Essay Die Kunst, sich Zeit zu nehmen

Ans Meer fahren, Freunde treffen, einfach mal nichts tun? Christiane Stella Bongertz meinte oft, dafür keine Zeit zu haben. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse – und sie entdeckte, wie gut es tut, die Welt für ein paar Augenblicke anzuhalten.
Die Kunst, sich Zeit zu nehmen

Die Wellen donnern an den Strand, die Luft schmeckt nach Salz. Mein Mann hält meine Hand in seiner warm, und meine Tochter jauchzt, weil der Wind ihren Drachen tanzen lässt. Ich atme tief ein, spüre das Glück und wie sich diese Szene so tief in mir verankert, dass ich mich vermutlich noch mit 95 an jedes Detail erinnern werde. Dabei dürfte ich gar nicht hier sein. Eigentlich habe ich nämlich keine Zeit. Zumindest, wenn man die Person fragt, die ich noch vor einer Weile gewesen bin. „Ein Wochenendtrip an die Nordsee mit zwei Abgabeterminen im Nacken? Bist du verrückt?“, hätte ich zu mir selbst gesagt, bedauernd den Kopf geschüttelt und mich – leider, leider, nichts zu machen – am Schreibtisch vergraben. Keine Wellen, kein Drachen, kein Glück.

Das tun, was ich will. Nicht das, was ich muss

Dass ich trotzdem am Strand spazieren gehe, habe ich, zumindest teilweise, Donald Trump zu ver­danken. Nachdem er Präsident der USA wurde, plagten mich Albträume. Über einen drohenden Atomkrieg, eine dem Untergang geweihte Umwelt und ähnliche Horror­szenarien. Die Existenz eines Später, auf das man Ausflüge oder Abendessen mit Freunden schieben konnte, schien plötzlich stark in Frage gestellt. Mir fiel die Krankenschwester ein, die Hospizpatienten auf dem Sterbebett befragt hatte, was sie am meisten bereuten.* Die meisten wünschten, weniger gearbeitet und mehr Zeit mit der Familie verbracht zu haben. Und sie hätten gern einfach häufiger das getan, was sie wollten – statt das, was sie glaubten tun zu müssen. Und eines Morgens dachte ich: Auch ohne Trump habe ich keine Ahnung, wie viel Zeit mir und uns als Familie noch bleibt. Aber die, die ich habe, will ich, zum Kuckuck noch mal, nutzen.

Tipp

Lange hieß es, ein kluges Zeitmanage­ment sei die Lösung für alle, die sich getrieben und gestresst fühlen. Stimmt nicht, schreiben Karlheinz A. und Jonas Geißler in ihrem Buch „Time is honey“, denn „Zeit kann man nicht sparen, nicht managen, nicht verlieren. Man kann mit der Zeit nur eines machen: sie leben.“

De brevitate vitae – „Von der Kürze des Lebens“ – heißt eine Abhandlung, die der Philosoph Seneca um 50 nach Christus verfasste. Darin geht es um die Klage vieler Menschen, das Leben sei zu kurz. Seneca meint, dass das Leben – unabhängig von seiner tatsächlichen Länge – nur für den zu kurz ist, der seine Zeit nicht zu nutzen weiß. Um diese sinn- voll zu füllen, ist es aber zunächst notwendig, sich der Endlichkeit des Lebens bewusst zu werden. Nur dann kann man die Kostbarkeit des Moments erkennen und ihn so leben, dass er zu einem Juwel im Schatzkästchen der Erinnerung wird. Wer hingegen die eigene Sterblichkeit ignoriert, lebt oberflächlich, als hätte er noch ewig Zeit.

Die Kostbarkeit des Moments erkennen und ihn so leben, dass er zu einem Juwel der Erinnerung wird.

