Essay Wie Offenheit uns stärkt

Loslassen, weniger erwarten, neugierig sein: Autorin Christiane Würtenberger überlegt, wie sie sich mehr Offenheit und Neugier in ihr Leben holen kann. Und merkt dabei, dass das nicht nur aufregend ist, sondern auch glücklich macht – und man damit vielleicht sogar ein klein wenig die Welt retten kann...
Wie Offenheit uns stärker macht

Wir können uns selbst jeden Tag neu für die Veränderung entscheiden und anfangen, anders zu handeln

„Komm doch mal zu unserer nächsten Probe mit“, meint meine Freundin Julia, als sie merkt, wie gut mir der Auftritt ihres Chors bei der Geburts­tags­feier gefallen hat: „Das macht wirklich Spaß.“ Be­stimmt, denke ich, überlege kurz und antworte: „Ach, nein, lass mal, ich kann das nicht, ich sing die ganze Zeit falsch.“

Unser kurzes Gespräch beschäftigt mich dann doch. Denn singen würde ich richtig gern, vor allem mit anderen zusammen. Warum probiere ich es nicht? Fehlt mir der Mut? Nur weil man mir als Kind ein paarmal gesagt hat, dass ich die Töne nicht treffe?! Sicher, die eigene Komfortzone, in der alles wie immer läuft, ist ein gemütlicher Ort. Man kennt sich gut aus, fühlt sich sicher. Alles ist vertraut, die Gefahr, sich zu blamieren oder zu scheitern, ist klein. Aber mit Überraschungen ist dort auch nicht zu rechnen. Genau das ist das Problem.

Loslassen von Erwartungen und Ängsten

Früher war ich offener. Einen Klettersteig in den Alpen gehen? Im Zug fremde Leute ansprechen, weil sie nett aussehen? Ehrenamtlich bei Amnesty International mitarbeiten? Fast immer habe ich gute Erfahrungen gemacht, wenn ich meine Angst vor ungewohnten Situationen überwunden habe. Nur beim Schnupperkurs Bauchtanz bin ich ge­scheitert, aber was soll’s. Was Interessantes habe ich auch dort gelernt: Es gibt Tanzbewegungen, die bekommt man so lange nicht hin, wie man sich fürchterlich Mühe gibt. Es funktioniert nur an­dersherum: Man muss loslassen. Das passt gut zu dieser Geschichte, in der es ums Offensein gehen soll. Um das Loslassen von Erwartungen, Ängsten und dem Denken in Schubladen. Um Offenheit mit sich selbst, dem eigenen Leben und anderen gegenüber. Um Flexibilität in einer Gesellschaft, in der manches unübersichtlich ist und vieles sich schnell verändert. Könnte es sein, dass wir viel  ge­winnen, wenn wir neugieriger sind?

Der Linguist Carl Naughton meint: „Neugier wird total unterschätzt. Sie ist oft das fehlende Teilchen in unserem Rezept für ein ausgefülltes Leben.“ Neugierige Menschen haben laut Naughton, der ein Buch zu dem Thema geschrieben hat, bis zu 60 Prozent mehr erfüllende soziale Kontakte, und sie sind kreativer und gewissenhafter im Job. Und: Wer neugierig ist, lebt glücklicher. Denn, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden: Ist man offen und erlebt Neues, schüttet das Belohnungssystem des Gehirns mehr Glückshormone aus.

Neue Ideen für unser Zusammensein

Was also muss ich tun, um die Neugier wieder wach ­zu kitzeln? Naughton hat dazu eine etwas eigen­willige Idee. Sein Tipp: Man soll ein paar Urlaubsziele aufschreiben, die für einen gar nicht infrage kommen, und im VHS-Katalog nach Kursen suchen, die man niemals besuchen möchte. Und dann sucht man sich aus dieser Negativliste etwas aus und zieht das durch. Mag sein, dass das Überraschungs- und Erlebnispotenzial größer ist, wenn ich Dinge tue, die ich abwegig finde. Aber ich bin da doch eher skep­tisch. Mir würde es für den Anfang reichen, einen 10-Punkte-Plan mit Dingen aufzustellen, die ich schon lange besser können oder machen möchte, vor denen ich aber ein gewisses Unbehagen habe. Etwa: bei jeder Gelegenheit Small Talk üben. Singen. Einen Englisch-Konversationskurs belegen. Mit dem Rucksack wochenlang durch Osteuropa wan­dern. Mich politisch engagieren.

