Natur Dem Himmel so nah

Flüchtige Schönheiten: Wer den Blick nach oben richtet, lässt auch seine Seele fliegen – warum Wolken eine magische Wirkung auf uns haben.
Sommer, Sonne, Sonnenschein

Im Sommer 2003 steht der Engländer Gavin Pretor-Pinney in einer römischen Kathedrale. Er legt den Kopf in den Nacken und blickt staunend nach oben: zu den Fresken über ihm, den gemalten Wolken, die wie große Sofas aussehen. Weit und wattig. Als Kind, das wird Pretor-Pinney später erzählen, habe er immer gedacht, dass Wolken aus Baumwolle bestünden. Und dass es sicher Menschen geben müsse, die mit Leitern in die Wolken steigen. Um dort die weiße Wolle zu ernten. Dieser Wunderblick auf Wolken, das spürt der 50-jährige Eng­länder, ist ihm irgendwann abhanden gekommen. Leider. Warum nur? Und was wäre, wenn sich das rückgängig machen ließe?

Die Wolken-Society

Der Gedanke an das Kindheitsgefühl, in einer Wiese zu liegen und zu den Wolken hinaufzublicken – er lässt Gavin Pretor-Pinney nicht mehr los. Und als ihn ein Freund bittet, bei einem Literatur-Festival einen kurzen Vortrag über Wolken zu halten, macht Pretor-Pinney aus dem Vortrag kur­zerhand etwas ganz anderes. Er verkündet die Gründung der Gesellschaft zur Wertschätzung von Wolken, der „Cloud Appreciation Society“. Dabei ist Pretor-Pinney gar kein Meteorologe; und er will auch gar keiner sein. „Es geht mir darum, dass es besser für unsere Seele ist, in Abständen innezuhalten und erstaunt und fasziniert die Welt um uns herum zu betrachten.“ Und diese Welt besteht eben auch aus dem Himmel über uns. Und den Wolken im weiten Blau. Bald hat die Wolken-Society 40000 Mit­glieder. Sie posten Fotos von Wolken, die sie schön, be­drohlich oder einfach kurios finden. Eine Wolke hat die Form von Bob Marley, eine andere sieht aus wie eine Katze, eine andere wie Albert Einstein. Es ist ein Spiel mit der eigenen Fantasie. Zweckfrei. Manche Wolkenbeobachter schreiben Gedichte zu ihren Himmelsbetrachtungen. Pretor-Pinney selbst sieht seine Cloud Society als eine Verbeugung vor der hohen Kunst des Staunens und des Nichtstuns. In einem Interview rät er Wolkenbeobachtern oder „Cloudspottern“, wie sie auf Englisch heißen, nicht mit Notizblock und Erkennungsbuch in den Himmel zu starren, das sei ja Arbeit. Sondern das Wolkenbeobachten als Feier des nutzlosen Sich-treiben-Lassens zu genießen. Sogar das Fotografieren von Wolken sei zumindest fragwürdig, denn ist es nicht schöner, die Flüchtigkeit der Wolke anzuerkennen, statt ihr Bild einzufrieren? In Punkt fünf des Wolken-Manifests der Cloud Appreciation Society heißt es: „Wir glauben daran, dass Wolken für Träumer da sind. Und dass es sich lohnt, in ihrer Betrachtung zu versinken. Das tut unserer Seele gut. Und spart das Geld für den Psychotherapeuten.“ Yahoo kürt Pretor-Pinneys Wolken-­Website kurz danach zum schrägsten und wundervollsten Online-Auftritt Englands.

Luftschlösser – überirdisch schön

Doch was genau macht den Zauber von Wolken aus? Vielleicht ist es das: Sie sind zart und gewaltig zu­gleich. Sie sind die fliegenden Federbetten, in die sich die von der Schaukel abgesprungene Heidi hineinwirft. Aber sie sind auch schwebende Städte die leise durch den Sonnenuntergang gleiten. Und sie sind im Wortsinn überirdisch schön. So schön, dass der Maler John Constable (schon wieder ein Engländer) ein eigenes Wort erfand, für das Malen von Wolken in Ölfarbe: skying. Constables Bilder von Wolkenbänken, aber auch von zarten Wölkchen scheinen zu sagen: Wir hier auf der Erde sind klein, alles ist vergänglich, richte deinen Blick nach oben. Constables Wolkenbilder hängen heute in den wichtigsten Galerien der Welt, ein Fenster zum Himmel, ein Bild, das nicht nur jeder versteht, sondern das einen eigenartig berührt.

