein architektonischer Stil, zum Beispiel ein Theater oder Bühnenbilder.
"Es gibt keine Regeln": Innendesignerin Tricia Guild im Interview
Sitzecke des Münchener Showrooms, in dem das Interview stattfand.

„Ich mag es, wenn sich ein bestimmtes Gefühl durchs ganze Haus zieht.“

Angenommen, Sie gestalten eine Wohnung. Planen Sie Raum für Raum? Oder wählen Sie ein übergeordnetes Konzept für alle Räume?
Wenn man mit einer leeren Haus beginnen kann, ist das fantastisch. Dann kann man ein komplettes Konzept entwerfen. Natürlich kann jedes Zimmer eine eigene Persönlichkeit haben, und es müssen nicht in jedem Raum dieselben Farben oder Muster auftauchen, aber ich ziehe es vor, wenn trotzdem alles zusammen hängt und sich ein bestimmtes Gefühl durchs ganze Haus zieht. Man möchte nach einem indisch inspirierten Raum ja nicht plötzlich in einem Zimmer im Landhausstil stehen – das könnte doch etwas verwirren.
Was sind die wichtigsten Fragen, die man sich selbst beantworten sollte, bevor man seine Wohnung neu gestaltet und dekoriert?
Wichtig ist, herauszufinden, ob man zeitgemäßes Design mag. Ob man Antiquitäten mag. Ob man ausschließlich das eine ODER das andere mag. Diese Entscheidungen muss man sich selber erarbeiten, bevor jemand anderer bei der Auswahl der Inneneinrichtung helfen kann. Wenn aber Kunden zu Designers Guild kommen, haben sie meist schon ein Gefühl dafür, was wir tun und mögen es. Und wenn man weiß, was man mag, hat man einen Schlüssel zu seinem eigenen, individuellen Stil. Das möchte ich in meinem neuen Buch zeigen.
Unsere Kollektion umfasst eine große Bandbreite. In manchen Locations haben wir ausschließlich einfarbige Stoffe verwendet. Die Hälfte unserer Tapeten- und Stoffkollektion ist einfarbig. Ungefähr ein Drittel ist in neutralen Farben wie Weiß, Beige und Schwarz gehalten. Nur reden die Leute darüber nicht.
Das heißt, Sie präferieren weder Muster noch einen schlichten Look?
Weder ist das Eine richtig, noch das Andere falsch – es geht immer nur darum, zu was man sich hingezogen fühlt. Das ist, als wenn man ein Parfum wählt oder ein Gericht – man muss einfach das eigene Gefühl entscheiden lassen. Und danach gibt es eine Menge Leute, die einem weiterhelfen können.
Wie erreicht man, dass eine Wohnungseinrichtung harmonisch wirkt?
Man sollte sich überlegen, ob man eher schlichte oder gemusterte Wände haben möchte, ob man eher verspielte oder grafische Muster mag. Ob man sich Streifen, Karos oder Blumenmuster wünscht oder gar keine Muster verwenden möchte. Was diese Fragen angeht, braucht man eine Festlegung, um von irgendeinem Punkt aus mit der Auswahl starten zu können. Ich persönlich finde es interessant, wenn man von einem Raum in den anderen geht, und auf einen gemusterten ein schlichter Raum folgt. Aber grundsätzlich gibt es keine Regeln. Weil man sie immer brechen kann.

„Es gibt keine Regeln. Weil man sie immer brechen kann.“

Aber doch nur, wenn man auch weiß, wie…
(lacht) Ja, aber ich kann keine Regeln aufstellen. Denn in dem Moment, wo man Regeln festlegt, setzt man sich Scheuklappen auf und schränkt sich ein. Es gab zum Beispiel mal dieses Sprichwort „blue and green should never be seen“ – Blau und Grün sollten niemals zusammen verwendet werden. Aber soll das eine Regel sein, nur weil es irgendjemand mal gesagt hat? Das ist lächerlich. Wir verwenden Blau und Grün ständig zusammen. Es sind die Schlüsselfarben der Natur – blauer Himmel und grüne Hügel.
Und wann wirken verschiedene Muster, die man miteinander kombiniert, harmonisch?
Nehmen Sie einen gemusterten Stoff, dazu einen mit Streifen und einen mit Karos. Wichtig ist, dass sich die Farben aufeinander beziehen, also in den verschiedenen Mustern wieder auftauchen. Versuchen Sie nicht, diverse Farben in einem Raum wild zu mischen – wenn man nicht gerade sagenhaft begabt ist, könnte das in einem großen Schlamassel enden.
"Es gibt keine Regeln": Innendesignerin Tricia Guild im Interview
Tapetenmuster im Showroom von Tricia Guild.

„Ein gemustertes Kissen, das man mag, liefert die Farbpalette für den ganzen Raum.“

Und wie finde ich Farben für einen Raum, die zusammen passen?
Da können Sie sich auch behelfen, indem Sie ein gemustertes Kissen nehmen, das Ihnen gut gefällt. Angenommen, es hat Streifen in sechs Farben – dann bleiben Sie in diesem Raum bei diesen Farben, und der Mix wirkt harmonisch. Wichtig ist, die Farben auch unifarben wieder auftauchen zu lassen – also zum Beispiel unifarbene Gardinen zu gemusterten Kissen. Es sollte nicht jedes einzelne Teil gemustert sein.

„Flure sind oft vergessene Flächen. Für mich sind sie die Visitenkarte eines Hauses.“

Gibt es bestimmte Farbregeln für kleine oder dunkle Räume?
Es gibt diese Regel, ein kleiner Raum solle weiß sein. Aber damit bin ich nicht einverstanden. Dann ist es doch nur ein kleiner, weißer Raum. Viel wichtiger als die Farbe ist die Beleuchtung und was man aus dem Raum macht. Nehmen wir ein Beispiel: Flure sind oft nicht besonders interessant, vergessene Flächen. Dabei sind sie wie eine Visitenkarte. Man betritt ein Haus und der Flur ist die Seele. Selbst wenn ein Flur klein ist, kann er sehr charakteristisch sein. Man kann die Wände mit Mustern versehen, sie extravagant gestalten. Oder eine wunderschöne Farbe für die Wände aussuchen. Dann spürt man sofort eine Atmosphäre, wenn man das Haus betritt. Für mich zählt dieser erste Eindruck.
Fotos: Designers Guild (1), James Merrell (3), Julia Klöpper (2)
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