Beziehung Vergeben braucht Zeit

Anderen zu verzeihen gelingt nicht auf Knopfdruck, es erfordert Zeit und Mühe. Warum es sich trotzdem lohnt - und gerade auch für uns selbst wichtig ist.

Vor einer Weile verbrachte ich einen Abend mit einer guten Freundin, und wir unterhielten uns bei einem Glas Wein über die Dinge, die uns in jüngster Zeit bewegten. Ein Paar, das wir beide kennen, hatte sich gerade getrennt, der Grund war wohl ein Seitensprung.

Meine Freundin erzählte mir daraufhin, dass ihr Partner sie in der Vergan­genheit ebenfalls mal betrogen hatte, lange bevor ich die beiden kennenlernte. Ich war völlig überrascht. Sie machten so einen glücklichen Eindruck, lachten viel mitein­ander und teilten die gleichen Träume. Gerade hatten sie sich ein sanierungsbedürftiges Haus auf dem Land gekauft, ein Projekt, das sie nur als Team stemmen konnten. Dass es in ihrer Beziehung ein dunkleres Kapitel gab, hielt ich nicht für möglich, denn davon schien nie etwas durch. Wie hatte meine Freundin so unbeschwert mit dem Ver­trauensbruch umgehen können? Diese Frage beschäftig­te mich, und ich suchte nach einer Antwort.

Vergeben braucht Zeit

"So ask yourself now: Can you forgive her if she begs you to", heißt es in einem Song der Pet Shop Boys, "or do you want revenge?" - Kannst du tatsächlich verzeihen, oder willst du Rache? Verzeihen beinhaltet, dass man je­mandem sein fehlerhaftes Verhalten nicht mehr übel­nimmt. Indem man dem anderen vergibt, kann man wieder miteinander am Tisch sitzen, ohne durch negative Gefühle belastet zu werden.

Ich habe im Laufe der Jahre häufiger anderen vergeben, ebenso wie ich einige Dinge gesagt und getan habe, von denen ich froh bin, dass sie mir verziehen wurden. Gute Beziehungen zu Verwandten, Freunden, Kollegen und Nachbarn: Sie gelingen nicht, ohne dass man einander Fehler vergibt. Sieht man einmal genau hin, steckt der Alltag voller Momente, in denen wir anderen wehtun, versehentlich oder absichtlich.

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Dafür ist auch der wunderbare Film Boyhood von Richard Linklater ein gutes Beispiel. Er begleitet den Jungen Mason beim Heranwachsen, von seinem sechsten Lebensjahr bis zum Ende seiner Schulzeit. Mason hat oft unter seinen getrennt lebenden Eltern und ihren manchmal falschen Entscheidungen zu leiden. Viele Umzüge und ein alkoholabhängiger Stiefvater prägen seine Kindheit. Trotzdem steht Mason loyal zu seinen Eltern. Er akzeptiert sie so, wie sie sind. Als sein leiblicher Vater nach langer Abwesenheit plötzlich vor der Tür steht, schließt er ihn einfach wieder in die Arme.

Laut der Philosophin Hannah Arendt, die 1941 vor den Nazis in die USA flüchtete, ist Vergebung Teil unseres Menschseins. Es macht schlimme Geschehnisse nicht ungeschehen, sorgt aber dafür, dass wir weiterleben können - und zwar sowohl, wenn wir etwas Verletzendes getan haben, als auch, wenn wir verletzt wurden. Ohne Vergebung für unsere Taten würden wir uns in der gleichen Situation befinden wie der Zauberlehrling im gleichnami­gen Gedicht von Goethe, der den Zauberspruch ver­gessen hatte, mit dem er das Heraufbeschworene wieder beenden konnte, schreibt sie in ihrem Buch Vita activa.

Und auch das Umgekehrte gilt: Wenn wir mit den Dingen nicht ins Reine kommen, die uns Leid und Kummer ver­ursacht haben, werden sie uns ewig verfolgen. Verzeihen ist deshalb nicht nur ein heilender Schritt in der Bezie­hung mit demjenigen, der einem Leid angetan hat. Es ist auch ein Akt der Güte sich selbst gegenüber.

 

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Text (gekürzt): Mariska Jansen, Sarah Erdmann

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