Es ist also eine natürliche Folge meiner Furcht vor dem Weltuntergang, die Unwiederbringlichkeit jedes Augenblicks neu zu begreifen. „Dafür muss es aber nicht gleich um Leben und Tod gehen“, sagt die Zeitforscherin Nadine Schöneck-Voß, Professorin an der Hochschule Niederrhein. „Auch die Schulzeit – die Zeit, in der die Kinder klein sind – oder unsere Zeit als Töchter und Söhne ist endlich.“ Manchmal bedarf es nur eines kleinen Anschubsers, um uns daran zu erinnern. Wie bei meiner Freundin Nora. Seit sie denken kann, war das Ver- hältnis zu ihrem Vater schwierig. Um so überraschter war sie, dass es möglich war, ganz normal mit ihm zu reden, als er eines Tages anrief. Einfach so. Ein lang gehegter Wunsch fiel ihr wieder ein: Ihren Vater zur Geschichte ihres Opas, des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Theo Hespers, zu befragen und diese aufzuschreiben. Eigentlich war Nora voll ausgelastet, beruflich wie privat. Aber angesichts des Alters ihres Vaters – er war 83 Jahre – war klar: „Wenn ich mir dafür jetzt keine Zeit nehme, ist es zu spät.“ Sie begann mit den Interviews. Als kurz darauf die Pegida-Bewegung erstarkte, wollte sie nicht tatenlos zusehen. Sie begann, Podcasts über das Leben ihres Opas zu produzieren. In Begleitung ihres Vaters hielt sie Vorträge vor Schulklassen, in Kirchen, auf Events. Ihr Blog „Die Anachronistin“ wurde dieses Jahr für den Grimme-Online-Award nominiert. Noras Vater starb im Januar, mit 86 Jahren. Nora bekam noch einige schöne Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse. „Unsere Bonusjahre“, sagt sie. Und gemeinsam haben Vater und Tochter dazu beigetragen, die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Gemeinsam essen

Essen ist viel mehr als bloße Nahrungs­aufnahme – wenn man sich die Zeit dafür nimmt: Je öfter Menschen mit anderen zusammen essen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie glücklich und zufrieden mit ihrem Leben sind. Das ergab eine Unter­suchung der Universität Oxford

Wer Zeit verschenkt, wird reich belohnt

Nora hat damals Prioritäten gesetzt und wurde sehr reich belohnt, in erster Linie menschlich, konnte aber auch der Gesellschaft etwas zurück­geben. Ein Idealfall, der in vielen Fällen zur Regel wird. Ob man Angehörige oder Flüchtlinge unterstützt, bei der Telefonseelsorge arbeitet oder die Seniorenfußballmannschaft trainiert, ist dabei egal. Nur freiwillig sollte die Hilfe sein: Es hat sich gezeigt, dass Menschen, die das tun, oft einen sogenannten Warm-glow erleben, ein wohliges Gefühl, weil das Belohnungssystem im Gehirn angeregt wird. In einer repräsentativen Umfrage gaben fast 70 Prozent aller sich ehrenamtlich Engagierenden an, ihr Einsatz gebe dem Leben Sinn. Vier von fünf Befragten erklärten, Helfen mit Gleichgesinnten mache Spaß. Allein in Deutschland engagieren sich rund 30 Millionen Menschen ehrenamtlich. Mit steigender Tendenz.

Je älter man wird, desto mehr rast die Zeit

Beim Sich-Zeitnehmen gibt es nur ein Problem: die Zeit selbst. Wir haben nicht plötzlich mehr davon, nur weil wir beschließen, uns mehr der Familie zu widmen. Ich habe weiter­hin Abgabetermine und das Gefühl, nie fertig zu werden. Ist etwas erledigt, wartet schon der nächste Auftrag. Oder ich muss mich dringend um neue Aufträge bemühen, weil wir sonst nicht über die Runden kommen.

88-mal täglich sieht ein Handy-Nutzer durchschnittlich aufs Display seines Smartphones. 35 Prozent haben das Gefühl, zu viel Zeit mit ihrem Smartsphone zu verbringen und versprechen sich von wengier Handy-Zeit mehr Glück.

 

Hinzu kommt ein Phänomen, das mir seit einer Weile auffällt: Je älter ich werde, umso schneller scheint die Zeit zu vergehen. „Das persönliche Zeit­empfinden beschleunigt sich um das 40. Lebensjahr rapide“, bestätigt Nadine Schöneck-Voß. „In unserer westlichen Kultur empfinden wir es als eine Art Halbzeit des Lebens.“ Unabhängig vom Alter konstatieren Psychologen und Soziologen ein zunehmendes Gefühl des Getriebenseins in der Gesellschaft. Mit verantwortlich sind die sozialen Medien. Zum einen weil sie enorm viel Zeit fressen: Im Schnitt verbringen wir täglich 135 Minuten auf unseren Profilen, Ten­denz steigend. Zum anderen wird häufig nur gepostet, was besonders spektakulär ist. Von meinen Freunden ist gefühlt immer einer gerade in Venedig oder hat eine neue Bestzeit in der Jogging-App erreicht. Wir bekommen rund um die Uhr immer wieder neue Impulse, was man noch tun könnte, möchte, müsste. Schnell wird aus dem Wunsch, seine Zeit gut zu nutzen, der Druck, immer mehr in sie hineinzuquetschen. Da ist die Versuchung groß, alles schneller zu machen. Es gibt Speed-Reading, Speed-Sightseeing und sogar Speed-Yoga. Ich selbst habe mich schon dabei ertappt, im Internet nach Anleitungen zu suchen, wie man seinen Schlaf auf wenige Stunden komprimieren kann.

