Reise Winterland

Jedes Jahr aufs Neue versprechen Patrick Ohligschläger und seine Frau Rahel ihren Kindern einen richtigen Winter. Mit Schneemann bauen, Schlittenfahren und Schneeballschlacht. Und jedes Jahr aufs Neue scheitert das Paar am norddeutschen Wetter. Fällt in ihrer Heimatstadt Lübeck tatsächlich mal Schnee, pappt er zusammen und taut am Bordstein vor sich hin. Also packten Patrick und Rahel ihre Töchter ein und fuhren in den Norden: nach Finnland. Vier Gründe, warum diese Reise für die ganze Familie unvergesslich bleibt.
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"So viel Schnee hatten wir noch nie gesehen. Alles um uns herum war weiß." Patrick Ohligschläger, Fotograf

1. Der Schnee

Womit wir nicht gerechnet haben – als wir in Helsinki ankamen, lag die Temperatur bei minus 26 Grad! Kaum waren wir aus dem Flughafen raus, hat Karlotta sofort vor lauter Begeisterung ihre Hände in einen großen Haufen Schnee gesteckt. In Deutschland würde bei solchen Temperaturen das Eis zum Klumpen gefrieren. In Finnland aber ist die Luft extrem trocken, dadurch wird der Schnee zu Pulver – und sehr, sehr kalt. Das hat unsere Dreijährige zu spüren bekommen. Danach war klar: Draußen bleiben die Handschuhe an.

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Strahlendes Weiß, in dem der Atem Raureif bildet: Die Familie erwartet klirrender Frost und Pulverschnee

Und was noch ganz anders als bei uns zu Hause war – aus dem Pulverschnee ließ sich weder ein Ball formen noch ein Schneemann bauen. Als ob der Schnee aus weißen Styroporkügelchen bestünde. Das fanden unsere Kinder erst schade. Dann entdeckten sie aber, dass sich der Schnee ganz leicht von den Bäumen schütteln ließ. Sich in die weißen Schwaden zu stellen war ein Riesenspaß für unsere Mädchen.

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Klirrender Frost hat aber auch etwas Beißendes. Die Atmung fällt schwer, man ist dick eingepackt, das Stapfen durch den Schnee strengt an. Vor allem wenn ein Kind auf den Schultern sitzt.

Durch die Eiseskälte konnten wir draußen gar nicht so aktiv sein. Das war nicht schlimm, sondern sehr entspannend. Manchmal blieben Rahel und ich nur im Haus, die Mädchen haben draußen Tannenzapfen gesammelt und mit Stöcken gespielt.

2. Die Finnen

Weil wir nicht genug warme Sachen eingesteckt hatten, mussten wir gleich bei der Ankunft Kleidung und Stiefel vom Besitzer unseres Ferienhauses ausleihen. Zum Glück hat er uns ohne viel Federlesens ausgeholfen. Wir haben die Finnen ohnehin als sehr offen und herzlich empfunden und gar nicht so reserviert, wie man es den Nordländern nachsagt.

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Unvorbereitet in den finnischen Winter gestolpert – der nette Hausbesitzer erweist sich als Retter in der Not

Wie in allen skandinavischen Ländern sind sie ganz selbstverständlich auf Kinder eingestellt, was es einem mit einer Drei- und Fünfjährigen leichter macht. Auch unser Gastgeber stellte sich als kinderlieb heraus. Bei der Begrüßung fragte er die Mädchen: „Habt ihr Lust auf Schlittschuhlaufen?“ Die Antwort lautete natürlich: Ja. Unser Hausbesitzer ist dann extra eine Dreiviertelstunde nach Helsinki gefahren, um die Schuhe zu holen. Er hat uns noch gesagt: „Ich lege euch die Schlittschuhe vor die Tür und klopfe nicht extra.“ Und so war es auch. Diese Gast­freundschaft hat dafür gesorgt, dass wir uns sehr willkommen gefühlt haben.

3. Die Sauna

Am meisten haben wir es genossen, in den Tag hineinzuleben. Morgens den Kachelofen anfeuern und ausgedehnt frühstücken. Die Kinder haben vor dem Kamin gepuzzelt oder Memory gespielt.

