Zeitgeist Wertschätzen, was da ist

Ständiger Fortschritt erscheint uns heute normal. Der Soziologe Hartmut Rosa findet das bedenklich, denn durch die damit verbundene Hektik entfernen wir uns von uns und anderen.

Es gab nie zuvor eine Epoche, in der Menschen so frei waren, zu denken und zu glauben, was sie wollen, und in der so viele Möglichkeiten offen standen, sagt Soziologe Hartmut Rosa. Deshalb wirke es, als hätten wir viel Gestaltungsspielraum. Doch letztlich gebe es immer irgendetwas, das wir tun müssen, den ganzen Tag lang: Ich muss einen Text zu Ende schreiben, den Geburtstag meiner Tochter organisieren, meine Mutter besuchen. Und sogar: Ich muss in den Urlaub fahren. Ständig geht es um Verpflichtungen.

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Die Folge ist, dass wir uns Menschen und Dingen gegenüber ganz anders verhalten. Hartmut Rosa beobachtet: "Beschleunigung führt zu Entfremdung. Das bedeutet, dass wir verlernen, eine echte Verbindung zu anderen Menschen oder zur Welt um uns herum herzustellen. Man erlebt und spürt Dinge und Menschen nicht mehr, ist nicht ausreichend offen. Ein simples Beispiel: Wenn ich in einer Stadt wie Amsterdam bin, könnte ich die wunderbare Metropole einfach genießen. Bin ich aber beruflich dort und habe Zeitdruck, engt sich mein Blick automatisch sofort ein. Ich kann dann nicht mehr offen für Eindrücke und Erlebnisse sein, sondern hetze fahrig an allem vorbei, bin entfremdet. Dasselbe gilt für unsere Kleidung, Fahrräder oder Möbel, die wir wegwerfen, sobald sie nicht perfekt funktionieren. Wer sich nicht um Dinge sorgt oder sie repariert, wird nicht mit ihnen vertraut, kann auch hier keine wirkliche Beziehung aufbauen."

Erst wenn man Besitztümer pflegt, repariert oder verändert, werden sie ein Teil unserer Geschichte und Identität, ist Hartmut Rosa überzeugt. Sie werden unser Eigen. Doch wenn wir so schnell wie möglich durchs Leben gehen und uns nur auf die Erhöhung von Geschwindigkeit und die Verbesserung der Ergebnisse konzentrieren, können wir keine lebendige Beziehung zu Menschen und Dingen pflegen - und deshalb auch kein gutes Leben führen.

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"Ein gutes Leben ist das genaue Gegenteil eines entfremdeten Lebens", sagt Rosa. "Es gibt für uns alle Momente, in denen wir sagen: So sollte das Leben also sein, so war es gemeint. Das sind Augenblicke, in denen wir etwas erleben, das ich als Resonanz bezeichne. Wenn wir von einer Person, einem Erlebnis oder einer Beobachtung berührt sind, dann gehen wir in Resonanz mit der Welt." Das passiere immer dann, wenn eine spürbare Verbindung zwischen uns und dem Rest der Welt entsteht.

Das ganze Interview könnt ihr in Flow #30 lesen - jetzt bestellen. Text: Sjoukje van de Kolk

Illustratorin Eva Wünsch

In ihren Zeichnungen hält die Nürnberger Illustratorin Eva Wünsch auf den ersten Blick unbedeutende Alltagsmomente fest. "Das ist wie Tagebuchschreiben, es konserviert Momente", sagt sie. Meistens beginnt sie mit einem Fineliner auf Papier und arbeitet dann am Computer weiter.

Die Begeisterung für die Illustration entdeckte sie in ihrem Design­studium. Für Flow gestaltet Eva diverse Überschriften und Zitate. Sie selbst sagt: „Ich umgebe mich gern mit schönen Dingen, aber was bleibt, sind Erinnerungen. Gemeinsame Zeit mit meinen Freunden, wenn scheinbar langweilige Abende unverhofft verrückt werden oder ich mich einfach nur aufgehoben fühle - das ist es, woraus ich nach Jahren noch Kraft ziehe.“

Mehr über ihre Arbeit erfährst du hier:

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