Reise "Ist ja für Papa!"

Unsere Autorin erfüllt den Herzenswunsch ihres 84-jährigen Vaters – mit seiner Familie die klassische Hurtigruten-Reise zu unternehmen. Ein Glück für alle.
Polarlichter in Norwegen

Stundenlang könnte ich hinschauen. Wie das so ist bei Dingen, die ich noch nie gesehen habe: Meine Tochter, die Minusgrade hasst, strahlt die Flocken an, hält ihr Gesicht verzückt ins dichte Schneegestöber. Es ist saukalt, sie ist sauglücklich. Sie breitet die Arme aus, als wollte sie das Nordkap umarmen. Oder am besten gleich die ganze Welt. Mein Sohn grinst, seine Großeltern lächeln glücklich. In schweigender Eintracht schauen sie in die graue Suppe, in der irgendwo das Meer endet und der Himmel beginnt. So viel Familie war selten. So viel Naturgewalt um uns herum auch. Und ich frage mich nicht das erste Mal auf dieser Reise auf der alten Postschiffroute Norwegens, ob das eine mit dem anderen nicht eine Menge zu tun hat.

Einmal im Leben das Nordlicht sehen

Eine Kreuzfahrt zu fünft, mit Frau, Tochter und Enkeln. Drei Generationen auf Tour. Der größte Wunsch meines 84-jährigen Vaters. In dem Alter hat man nicht viel Zeit zu verlieren. Der einzige gemeinsame Nenner für den Termin: Februar. Die Frauen der Familie wollten in die Wärme, aber mein Vater hatte andere Ideen: einmal auf der traditionellen Postschiffroute Hurtigruten zwischen Bergen und Kirkenes unterwegs sein, eine Woche lang. Alle außer meinem Vater sahen sich schon in der Eiswüste, vom kalten Wind verweht, inmitten der kargen Arktislandschaft und gefangen im ewigen Dunkel der Polarnacht. Okay, seufzten wir. Ist ja für Papa. Meine Mutter sagte: „Na ja, es gibt ja viel Unterhaltung auf solchen Schiffen.“ – „Nein“, sagte ich, „nicht auf einem Postschiff. “ – „Ist ja für Papa“, seufzte sie. Es gibt aber einen Whirlpool, verkündete ich meiner Tochter abends. Die checkte sofort online die Gegebenheiten vor Ort und fragte: „Und wo ist der richtige Pool?“ Ich antwortete, es gäbe keinen. Es gab eine winzige Pause, bis sie sagte: „Na gut, ist ja für Opa.“ Was ist mit WLAN?, fragte mein Sohn. Ich wusste es nicht. „Ich weiß schon: Ist ja für Opa“, seufzte Fabian. Ich beschloss, die Zähne zusammenzubeißen. Ich hatte von Seglern gelesen, die sich nach wenigen gemeinsamen Stunden auf dem Meer an die Gurgel gingen. Aber bitte: Ist ja für Papa.

Nichts lenkt von der grandiosen Natur ab

Strahlende Sonne im kleinen norwegischen Bergen. Sehr versöhnlich. Träge dümpelt die „MS Polarlys“ im Hafen. Unser Schiff. Es gibt keine alberne Musik, keine Fanfaren, keine Animateure, die um einen herumspringen – nur ein paar freundliche norwegische Stewards. Normal, geerdet sozusagen, wenn man das von einem Boot sagen kann. Ich helfe meinem Vater die Reling hoch: „Jetzt bist du endlich auf deinem Postschiff“, sage ich. Und finde plötzlich selbst Gefallen an dem Gedanken. Meine Eltern möchten sich ausruhen, Svea, Fabian und ich laufen durch die Stadt. Durch Puppenstubengassen, an Bilderbuchfassaden vorbei, schauen vom 320-Meter-Hügel Fløyen runter auf die Stadt, die Fjorde, den Hafen. Und auf unsere „Polarlys“.

Alle Kinder müssten in Norwegen aufwachsen.

Christian Morgenstern (1871–1914), deutscher Dichter

Die Norweger sind coole Leute, findet Fabian. „So entspannt und unaufgeregt irgendwie.“ Svea nickt. Die Sonne schwebt ins Meer. Wir schweben mit der Stadtseilbahn zurück gen Fischmarkt. Ein tiefer Mond hängt über dem Wasser, als das Schiff später ablegt, Bergen wird kleiner. Zu fünft stehen wir an Deck. Papas großer Traum. „Meinst du, wir sehen Nordlichter?“, fragt meine Mutter. Viel später, nach dem Essen, gehe ich noch mal zurück an Deck. Halte das Gesicht in den Wind und versuche, die Konturen der Küste zu erkennen – und entdecke Svea am Bug. Ihr ist lang­weilig? Bestimmt. „Sind das Polarlichter?“, fragt sie mich und deutet auf ein paar helle Nebelschwaden im Dunkel. Das ist keine Langeweile, das ist Ver­zücktheit. Ich bin fast ein bisschen gerührt. Der Schiffsmotor rumort gleichmäßig in der Stille der Nacht, das Nordmeer ist so weit, und es gibt schon jetzt nichts Schöneres, als einfach unterwegs zu sein. Wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal Zeit genommen, nur die Sterne anzugucken?