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Dann sind wir meist runter zum See gegangen. Ich weiß noch, wie wir auf dieser riesigen weißen Scheibe standen und den Kindern erklärt haben, dass dies eigentlich alles Wasser ist. Unser See war übrigens keine spiegelblanke Fläche, sondern eingeschneit. Bevor die Mädchen Schlittschuh laufen konnten, mussten wir erst ein kleines Quadrat frei fegen. Aber das Vergnügen war die kleine Anstrengung wert. Wenn wir dann so richtig durchgefroren waren, ging es in die Sauna. Die Schwitzhütte gehört praktisch zur Grund­ausstattung jedes finnischen Hauses. Bei uns gab es ein Saunahaus unten am See, das wir über Stiegen erreichen konnten. Die Sauna mussten wir selbst vorbereiten, also Wasser zum Zuber bringen und einheizen. Wenn alles fertig war, haben wir einträchtig in dem heißen Dampf miteinander geschwitzt. Zwischendurch ging es zur Abkühlung in den Schnee. In Finnland sind unsere Kinder zum ersten Mal in der Sauna gewesen und fanden es total schön. Diese ungezwungene Nacktheit hat uns als Familie einander nähergebracht.

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Entschleunigung pur: Nichts tun, die Sauna anheizen und dann gemeinsam schwitzen. Ein besonderes Erlebnis – vor allem die Abkühlung danach

In Finnland gehört eine Sauna in die kleinste Hütte – am liebsten direkt am See. Dort springen die Finnen zur Abkühlung gleich rein. Im Winter schlafen sie einfach ein Loch in die Eisdecke.

4. Die Natur

Unser Ferienhaus im Nuuksio-Nationalpark lag völlig abgeschieden an einem See. Genau das wollten wir so. Keine direkte Nachbarschaft, kein Straßenlärm, nur Natur um uns herum. Dadurch war es deutlich ruhiger als bei uns in Lübeck, denn der Schnee schluckt zusätzlich jegliche Geräusche. Diese Stille war unglaublich wohltuend und hat uns alle ruhiger gemacht.

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Urlaub in einer finnischen Hütte heißt Leben in der urwüchsigen Natur. Sie lehrt Bescheidenheit

Auf große Ausflüge haben wir aber bei den eisigen Temperaturen verzichtet. Deshalb ist auch der Ausflug zum Weihnachtsmanndorf in Lappland flachgefallen. Die kleine Enttäuschung haben unsere Mädchen aber gut verkraftet, weil wir dafür zweimal das Nationalpark-Museum besucht haben, wo sie neue finnische Kuscheltier-Freunde gefunden haben: Kar­lotta ein Rentier und Filippa ein Gleithörnchen, das Wappentier des Nationalparks. Dort wurde auch erklärt, welche Tiere im Wald leben und was dort alles wächst. Das hat uns gefallen. Wir wollen unseren Kindern nämlich vermitteln: Wir sind ein Teil der Natur und müssen gut auf sie achtgeben. Und in Finnland begegnet man wirklich grandioser Natur. Wenn Rahel und die Kinder schon im Bett lagen, bin ich nachts oft noch zum See gegangen und stand einfach in der Kälte unter dem gigan­tischen Sternenhimmel. Ein kleiner Mensch, der dankbar ist für alles, was er hat.

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Wo das Flughörnchen wohnt: Nuuksio-Natiopark in Südfinnland

Wer unberührte Natur sucht, ist im jüngsten Nationalpark Finnlands genau richtig. Markierte Wanderwege und Naturpfade führen durch eine wunderschöne Seen- und Hügellandschaft, die nur eine Dreiviertelstunde von Helsinki entfernt liegt. Im Park gibt es zwölf Campingplätze mit Feuerstellen. Einfache Hütten vermittelt „Sea & Mountain Adventures“ (www.sma.fi), Blockhäuser mit mehr Komfort findet man beim finnischen Veranstalter „Feel the Nature“ (www.feelthenature.fi).

Hinkommen Mit Auto, Bus und Bahn von Helsinki gut erreichbar. Infos zu den Anreisemöglichkeiten und eine Mappe des Nationalparks unter www.nationalparks.fi
Nuuksio-Rentierpark Nuuksiontie 83, 02820 Espoo, nuuksiowhitereindeer.fi Finnlands südlichster Rentierpark. Die Website gibt Auskunft über Öffnungszeiten.
Winter- und Schneeschuhwandern Mannerheiminaukio 2, 00100 Helsinki, feelthenature.fi Geführte Wanderungen durch den Park, auch bei Vollmond möglich.

Protokoll von Elke Polomski