Neugier ist das fehlende Teilchen in unserem Rezept für ein ausgefülltes Leben.

Carl Naughton, Buchautor: "Neugier: So schaffen Sie Lust auf Neues und Veränderung"

Ich glaube, wer neugierig ist, bewegt sich auch in unserer offenen, sich schnell wandelnden Ge­sellschaft angstfreier. Unsere Kultur der Debatten, der zahllosen Vereine und Initiativen bietet zudem ja ganz viel Mitmach-Potenzial. Viel zu selten mache ich mir klar, dass diese schier un­übersichtliche Vielfalt eine riesengroße Stärke von Demokratien wie Deutschland ist. Jeder darf seinen Lebensentwurf so gestalten, wie er möchte. Wir können uns im Rahmen der Gesetze enga­gieren, für was wir wollen. Fehler sind erlaubt, kri­tische Fragen dürfen gestellt werden. Weil wir wissen, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt, suchen wir flexibel nach neuen Ideen für unser Zusammenleben. Diese Offenheit moderner Demo­kratien ist gleichzeitig der Garant dafür, dass sie sich fortlaufend selbst erneuern. Durch den stän­digen Input von innen und außen brechen ver­krustete Strukturen auf. Berlin ist da ein gutes Bei­spiel: Die Stadt erfindet sich immer wieder neu und bleibt sich dennoch treu. Auch wir können uns jeden Tag für Veränderung entscheiden: Als Eltern gefällt uns die Schule im Viertel nicht? Dann gründen wir eben selbst eine. Ich möchte genauer wissen, was sich Menschen aus Kriegsgebieten von uns Deutschen wünschen? Wenn ich mich in der Flüchtlingsarbeit engagiere, komme ich ohne Weiteres leicht mit ihnen in Kontakt.

Demokratie lebt von der Offenheit

Natürlich ist Freiheit manchmal auch eine Herausforderung, unser Leben ist sehr komplex. Und es gibt eine Menge Probleme: Populisten haben immer mehr Zulauf, Technisierung und Digitalisierung führen dazu, dass viele von uns mehrmals im Le­ben einen neuen Beruf erlernen müssen.

Diskutiere ich darüber mit Freunden und Bekannten, merken wir, soweit wir im Westen aufgewachsen sind, zum ersten Mal, dass man für eine offene Demokratie auch kämpfen muss. Sie ist nicht so selbstverständlich, wie wir lange gedacht haben. Durchs Internet können wir uns aber auch besser organisieren und vernetzen: Wir finden leichter Gleichgesinnte und Initiativen. Über Crowd­funding-Aktionen gibt’s mit Glück die finanzielle Starthilfe für eine gute Idee. Und vielen Menschen gelingt es, sich mithilfe der Onlinewelt, etwa über Dawanda, Etsy oder Vermietplattformen, kleine, neue Arbeitswelten zu schaffen.

Wer flexibel ist, geht mit Krisen besser um

Je dezentraler und vielfältiger ein Land politisch und gesellschaftlich organisiert ist, umso stärker ist es übrigens. Das meint Nassim Nicholas Taleb, einer der provokantesten Denker unserer Zeit. Taleb war Hedgefonds-Manager an der Wall Street und forscht heute zu den Themen Wahrscheinlichkeit, Risiko und Zufall. Für seine zentrale These hat der Wissenschaftler sogar einen neuen Begriff erfunden: Antifragilität. Taleb sagt: Offene Systeme sind nicht nur weniger störanfällig. Sie können durch Krisen sogar stärker und besser werden. Das finde ich spannend, denn das könnte übersetzt ja auch bedeuten: Menschen, die offen und flexibel sind, gehen mit schwierigen Situationen besser um und wachsen an ihnen.