Wir entdecken neue Seiten aneinander

Das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen dehnen wir ins Endlose aus. Plaudern, lachen. Eine kom­plette Stunde gucken wir alle nur nach draußen. Der Himmel ist klar, die Fjorde schimmern grüngrau. Es gibt wenig zu tun an Bord, und schon bald däm­mert uns, dass es nichts Schöneres geben kann. Immer hält das Schiff stur Kurs auf irgend­einen unaussprechlichen Hafen, auf Stokmarknes, Brønnøysund, Skjervøy und wie sie alle heißen. Und dazwischen: Natur pur. Je nördlicher wir kommen, desto weißer wird die Landschaft, desto kühler die Luft. Immer stärker weht der Hauch von Abenteuer durch die Abgeschiedenheit. Möwen begleiten uns, Trottellummen und ein paar Seeadler kreuzen unsere Fahrt. Manchmal hoffen wir, zwischen den Wellen irgendwo die Fontäne eines Belugawals zu erspähen. Längst haben wir den Polarkreis überquert. „Man kommt sich so klein und unbedeutend vor, wenn es nichts als Natur gibt“, sagt Fabian. Ich nicke. Wie lange stehen wir schon zusammen an Deck, die Kinder und ich? Meine Eltern kommen hinzu, mein Vater erzählt von einer Dienstreise nach Norwegen. „Du hattest mir einen silbernen Kettenanhänger mitgebracht“, erinnere ich mich. „Mit dem Naturgott Bigolmai, mit Schaufeln, um die Winde zu schöpfen.“ Dass du das noch weißt, lächelt mein Vater. Wir ent­decken Berge, gewaltige Fjorde, Winterlicht. Aber in Wirklichkeit entdecken wir hier völlig neue oder vergessene Seiten aneinander.

Lauschen in der Eismeerkathedrale

Das Schiff hat seit 1893 seinen festen Plan, wir haben keinen. Es gibt Essenszeiten, ja sicher, und ein-, zweimal täglich hält das Schiff auf seiner 2500 Kilometer langen Route in einem anderen Hafen, um Lebensmittel, Wasserkästen, Medi­kamente und Pakete abzugeben. Oder um ein paar Stündchen zu bleiben. Vor der Reise dachte ich: Wie gut, dass es wenigstens einen Halt pro Tag gibt. Jetzt denke ich: Es ginge auch ohne. Wir machen kaum einen der organisierten Ausflüge, wir fliegen selbst aus, mein Vater ist nicht gut zu Fuß, braucht sein eigenes Tempo. Zusammen wandern wir durch den mächtigen Dom in Trondheim. Stapfen durch den tiefen Schnee am Nordkap. Vertreten uns die Beine im kleinen Svolvær auf den Lofoten. In Tromsø fahren wir mit Hundeschlitten durch den Winter. Die Hunde japsen aufgeregt, ziehen an, wir schmiegen uns in die Felle. Die Welt im Schnee ist so still, hier in der Polnähe ist sie noch ver­wunschener. Es gibt Momente, in denen man weiß, dass man sie nie vergessen wird. Das hier ist so ein Moment. Uns allen liegt ein Grinsen auf dem Gesicht. Nachmittags erleben wir gleich noch so einen Augenblick: Irgendein Fremder übt auf der Orgel in der Eismeerkathedrale von Tromsø. Wir stehen zu fünft da und lauschen. Gefangen von ein paar Tönen und von eisigem Dämmerlicht, das durch die riesigen Schmuckfenster fällt.

Dreh dich nicht pausenlos im Kreis, sondern lerne, die nahen Dinge zu schätzen.

Norwegisches Sprichwort

Am Abend erzählen meine Eltern von ihrer Schulzeit in Ostfriesland, von Onkels und Tanten, die wir nie kennengelernt haben. Familiengeschichten. Manchmal schweigen wir nur gemeinsam. Zwischendurch bringe ich Svea das Stricken bei, betrachte, wie konzentriert sie Fäden zu Maschen zusammenfügt. Wie stolz sie nach jeder mühsamen Reihe ist. Und wie sie schneller und geschickter wird. Das Handy habe ich schon einige Stunden nicht mehr in ihrer Hand gesehen. Was ist das Geheimnis dieser Tage? Sind es die vielen absichtslosen Stunden? Noch nie haben mich ein bloßes Stück Landschaft, ein paar Sätze mit meinen Kin­dern so gefesselt. Weil nichts an meiner Aufmerksamkeit zerrt, meine Gedanken zerreißt. Die Natur – ein Entertainment, wie es spannender nicht sein kann: die Formen der Felsen, die Über­raschung, eine unerwartete Insel zu entdecken oder einen einsamen Leuchtturm. Ein dramatischer Schlund eines Fjordes, der sich öffnet. Die ständig wechselnden Farben des Wassers, des Lichts, des Himmels. 100 Fjorde, 1000 Berge, schwärmen die Norweger von ihrer Küste. Kommt wahrscheinlich hin. Wie es wohl wäre, hier zu leben, in einer der verschlafenen Fünf-Häuser-Siedlungen, zwischen Schnee und Eis?

