Natur Auf dem Berg

Jeden Sommer tauscht Brigitte Meier ihre Arbeit im Büro gegen die auf der Alm. Dann ist sie Sennerin.
Hütte auf der Alm

Ein tragischer Schicksalsschlag war der Auslöser für mich, auf die Alm zu gehen. Mein Freund war tödlich verunglückt, und ich hatte nur den einen Wunsch – wegzukommen, etwas ande­res zu machen. Zufällig wurde zu diesem Zeitpunkt eine Sennerin bei mir in der Nähe gesucht. Hals über Kopf entschied ich mich dafür. Das ist jetzt zwölf Jahre her – und seitdem bin ich jeden Sommer auf der Alm.

Rückkehr zum einfachen Leben

Die Eltern meines verstorbenen Freundes haben einen Hof, und seine Mutter nahm mich vor meinem ersten Sommer auf dem Berg noch vier, fünf Tage zum Melken mit – dann ging es los. Für mich war alles neu, ich wusste bei der Kuh nur, wo vorne und hinten ist. Mehr nicht. Mit meinem Wissensstand von heute würde ich mir das nicht mehr zutrauen. Zum Glück hat mir meine damalige Alm-Kollegin alles Wichtige gezeigt, wie man zum Beispiel die Melkanlage bedient und reinigt oder den Stall ausmistet. In den ersten Jahren habe ich auch noch Käse gemacht und die Gäste mit Brotzeit versorgt. Es war viel los, und ich war abgelenkt, das hat mir sehr durch die schwierige Zeit geholfen.

Wenn ich auf dem Berg bin, geht es mir einfach gut. Es ist schwer zu beschreiben, aber die Arbeit mit den Kühen gibt mir so viel Kraft, allein die Ruhe, die sie ausstrahlen, erdet mich. Eigentlich arbeite ich im Büro eines Sport- und Schuhgeschäfts. Im Sommer stellt mich mein Arbeitgeber aber jedes Mal für sieben Wochen frei. In den vergangenen Jahren war ich immer auf der Kall­- brunnalm in Österreich. Deshalb habe ich eine sehr enge Bindung zu den Kühen dort. Eine von ihnen ist in meinem zweiten Sommer auf die Welt gekommen und mein absoluter Liebling. Jedes Tier hat einen eigenen Namen und seinen eigenen Charakter. Ich weiß, welche Kuh nicht am Kopf angefasst werden möchte und welche von ihnen Extrastreicheleinheiten braucht.

Um halb fünf in der Früh geht es los

Auf der Alm ist das Vieh das Wichtigste. Erst wenn die Kühe versorgt sind, komme ich an die Reihe. Zu meinen Lieblingsmomenten zählt die Ruhepause nach der morgendlichen Arbeit: Dann setze ich mich mit einem Kaffee vor meinen Kaser (so nennt man eine Almhütte) in die Sonne und beobachte die zufriedenen Kühe, die auf der Wiese liegen. Natürlich ist diese Arbeit anstrengend und die Ver­antwortung groß. Ich stehe jeden Morgen um halb fünf auf und richte das Melkzeug her. Wenn ich Glück habe, kommen die Kühe von selbst an. Sonst muss ich sie holen. Sie bekommen dann ein bisschen Futter, damit ich sie anhängen und melken kann. So eine Kuh hat schließlich Hörner, ganz ungefährlich ist das nicht. Danach reinige ich die Melkanlage, mache den Stall sauber und kümmere mich ums Jungvieh. Um 14 Uhr kommen die Kühe erneut in den Stall, um 16 Uhr wird wieder gemolken. Arbeit gibt es auf der Alm genug. In den ersten Tagen tut immer alles weh – den Mist schaufel­weise rauszutragen, ist körperlich sehr hart. Daran muss ich mich jedes Jahr aufs Neue gewöhnen.

Auch Ausmisten gehört dazu

Auch Stallausmisten gehört zu Birgits Aufgaben

Verzicht auf digitale Unterhaltung

Ich bewohne ganz allein eine Holzhütte, die ein paar hundert Jahre alt ist. Ich habe Strom, eine Toilette und eine Dusche – das ist schon Luxus. Ansonsten ist es ein einfaches Leben. Dabei habe ich festgestellt, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein. Abends sitze ich öfter mit den Nachbarn zusammen. Die Alm ist nicht völlig alleinstehend, es gibt noch andere Hütten. Das ist auch gut so, weil es immer mal ein Problem gibt, das man allein nicht lösen kann, zum Beispiel wenn sich eine Kuh verletzt hat oder krank ist. Dann kann ich die anderen Senner um Rat fragen.

Ich habe hier oben keinen Handy-Empfang, und das finde ich sehr befreiend. Natürlich möchte ich wissen, wie es meiner Familie geht, aber sonst interessiere ich mich in dieser Zeit nicht für die Nachrichten. Was zählt, sind die Kühe.

Brigitte hat auf der Alm keinen Handy-Empfang – eine Befreiung

Brigitte hat auf der Alm keinen Handy-Empfang – eine Befreiung

Auf der Alm bin ich viel ruhiger. Vielleicht, weil alles dort extrem ist: die Stille, die Arbeit, das Wetter. Das direkte Zusammenspiel mit der Natur mag ich sehr. Man muss immer raus, egal ob es gerade regnet oder stürmt. Man wächst mit der Natur zusammen – und mit den Tieren. Mir gefällt auch der Zusammenhalt auf der Alm. Wenn ich Lust habe, besuche ich die anderen Senner. Hört uns da jemand aus dem Tal reden, denkt er vermutlich, die spinnen, denn wir reden wirklich nur über Kühe.

Nach Hause zu kommen ist jedes Jahr stressig. Die Hektik unten kann ich schlecht ertragen, und ich muss mich erst mal zurückziehen. Im ersten Sommer haben alle gesagt, dass man nur einmal als Sennerin arbeitet und danach nie wieder – oder nie mehr damit aufhört. Ich habe damals den Almvirus bekommen: Wochen vorher freue ich mich auf meinen Bergsommer. Es ist die beste Zeit im Jahr.

Saisonarbeit

Kühe melken, Käse machen, Stall ausmisten: Bei dem Projekt „Freiwillig am Bauernhof“ (freiwilligambauernhof.at) kann man sich als Helfer auf einem Tiroler Bergbauernhof bewerben. Auch in Italien (bergbauernhilfe.it) und der Schweiz (bergeinsatz.ch) ist die Mitarbeit bei einem Bergbauern möglich.

Protokoll von Tina Epking