Leben Kommt rein, wir spielen.

Eintauchen in andere Welten – wieso uns Spielen glücklich macht
Kommt rein, wir spielen!

Wer spielt, vergisst die Zeit, ist versunken im Hier und Jetzt

„Runter vom Pott!“, ruft meine Mutter, und Andreas, mein Mann, zuckt neben mir zusammen. Da hat er wohl nicht aufgepasst! Es ist Advent. Wir sind zu Besuch bei meinen Eltern und spielen zum ersten Mal mit unserer vierjährigen Tochter Linn „Mensch, ärgere Dich nicht“. Ich habe das Spiel als Kind geliebt und liebe es heute noch. Die Regeln sind klar und schnörkellos, über Sieg und Niederlage entscheiden die Würfel. Mal hat man Glück, mal Pech. Unsere Kleine kapiert die Spielregeln sofort. Etwa dass das Startfeld – hemdsärmelig: der Pott – so bald wie möglich freigeräumt werden muss. Weil Linn noch so klein ist, sind alle nett und schmeißen sie nicht gleich bei der ersten Gelegenheit hinaus. Die Erwachsenen al­ler­dings schenken sich nichts. Wozu auch? Wir sind schließlich nicht im Streichelzoo!

„Mensch ärgere Dich nicht“ ist eines der beliebtesten Brett­­spiele weltweit. Mehr als 70 Mil­lionen Mal ist es bisher über die Ladentheke gewandert. Sein Ursprung ist jedoch deutlich älter. Das Prinzip: „Würfeln, ziehen, schlagen“ geht auf das indische Spiel „Pachisi“ zurück, das im sechsten Jahrhundert n. Chr. entstand. Die Engländer brachten es nach Europa, der deutsche Abkömmling mit vereinfachten Regeln gelangte 1910 in die Geschäfte. Und ist beliebt wie eh und je.

Spielen ist eine Tätigkeit, die man gar nicht ernst genug nehmen kann.

Jacques-Yves Cousteau (1910–1997), französischer Meeresforscher

Vielleicht auch, weil der Spieltrieb tief in der menschlichen Natur verankert ist. Vom Dichter Friedrich Schiller (1759–1805) stammt der berühmte Satz „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist. Und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Diesen selbstvergessenen Zu­stand kann man wunderbar bei spielenden Kindern beob­achten. Egal ob sie aus Sand Burgen bauen, Tiere nachahmen oder ihren Puppen Windeln anlegen – sie eignen sich die Welt an, indem sie nachspielen, was ihnen passiert. Nebenbei üben sie wichtige Kompetenzen ein: Kooperationsfähigkeit, strategisches Denken – und Frustra­tionstoleranz. Letzteres ist bei Brettspielen besonders gefragt, etwa bei „Malefiz“, einer verschärften Variante von „Mensch ärgere Dich nicht“. Ganze Nachmittage saßen meine Schwester und ich bei diesem Spiel zusammen. Bei „Malefiz“ kann man den Gegner mit Blockiersteinen stoppen. Eines Tages verließ mich das Würfelglück. Ohnmächtig musste ich mit ansehen, wie Ingrid mich einmauerte, während sie selbst in aller Seelenruhe das Ziel erreichte. Vor Wut hätte ich am liebsten die Spielfiguren vom Brett gefegt...

Eine bittere Erfahrung: Niederlagen gehören zum Spiel dazu. Das übt auch fürs Leben. Entwick­lungspsychologen sagen, Ver­lieren hilft, mit aggressiven Gefühlen umzugehen. Die emo­tionale Intelligenz werde geschult. Und das am besten im unmittelbaren Kontakt, im direkten Gegenüber. Laut einer aktuellen Studie greifen die Deutschen tatsächlich lieber zu Brett- und Kartenspielen statt zur digitalen Konkurrenz – sogar die Jungen. 86 Prozent der 18- bis 24-Jährigen holen am liebsten „Monopoly“ und Co. aus dem Regal. Man könnte auch sagen: Wir Deutschen sind eine verspielte Nation. Jedes Jahr verzeichnet die weltgrößte Spielemesse in Essen neue Besucherrekorde. Dort darf man neue Brett- und Kartenspiele ausprobieren. Ein aktueller Trend sind sogenannte Escape-Room-Spiele wie „Exit“, bei denen eine Gruppe innerhalb einer bestimmten Zeit ein Rätsel lösen muss. Einige neue Spiele sind inzwischen selbst zu Klassikern geworden, wie „Tabu“ und „Die Siedler von Catan“.

Spiel ist eine Beschäftigung, die für sich selbst angenehm ist.

Immanuel Kant (1724–1804), deutscher Philosoph

Ich selbst bin ein großer Fan von „Activity“, bei dem man Begriffe mit Wörtern umschreibt, pan­to­mimisch darstellt oder zeichnet. Am lustigsten ist es in großer Runde. Meine vermurksten Zeichnungen lösen zuverlässig große Heiterkeit aus. Aber auch der pantomimische Teil ist ein echter Kracher. Unvergessen, wie Sara als „Häschen in der Grube“ durch das Wohnzimmer hoppelte. Meine sonst so ernsthafte Freundin lacht noch heute jedes Mal, wenn sie daran denkt. Und ich denke: Wir sollten uns alle viel öfter um einen Tisch her­um versammeln. Für eine kurze Zeit den Alltag vergessen und wie­der Kind sein. Denn wenn wir spielen, ist alles möglich.