Essay Im Namen der Freundschaft

Wir haben Freunde zum Reden und Verreisen, oder wir schauen mit ihnen seltsame Filme an. Tatsächlich aber bereichern sie unseren Alltag viel tiefgreifender, als uns bewusst ist: Eigentlich halten Freunde uns am Leben.
Freundschaft

Mit sechs Jahren begriff ich, was Freundschaft alles sein kann und dass man sich Menschen nah fühlen kann, ohne sie lange zu kennen. Es waren Sommerferien, und meine Eltern machten mit meiner älteren Schwester und mir Urlaub in Süd­frankreich. Außer mir spielte noch Anne am Strand: Französin und ein Jahr älter als ich. Zwar konnte ich nicht mehr als „Merci“ und „Je m’ ap­pelle Pia“ zu ihr sagen, aber wir unterhielten uns trotzdem – mit Blicken, Händen, Kichern. Fast jeden Tag trafen wir uns am Meer und sammelten Muscheln oder bestaunten die Tintenfische, die die Fischer an den Strand brachten. Oder wir kicherten über die Kellner im Hotel. Und dann, nach zwölf gemeinsamen Tagen, war Anne morgens nicht mehr beim Frühstück. Ihre Familie war ab­gereist – auf meinem Platz lag ein selbst gemaltes Bild mit einem Kraken darauf: von Anne für mich. Ich könnte jetzt behaupten, dieses Bild sei das Einzige, was mir von ihr blieb, aber das stimmt nicht, Anne hinterließ mir viel mehr, nämlich ein unerschütterliches Gefühl von Nähe.

85 Prozent der Deutschen finden: Freunde sind ein wichtiger Grund dafür, sich an einem Ort wohlzufühlen. 74 Prozent aller Bundesbürger betrachten ihre Freunde als ihre zweite Familie.

   

Dass ich Anne in den Sommerferien kennenlernte, war Zufall. Die Art, wie wir zueinanderfanden, nicht – denn gerade Kinder finden schnell und un­verbindlich Zugang zu anderen. Das liegt unter anderem daran, dass ihre Erwartungen an Freunde anders gelagert sind. Für sie ist es wichtig, ihre aktuellen Bedürfnisse zu stillen, wie etwa zu spielen. Mit welcher Person sie das schließlich tun, spielt dabei weniger eine Rolle. Das ändert sich natürlich, sobald man älter wird. Dann werden unsere Freundschaften exklusiver.

So hätte ich als verunsicherte, pubertierende 14-Jährige niemand anders von meiner Schwärmerei für Hannes aus der elften Klasse erzählt oder von dem Ärger zu Hause mit den Eltern – außer meiner allerbesten Freundin Julia. Ihr konnte ich vertrauen, sie verstand und tröstete mich. Und auch heute gibt es in meinem Leben nur einen sehr kleinen Kreis von Vertrauten, denen ich mich emotional ohne Weiteres offenbaren würde.

Freunde wirken lebensverlängernd

Ohne meine Freunde wäre ich schon so manches Mal verloren gewesen. Das merkt man ja immer dann ganz besonders, wenn man an eine Grenze gerät: weil sich der Partner unerwartet in jemand anders verliebt, weil man schwer erkrankt oder den Job verliert. Freunde sind essenziell für unsere Genesung und können uns zudem davor schützen, an Depressionen zu erkranken. Wieso? Weil wir bei Freunden sein dürfen, wie wir sind: Wir müssen keine Rollen oder Erwartungen er­füllen, wie sie oft innerhalb der Familie an uns herangetragen werden. Freunde fangen uns in unseren Sehnsüchten und Bedürfnissen auf. „Wer Freundschaften pflegt, tut das letztlich also auch für sich selbst“, meint daher der Psychotherapeut und Autor Wolfgang Krüger* aus Berlin. Und Studien zeigen, dass Menschen, die gar keine näheren Kontakte pflegen, sogar eine um 22 Prozent niedrigere Lebenserwartung haben als dieje­nigen, die in engen sozialen Beziehungen mit anderen leben. Aber Freunde schenken uns nicht nur die Kraft, schwierige Zeiten durchzustehen, sie stärken auch unser Selbstwertgefühl. Ich weiß etwa noch ganz genau, als ich in der Oberstufe einen Tag in einen Lernstreik trat, um stattdessen im Foyer der Schule gemeinsam mit Freundinnen auf den Weltfrauentag aufmerksam zu machen. Ohne Carola und Anne, die mit mir hinter unserem selbst aufgebauten Stand die Stellung hielten und Info-Zettel verteilten, hätte ich mich das niemals getraut. Viel zu aufregend.

Freundschaft

Freunde lassen Herausforderungen geringer erscheinen

Dass Freunde eine Herausforderung geringer erscheinen lassen, konnte mittlerweile auch die Wissenschaft nachweisen. So sollten für den Psychologie-Professor Markus Heinrichs Test­personen vor Publikum und Kamera eine Präsentation halten und dann – direkt im Anschluss und ohne, dass sie davon wussten – Mathe-Aufgaben im Kopf lösen. Stress pur für einige Teilnehmer. Doch diejenigen unter ihnen, die mit einem guten Freund gekommen waren, kamen mit der Situation viel besser zurecht. Außerdem stellten die Wissenschaftler bei ihnen eine geringere Konzentration des Stresshormons Cortisol fest. „Zehn Minuten an meiner Seite, schützt mich ein Freund über eine Stunde lang wirksam vor Stress“, lautet daher auch das Fazit von Psychologe Heinrichs. Und ich lerne daraus: Wenn ich das nächste Mal ein wichtiges Jobgespräch führen muss, werde ich mich vorher mit einer Freundin zum Kaffee treffen.