Sich auf Wolken einlassen – das bedeutet immer: langsam werden

Gavin Pretor-Pinney, 50, Gründer der „Cloud Appreciation Society“

Aber es gibt auch eine richtige, wenn man so will, ernsthafte Wissenschaft der Wolkenbeobachtung: die Nephologie. Wie welche Wolke genau aussieht und heißt – diese Frage beantwortet seit 1896 der „Internationale Wolkenatlas“, der ebenfalls von einem Engländer erfunden wurde. Kurzfassung: Es gibt zehn Wolken-Gattungen und jede Menge Unterformen. Eine Cumulus-Wolke zum Beispiel – die Wolkenform, die wir alle als Kind gemalt haben – wird zu einer Cumulus fractus, wenn sie an den Rändern Frakturen hat. Also etwas ausgefranst ist. Das klingt nach Ent­zauberung von einer schwer greifbaren Schönheit, stimmt. Gleichzeitig kann das Wissen über be­sonders schöne oder seltene Wolken den Blick schärfen und uns Neues entdecken lassen. Wolken wie die Noctilucent: eine ätherisch leuchtende Wolke am Rand zum Weltall, die aus Eiskristallen besteht und deren kaltes Strahlen nur in Sommernächten zu sehen ist. Als habe jemand weit draußen ein Licht angeschaltet.

Die Verwandten der Elefanten

Die magische Wirkung, die Wolken auf uns haben, reicht übrigens viele Jahrhunderte zurück. Hindus und Buddhisten hielten Cumulus-Wolken früher für Verwandte der weißen Elefanten. Wenn die Monsun-Wolken und mit ihnen der Regen ausblieb, beteten die Hindus daher Elefanten an. Dabei ist die Cumulus-Wolke bei Weitem nicht die größte und regenreichste Wolkenart. Als ein Pilot im Jahr 1959 seinen defekten Düsenjet per Schleudersitz über dem US-Bundesstaat Virginia verließ und am Fallschirm zu Boden zu sinken begann, glitt er in eine sogenannte Cumulonimbus-Wolke – wenn man so will: den ganz großen Bruder der Cumulus-Wolke, die so hoch wie der Mount Everest werden kann und in der so starke Winde wehen, dass der Pilot 40 Minuten lang hinauf- und hinabgeblasen wurde, bis er sicher auf der Erde landete.

Wolken-Gattungen

Altocumulus Hält man die Hand in Richtung dieser Wolken, so sind sie drei Finger breit, sie sehen aus wie Rauchzeichen. Und bringen quasi nie Regen.

Cirrus Der Name bedeutet „Haarlocke“, sie fliegen viele Kilometer hoch, ihr Regen erreicht die Erde nie. Die reine Schönheit – wie ein Pinselstrich am Himmel.

Cumulonimbus Riesenwolke, die oft schwere Stürme und Gewitter bringt. Manche von ihnen werden viele Kilometer hoch und sind dabei schön wie ein Gemälde.

Cirrocumulus Fliegt sehr hoch, bringt keinen Regen, sondern zaubert nur ein Tupfenmuster an den Himmel, das an eine Schafherde erinnert.

Lenticularis Sie sehen wie Ufos aus und entstehen über Berggipfeln. Sie sind ein Zeichen für Föhn oder für den aufziehenden Mistral am Mittelmeer.

Cumulus-Fractus-Wolken, die von starken Winden zerrissen wurden. Sie sehen düster aus, segeln aber durch starken Wind so schnell, dass sie keinen Regen bringen.

Als Gavin Pretor-Pinney, der Erfinder der Wolken-Gesellschaft, im September 2015 zum Jubiläum der Cloud Society nach London einlud, war vollkommen unklar, was für eine Art von Veranstaltung das werden würde: Würde man sich mit all den Fremden überhaupt etwas zu sagen haben? 300 Wolkenfans aus aller Welt hatten sich angemeldet, die meisten etwas unsicher, weil man sich ja vorher noch nie getroffen hatte. Die Vor­träge über Wolken, die den Tag füllten, wurden schließlich vom Auftritt einer Frau unterbrochen, die allein auf der Bühne eine Coverversion eines Joni-Mitchell-Songs sang: „Both Sides Now“. Es wurde sehr still im Raum. In dem Lied heißt es: Rows and flows of angel hair. And ice cream castles in the air. And feather canyons everywhere. I’ve looked at clouds that way.* Ein Reporter der „New York Times“, der im Publikum saß und an einem eher nüchternen Text über Wolkenbeobachtung arbeitete, stellte fest, dass nicht nur er mit Tränen der Rührung zu kämpfen hatte. Sondern dass es vielen so ging. In seinem Artikel schrieb er später: „Ich spürte ein kaum erklärbares Gefühl von Verbundenheit mit den Menschen, die ich an diesem Tag getroffen hatte und die um mich herumsaßen – all these others, living within the same sky.“

Tipp

„Bewölkt, mit Aussicht auf Freude“ – so heißt der sensationelle Vortrag von Gavin Pretor-Pinney auf Youtube über die Freude am Cloudspotting.

*Fließendes Engelshaar. Und Eiscreme-Schlösser hoch in der Luft. Und Canyons aus Federn überall. Das war mein Blick auf Wolken.