Grünliche Schlieren durchziehen den Himmel

Irgendwann, Tag fünf oder sechs, fährt am späten Nachmittag ein großes Kreuzfahrtschiff an uns vorüber. Man hört Musik, sieht Discolichter tanzen. „Ich würde wahnsinnig werden“, sagt meine Toch­­ter. „Wie anstrengend, sich entscheiden zu müssen: Gymnastikkurs, das Kino, Bingo? Auf unserem Postschiff ist der Star nur die Natur.“ Da­rauf darf man sich komplett einlassen. Vielleicht ist es die beste Voraussetzung, nichts zu erwarten, keine Bilder im Kopf mit herumzutragen.

Trotzdem verblüffend: Allein den Ausdruck „schöne Landschaft“ habe ich als Kind auf Reisen mit meinen Eltern früher gehasst. Es war selten mehr als ein anderes Wort für Langeweile. Ich hatte nicht erwartet, dass es mit meinen Kindern anders wäre. Tatsächlich stehen die beiden bei Wind und Wetter am Bug. Und gucken Landschaft. Freiwillig und gern. Sie könnten Karten spielen, im Handy scrollen, Filme gucken. Tun sie aber nicht. Sie gucken nach draußen. Das hat etwas aus der Zeit Gefallenes. Wir zeigen einander völlig neue Gesichter, sprechen ehrlicher, unbefangener miteinander. Im Schneesturm am Nordkap, in der Halle, dem einzigen Gebäude dort, steht ein Flügel, für jedermann. Erst spielt mein Vater ein bisschen Jazz, dann versucht meine Tochter sich an einer Filmmelodie. So fühlt es sich also an, zusammen am Ende der Welt zu sein. Familie, auch ein Gefühl.

Der letzte Abend, das Schiff fährt auf dem Weg zum nördlichsten Hafen Kirkenes mittlerweile durch schweres Wasser und ein paar zerbrechliche Eis­schollen. Der Kellner Arvid drückt eine Kollegin an sich. „Meine Tochter Mette“, erklärt er grinsend. „Ich wollte nie etwas anderes machen, als auf der Hurtigruten zu arbeiten. Und sie irgendwie auch nicht.“ Nach dem Essen stehen wir an Deck. Schauen nach oben in der Hoffnung auf Nordlichter. Und tatsächlich: Grünliche Schlieren durch­ziehen den Himmel, immer wieder ploppen sie an neuen Stellen auf, verstreuen ihren Schweif. Ein Feuerwerk der Natur, wir sind so glücklich. „Das wollte ich erleben, seit ich ein Bild davon gesehen habe“, sagt Fabian. Mein Vater klopft ihm auf die Schulter, Svea strahlt in den Himmel. Sie hat eine neue Mütze auf – selbst gestrickt. Drei Genera­tionen auf Tour, ein gewagtes Experiment. Ist ja für Papa? Nein, für die ganze Familie.

Schroffe Fjorde, majestätische Berge: die Hurtigruten in Norwegen

Am 2. Juli 1893 stach das erste Postschiff von Trondheim in Richtung Hammerfest in See. Es transportierte Briefe und Waren für die nor­wegischen Küstenbewohner. Seither gilt die Fahrt mit einem Hurtigruten-Schiff „als schönste Reise der Welt“. Rund 2.500 Kilometer Seemeilen umfasst die komplette Route. 34 Häfen werden angelaufen, mehr als 100 Fjorde und 1.000 Berge ziehen an den Fahrgästen vorbei. Großes Landschaftskino inbegriffen (www.hurtigruten.de).

Lofoten in Norwegen

Unberührte Natur auf den Lofoten-Inseln

Hinkommen

Die Route wird in der Regel als sechs- bis zwölftägige Seereise angeboten. Schiffe starten täglich von Bergen nach Kirkenes und fahren retour. Je nach Saison und gewählter Kabine variieren die Preise sehr stark. Charterflüge ab mehreren Flughäfen Deutschlands.
Flotte der Postschiffe, z. B. MS Lofoten, sechs bis zwölf Tage, Vollpension, Ausflüge extra, ab ca. 760 Euro (hurtigruten.de)
AIDAcara, 15 Tage, Start Hamburg, all-inclusive, Wellness-, Show- und Sportangebote, ab ca. 1645 Euro (aida.de)
Mein Schiff, elftägige Nordland-Kreuzfahrt, Start Kiel, Wellness-, Show- und Sportangebote, all-inclusive, ab ca. 2545 Euro (tuicruises.com)
Husky-Schlittenfahrt Touren werden z. B. ab Tromsø angeboten, ca. 3,5 Stunden, inklusive Teestunde in einem Samenzelt, ab 4 Jahren (in Begleitung eines Erwachsenen), ab ca. 199 Euro (hurtigruten.de)