Natur "Heute holen wir den Baum"

Er ist die Kirsche auf der Sahne. Umso aufregender ist es, den „Richtigen“ auszuwählen: über das schöne Ritual, den Weihnachtsbaum endlich nach Hause zu bringen.
Weihnachtsbaum schlagen

So manch einfacher Satz kann schnell für Aufregung sorgen – besonders dann, wenn er um den vierten Advent herum fällt. Bei uns zu Hause greift jedes Jahr aufs Neue sofort die Nervosität um sich, sobald die Worte „Am Wochenende gehen wir den Baum holen“ ausgesprochen werden.

Warum? Weil sich hinter diesem Satz ein Versprechen verbirgt. Erstens, dass es nun endlich nicht mehr lange bis Weihnachten dauert, und zweitens, dass Weihnachten auch tatsächlich stattfindet. Letzteres war für meine Kinder – zumindest als sie klein waren – nämlich keine Selbstverständlichkeit. Nicht etwa, weil wir den Heiligen Abend irgendwann mal haben ausfallen lassen, sondern weil dieses unfassbar aufregende Ereignis so unfassbar aufregend ist, dass man sich, jedenfalls als sehr kleiner Mensch, nie sicher sein konnte, dass es tatsächlich existiert. Doch immer wenn der Satz mit dem Baum fiel, verdichtete sich die Zeit bis zum 24. Dezember plötzlich auf magische Weise, sodass auch Vierjährige verstanden: Die Warterei hat ein Ende, jetzt geht es wahrhaftig los.

Der Schönste von allen, weit und breit, das ist doch allein, wer zweifelt dran? Der Baum, der da grünet allezeit, den heute mir bringt der Weihnachtsmann.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, deutscher Dichter

Kommt nämlich der Baum ins Haus, kommt auch bald der bärtige Mann mit den Geschenken. Oder wie August Heinrich Hoffmann von Fallersleben dichtete: „Von allen den Bäumen jung und alt, Von allen den Bäumen groß und klein, Von allen in unserm ganzen Wald, wer mag doch der allerschönste sein? Der Schönste von allen, weit und breit, Das ist doch allein, wer zweifelt dran? Der Baum der da grünet allezeit, Den heute mir bringt der Weihnachtsmann.“

Weihnachtsbaum

Heute ist ein Weihnachtsfest ohne Baum für die meisten Menschen kaum mehr vorstellbar

Tradition mit langer Geschichte

Gut, dass er das nicht wirklich tut – sonst müsste er jedes Jahr allein in Deutschland 30 Millionen Tannenbäume aufstellen... ’Ne Menge Holz, auch für den Mann in Rot. Woher übrigens die Tradition mit dem Weihnachtsbaum stammt, dazu gibt es verschiedene Interpretationen: Einige sagen, der Baum lehne sich an ein Ritual der Germanen an, sich immergüne Zweige zur Wintersonnenwende vor das Haus zu legen – als Zeichen für Frucht­barkeit. Andere sagen, dass die Vertreter des Hand­­­­­werks, die Zünfte, die Grundlage für diese Weihnachtstradition legten; wohl zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert. Historische Einträge belegen, dass in Zunfthäusern Tannenbäume standen, die mit Blumen aus Papier, Datteln und Äpfeln oder Backwerk geschmückt waren. Am Heiligabend schüttelten dann die Kinder der Handwerksleute den Baum fröhlich „ab“.

Im Laufe der Zeit verlagerte sich das Aufstellen des Baumes allerdings mehr und mehr ins Private. Vor allem reiche Bürger und Adlige übernahmen das Ritual, und die Verzierung der Bäume wurde immer aufwendiger und glanzvoller. Um 1850 herum begann man, die Tannen mit Glaskugeln zu schmücken, und schließlich kam kurz darauf die industrielle Produktion von Weihnachtsbaumschmuck voll in Gang.

Auf der Suche nach dem Richtigen

Heute ist ein Weihnachtsfest ohne Baum für die meisten Menschen kaum mehr vorstellbar. Und genau wie bei meinen Kindern löst die Ankündigung, den Baum zu holen, auch in mir Unruhe aus. Zum einen freue ich mich auf diesen unentbehrlichen und wesentlichen Teil des Weihnachtsfests. Zum anderen denke ich an meine Nerven.

Denn bis wir den Baum tatsächlich zu Hause haben, werden noch einige innerfamiliäre Krisen zu überstehen sein. Kaum auf dem Tannenbaumhof angekommen, werden die Kinder durch die Baumreihen rasen, als würde ihnen das Christkind ihr Lieblingsgeschenk vor die Nase halten. Kreischend werden sie nach dem prächtigsten, dem grünsten, dem schönsten Tannenbaum schauen, und jedes Einzelne wird einen anderen Baum prächtiger, grüner und schöner finden. Am Ende ist mindestens eines beleidigt oder heult, aber höchstwahrscheinlich haben wir uns zu diesem Zeitpunkt irgendwie auf einen Baum geeinigt. Oder: halbwegs geeinigt.

Weihnachtsbaum sägen

Vor dem Baumkauf steht die traditionelle Diskussion über die Höhe des Baumes

Denn natürlich müssen wir Erwachsenen vorab noch unsere traditionelle Diskussion über die Höhe des Baumes führen: „Der Baum ist zu groß.“ – „Nein, der passt. Sonst säge ich später etwas ab.“ – „Du weißt, dass man bei so einem Baum nicht mal eben so etwas absägt, und dieser ist mindestens einen halben Meter zu hoch!“ Das geht eine Weile hin und her, bis der Baum schließlich doch mitgenommen wird. Am Tag vor Heiligabend zeigt sich dann fast immer: Der Baum ist – natürlich – zu groß. Und es wird noch mal gesägt. Per Hand. Auf dem Balkon. Im Flur. Wo eben noch Platz ist.

Weihnachtsbaum

Das ist der nervenaufreibende Teil. Umso schöner wird an diesen Nachmittagen jedoch der zweite Part. Der ausgesuchte Baum lehnt in einem Netzschlauch in sich zusammengerollt in der Scheune, und die ganze Familie wechselt erleichtert zu den Programmpunkten Bratwurstessen, Punsch- beziehungsweise Kakaotrinken und wohlig in der Kälte um den Feuerkorb herumstehen. Plötzlich erscheint auf allen Gesichtern, sogar auf denen, die vorher bitterlich geweint haben, ein zufriedener, gelöster Ausdruck. Frieden kehrt in die Familie ein, und wir alle sind uns vollkommen einig: „Haben wir nicht den allerschönsten Baum, Mama?“ – „Ja, haben wir, den allerschönsten.“

Nachhaltigkeit

Nachhaltiger ist es, wenn man einen Baum mit Biosiegel nimmt, wie etwa Nioland oder Demeter. Diese sind nicht mit Pestiziden belastet. Aber auch Bäume aus regionaler Forstwirtschaft sind eine gute Wahl. Diese werden selten chemisch behandelt und sind nachhaltig angebaut.

Weihnachtsbaum

"Haben wir nicht den allerschönsten Baum, Mama?" – "Ja, haben wir, den allerschönsten."