Die Gegenwart genießen – und innehalten

Doch wenn man nicht aufpasst, entfernt man sich so immer mehr von Senecas Ideal des Weisen, der seine Zeit nutzt, und wird zum „homo occupatus“: einem Menschen, der immer beschäftigt ist, aber nie Zeit übrig hat. Der die Gegenwart nicht richtig auskostet und so seine Vergangenheit im Nebel ver­sinken lässt, weil er keine Erinnerungen schafft.

Muße. Ein fast schon altmodisches Wort. Denn kaum einer nimmt sich noch die Zeit, Dinge in Ruhe zu tun

Zum Glück kennt Seneca ein Gegenmittel: Otium – Muße, innehalten, schauen, was einem wirklich wichtig ist. Auswählen. Und dann die Dinge in Ruhe tun. Ich muss nicht unbedingt nach Venedig. Aber ich möchte unbedingt mit meiner Tochter das Pippi-Langstrumpf-Puzzle legen, dessen Karton mir gerade in einer nonverbalen Aufforderung unter die Nase gehalten wird. „Die Kunst besteht darin, die Zeit bewusst zu gestalten“, sagt Nadine Schöneck-Voß. „Dazu sollte man sich Zeitinseln fürs Wesentliche schaffen. Ohne Begrenzungen breiten sich viele Tätigkeiten aus und füllen so jeden erreichbaren Winkel.“ Ich kenne das nur zu gut: An Texten lässt sich endlos feilen. Auf die frisch gewischten Regale im Wohnzimmer legt sich sofort wieder eine Staubschicht: Theoretisch werden wir schon allein mit Alltagsverpflichtungen nicht fertig. Sich das einzugestehen, kann auch befreiend sein. Denn es hilft, sich auch mal auszuklinken. Motto: Ich nehme mir die Zeit, die ich für mich brauche. Ich entscheide selbst – und ich darf das! Dank der Bemerkung der Zeitforscherin fällt mir auch wieder ein, dass sich Aufgaben meist von selbst an geöffnete Zeitfenster anpassen – eine Erfahrung aus der Endphase meines Studiums, als ich schon gearbeitet habe und zur Examensvor­bereitung zwei spärliche Stunden am Tag hatte. Trotzdem liefen die Prüfungen super.

Zeit muss man sich nehmen. Egal, was los ist

Erstaunlicherweise brauchen viele Aufgaben nur so viel Zeit, wie man ihnen zugesteht. Etwa ein- stündige Meetings: Sie enden nach 60 Minuten, obwohl in 30 Minuten oft alles besprochen wäre. Das heißt für mich: Ich bestimme meinen Zeitrahmen. Wenn ich zwei Stunden pro Woche nur für mich einräume – mit einem festen Anfangs- und Endpunkt –, dann ist es machbar. Zwei bestimmte Tage im Monat halte ich mir für einen Kinoabend frei, meine Freundin Anna geht regelmäßig zum Yoga, eine andere Freundin lernt Gitarre. Bei mir ist neuerdings ab 18 Uhr Feierabend. Ich lege das Handy weg und klappe den Laptop zu. Mindestens einen Tag am Wochenende widme ich nur der Familie. Und diesen verbringe ich nicht nur mit Einkaufen und Putzen, sondern lege Pausen für Wichtiges ein. Wenn Sie mich darum nun entschuldigen würden? Ich bin zum Puzzeln verabredet.

Mehr Zeit für mich

Einen Termin vereinbaren – mit sich selbst 30 Minuten täglich, die nur dir gehören: um zu lesen, eine Entspannungsübung zu machen oder einfach mal gar nichts zu tun.
Nein sagen – ohne schlechtes Gewissen Viel zu oft sagen wir ja und übernehmen Auf­gaben, die wir eigentlich nicht wollen. Bes­ser: Prioritäten setzen und machen, was einem wirklich wichtig ist. Und diese Dinge dann nacheinander und nicht parallel erledigen.
Abschalten – Handy, Computer und Tablet Social Media und Internet sind enorme Zeit­fresser. Wer täglich mindestens eine Stunde offline geht, gewinnt enorm viel (Lebens)Zeit.
Sich einsetzen – für andere Wer sich engagiert, muss sich dafür zwar Zeit freischaufeln, bekommt aber enorm viel  zurück – wie das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

*Bronnie Ware: "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden", Goldmann Verlag, 9,99 Euro