Freundschaften erfüllen einen Zweck

Denn auch, wenn Freundschaften im Erwachsenenalter vor allem auf Freiwilligkeit beruhen – gänzlich selbstlos sind sie nicht. Mein Mann etwa verdreht jedes Mal die Augen, wenn ich ihm vor­schlage, einen Arthouse-Film im Kino zu gucken. Für meine beste Freundin ist das kein Problem: Ohne zu murren, schaut sie mit mir feministische Autorenfilme, in denen sich Mädchen nachts in merkwürdige Wesen verwandeln und auf die Jagd gehen. Mit anderen Freunden fahre ich dagegen jedes Jahr auf eine Berghütte, weil die Ferientage mit ihnen total unkompliziert sind – jeder weiß, was zu tun ist und wann er sich rauszuhalten hat. Wieder andere kennen mein Mann und ich über unsere Kinder, und irgendwie hat sich daraus eine Art Familienfreundschaft ergeben, die toll funk­tioniert, wenn alle – Väter, Mütter, Kinder – gleichzeitig zusammenkommen.

Gemeinsam solche Momente zu teilen, das war schon für den Philosophen Johann Gottfried Herder im 18. Jahrhundert das „Mark der wahren Freundschaft.“ Und dennoch erfüllt jede dieser Freundschaften auf ihre Art auch einen Zweck. Das klingt unromantisch, ist aber alles andere als das, denn diese Zweckgebundenheit ist ein we- sentlicher Teil des Fundaments für Freundschaft.

Ein Verwandter ist ein Teil unseres Leibes, ein Freund ein Teil unserer Seele.

Französisches Sprichwort

Manche Soziologen gehen sogar noch einen Schritt weiter und sehen in Freundschaften einen weiteren möglichen Nutzen, insbesondere im Hinblick auf unsere alternde Gesellschaft: Da heutzutage viele Menschen keine eigene Familie mehr gründen und sie somit im Alter nicht mit einer Pflege oder Betreuung durch Angehörige rechnen können, ist es für Wissenschaftler wie den Soziologen Janosch Schobin* nicht abwegig, dass Freunde später einmal diese Aufgabe füreinander übernehmen könnten. Zumindest, was die emotionale und soziale Fürsorge betrifft. Und auch sein Kollege, der bekannte Soziologe Heinz Bude, hält Freundschaft in dieser Hinsicht für einen möglichen „dritten Weg“: „Für eine moderne Gesellschaft ist es gar nicht anders zu bewältigen, als dass die Menschen auf Basis einer Verpflichtung, die nicht blutsabhängig ist, füreinander einstehen“, so Budes Meinung.

Um Freunde muss man sich kümmern

Die Vorstellung, dass mich meine Freunde später im Altersstift regelmäßig besuchen, rührt mich zwar sofort, gleichzeitig bekomme ich einen Stich im Herzen. Denn um solche stabilen und langen Freundschaften zu erhalten, müsste ich mich viel besser um sie kümmern. Stattdessen bin ich bei Freundschaftspflege im Moment eher wie die böse Stiefmutter aus dem Märchen unterwegs. Ich schaffe es zum Teil nicht einmal zu telefonieren, und – ehrlich gesagt – habe ich manchmal auch keine Lust mehr dazu, weil ich schon den ganzen Tag mit Leuten gequatscht habe. Wenn ich mich tatsächlich aufraffe und mal wieder ein Treffen organisieren möchte, wird das zur Herausforderung.

Einen wahren Freund muss man mit beiden Händen festhalten.

Sprichwort aus Nigeria

Letztens wollte ich Freunde zu einem Essen einladen und sagte drei Wochen im Voraus Bescheid. Rechtzeitig genug – dachte ich. Der gemeinsame Termin, den wir fanden, lag drei Monate später! Es war erschreckend: Würden wir nicht gegenseitig unsere Geburtstage blocken, fänden wir wahrscheinlich höchstens einmal im Jahr zueinander. Zu wenig, um eine Freundschaft wirklich zu pflegen, die davon lebt, dass wir mitein­ander Gefühle, Erlebnisse und Erfahrungen teilen. Denn nicht nur für das Entstehen, sondern auch für das Bestehen von Freundschaften ist räumliche Nähe wichtig. Weshalb Therapeut Wolfgang Krüger empfiehlt, sich einmal in der Woche einen Abend für Freunde frei zu halten – egal, wie sehr man sonst im Alltag durch Job und Familie eingebunden sein mag. Er findet es zudem ziemlich seltsam, dass es zwar viele Ratgeber zum Thema Partnerschaft gebe, aber kaum welche darüber, wie man sich gut um seine Freunde kümmert.

Gelegenheiten wahrnehmen

Gute Idee, denke ich, während ich auf dem Balkon sitze, auch wenn ich es vermutlich doch nicht schaffen werde, sie so umzusetzen. Dann schaue ich hinunter in den Hof und seufze: Jeden Nachmittag fallen dort die Kinder aus der Nachbarschaft ein, um sich spontan zu treffen. Ganz ohne großes Tamtam, ohne großes Verabreden. Die haben’s gut! Aber hey, vielleicht muss ich mir gar keinen weiteren Termin in den Kalender eintragen, sondern einfach mal die Gelegenheiten für Freundschaft besser wahrnehmen… So, und jetzt rufe ich meine Freundin Tanja an.

*Janosch Schobin: "Freundschaft und Fürsorge", Hamburger Edition