Vor ein paar Jahren bin ich mit meiner Familie von Hamburg nach Potsdam umgezogen. Ich hatte meinen jetzigen Mann kennengelernt. Wir arbeiten beide als Freiberufler und hatten Lust auf eine Veränderung. Meine Kinder waren noch so klein, dass wir ihnen den Umzug schmackhaft machen konnten. Viele unserer Hamburger Freunde rea­gierten mit Unverständnis, fanden uns aber auch mutig. Und wir merkten: Natürlich verlieren wir viel, wir müssen loslassen – Freundschaften, gewohnte Lebenswege, berufliche Verbindungen. Auf der anderen Seite wollten wir diesen Neustart. Und er hat uns als Familie gutgetan. Wir haben zusammen unbekanntes Terrain erobert.

Den kleinen Schritt ins Ungewisse waren, offen sein für den Moment und für das, was sich daraus ergibt

„Wer öfter mal was anderes probiert, der erfährt sich und die Welt immer wieder neu“, sagt auch Marion Weise, die in Potsdam psychologische Beratung für Einzelne und Paare anbietet. Offenheit, so glaubt Marion Weise, sollte aber immer damit beginnen, dass man sich selbst gegenüber ehrlich ist und herausfindet, was man möchte. Mir geht es zum Beispiel so, dass ich Dinge besser auf mich zukommen lassen kann, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin. Weniger zu erwarten heißt in diesem Sinn nicht, gleichgültiger zu werden. Sondern eher: offen zu sein für den Moment. Das geht, wenn man sich ab und zu über seine Ziele und Werte Gedanken macht. Dann ist es plötzlich leicht, anderen Menschen im guten Sinne neugierig, auf Augenhöhe und respektvoll zu begegnen.

Und wenn die Dinge mal nicht nach Plan laufen, ich flexibel reagieren muss, auch wenn mir das überhaupt nicht in den Kram passt? Weises wichtigster Ratschlag: „Mir hilft es, dass ich mich dann nicht nur ärgere, sondern auch frage: ,Was kann, was soll ich daraus jetzt lernen?‘“ Durch diese kleine Distanz zur Situation gewinnt man wieder Handlungsfähigkeit, lernt, die Erwartungshaltung zu verändern. Der zweite Tipp: Denk daran, dass Gedanken bloß Gedanken sind, nicht die Wahrheit. Mach dir klar, dass die Welt, wie du sie wahrnimmst durch deine Gedanken begrenzt wird.

Öfter mal die Komfortzone verlassen

Das ist, finde ich, ein starkes Plädoyer für mehr Offenheit im Denken und Handeln. Mich spornt das an. Ich merke, dass es mir wieder mehr Spaß macht, ab und zu diesen kleinen Schritt über das Unbehagen hinaus zu wagen und neue Räume zu öffnen. Beim Geburtstag meiner Nachbarin zucke ich nur noch kurz zusammen, als sie mir einen amerikanischen Freund vorstellt, und wage einen Small Talk auf Englisch. Zusammen mit meiner Familie leihe ich Stand-up-Paddle-Boards aus, begebe mich auf wackeliges Terrain und entdecke einen neuen Lieblingssport. Frischgebackenes Parteimitglied bin ich auch – allerdings bislang leider noch ein passives.

Ich versuche, auch im Alltag eher mit dem Über-raschenden zu rechnen. Manchmal helfe ich zum Üben sogar nach: Ich wähle beim Lieblingsitaliener etwas aus der Speisekarte, das ich noch nie probiert habe. Bin manchmal auch so offen, nicht offen zu sein. Und mein persönlicher 10-Punkte-Plan? Läuft. Morgen ist zum ersten Mal Chorprobe. Gemeinsam mit anderen etwas Neues wagen. Ich probiere es mit Alt. Aber ganz locker.

Mitmachen

Lars Ap ist Halbdäne und hat die Bewegung „fucking flink“ – „flink“ ist das dänische Wort für freundlich – gegründet. Sein Ziel: Mitmenschen zu mehr Freundlichkeit und Offenheit im Alltag zu bewegen. Mehr Infos unter fuckingflink.dk