Leben Wie Essen verbindet

Es tut gut, gemeinsam zu genießen. Diese drei Projekte zeigen, dass Essen aber noch viel mehr kann. Es schenkt Menschen die Chance auf ein besseres Leben.
In diesem Artikel
1. Kanaan Restaurant
2. Das Catering der Chickpeace-Frauen
3. Das Sozialunternehmen Conflictfood

1. Kanaan Restaurant

Palästinenser Jalil Dabit und Israeli Oz Ben David

Der Palästinenser Jalil Dabit und der Israeli Oz Ben David vom Restaurant Kanaan

Der Palästinenser Jalil Dabit und der Israeli Oz Ben David haben gemeinsam das Restaurant „Kanaan“ im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin eröffnet. Dort kochen sie mit einem internationalen Team Familienrezepte nach. Oz Ben David (rechts) erzählt:

,,Wir beide haben eine einfache Lebensphilosophie: ,The magic happens when you mix it.‘ Zunächst einmal finden wir, dass die Gerichte unserer israelisch-arabischen Küche viel besser schmecken, wenn man sie mischt – und nicht eins nach dem anderen probiert, wie unsere deutschen Gäste das gern tun (aber nur beim ersten Mal, danach wissen sie es besser). Und dann möchten wir mit diesem Satz von der Magie auch den Deutschen Mut machen: sich zu trauen, uns Fremde in ihr Leben zu lassen. Denn wenn es beiden Seiten gelingt, besser aufeinander zuzugehen, dann wird das Deutschland bereichern. Davon sind wir fest überzeugt.

Unsere Herkunft hat uns Türen geöffnet

Kennengelernt haben Jalil, ein palästinensischer Gastronom, und ich, ein israelischer PR-Manager, uns zufällig bei einem Business-Meeting hier in Berlin. Weil wir uns mochten, haben wir beschlossen, gemeinsam Gewürze, Tahin und Öle aus unseren Heimatländern auf den deutschen Markt zu bringen. Ein Restaurant wollten wir eigentlich gar nicht aufmachen. Jalil hat ja schon ein sehr erfolgreiches bei sich zu Hause in Ramla in Israel. Während ich schon seit ein paar Jahren mit meinem Mann in Berlin wohne, pendelt Jalil bis heute. Interessant war, dass unsere unterschied­liche Herkunft uns sogar Türen geöffnet hat. Viele Supermärkte in Deutschland waren froh, sich nicht für Israel und gegen Palästina – oder umgekehrt – entscheiden zu müssen. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass wir unsere Spezialitäten nicht so günstig anbieten können, wie unsere deutschen Partner das wollten. Deshalb machen wir mit dem Kanaan nun unser eigenes Ding: ein kleines Res­taurant in einer provisorischen Bretterhütte am Prenzlauer Berg, wo wir auch Produkte verkaufen und Kochkurse anbieten können.

Hummus im Kanaan

Hummus im Kanaan

Wir reden viel über Politik

Gemeinsam mit unseren Köchen, die aus Syrien, Palästina, Ägypten und Italien kommen, probieren wir viele Rezepte unserer Großeltern aus, denn ihnen fühlen wir uns verpflichtet. Das heißt, dass wir uns alle richtig viel Mühe geben mit dem Hummus, den Falafeln und all den anderen Streetfood-Spezialitäten aus unseren Heimatländern. Das schmeckt man, ebenso wie die Einflüsse, die unsere Köche mitbringen. Das Konzept ist so er­folgreich, dass wir eine Dependance in der Feinschmecker-Etage des KaDeWe eröffnet haben. Was uns aber noch viel glücklicher macht, ist, dass wir Menschen zusammenbringen. So haben wir mit dem Feminist Food Club auch schon mal geflüchtete muslimische Frauen eingeladen, bei uns zu kochen, Musik zu hören und zu essen. Dadurch haben wir den Frauen eine Plattform gegeben, sich auszutauschen und mit uns ins Gespräch zu kommen. Für manche von ihnen war ich der erste Israeli, dem sie begegnet sind. Vor Kurzem haben wir außerdem ein Charity-Dinner gegen Antisemitismus veranstaltet.

Unser Hummus schmeckt wie zu Hause, sagen fast alle unsere Gäste.

Oz Ben David, einer der zwei Betreiber des 'Kanaan Restaurant'

Unsere Erfahrung ist: Wenn man mehr voneinander weiß, dann sind die Unterschiede gar nicht mehr so groß. Ich spreche mit meinen muslimischen Köchen manchmal sogar über Genderfragen und Sexualität. Und mit Jalil diskutiere ich natürlich oft über den Konflikt zwischen Palästina und Israel. Es ist normal, dass wir da nicht immer einer Meinung sind. Aber wenn man einmal verstanden hat, dass auf beiden Seiten Menschen leben, die sich Glück und Sicherheit wünschen, dann merkt man, dass einen mehr verbindet als trennt.“

Kanaan Restaurant

Kopenhagener Straße 17, 10437 Berlin. kanaan-berlin.de

2. Das Catering der Chickpeace-Frauen

Mitglieder von Chickpeace aus Hamburg

Manuela Maurer hat Chickpeace mit geflüchteten Frauen ins Leben gerufen

Kontakte knüpfen beim gemeinsamen Kochen, Hemmungen abbauen und Geld ver­dienen. Manuela Maurer bietet geflüchteten Frauen mit einem Cateringservice neue berufliche Perspektiven.

Was bedeutet der Name „Chickpeace“ überhaupt?
Das ist eine Schöpfung aus den Wörtern Chick­peas (Kichererbsen), Chicks (selbstbewusste Frauen) und Peace (Frieden). Da steckt alles drin, wofür un­ser Cateringservice steht: Geflüchtete Frauen gestalten ihr neues Leben in Deutschland aus eige­ner Kraft – mit Köstlichkeiten aus der afrika­nischen und arabischen Küche.

Wie ist das Projekt entstanden?
Als 2015 so viele Flüchtlinge kamen, habe ich mich in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft en­gagiert. Dort habe ich schnell festgestellt, dass die Bewohnerinnen sehr interessiert an Kontakten mit Nachbarn waren. Also dachte ich mir: Es ist schön, wenn die Frauen etwas miteinander tun, was sie gut können. Kochen! Aus dieser Idee entstanden die „Buffet-Begegnungen“: Fünf deutsche und fünf ge­flüchtete Frauen gehen auf dem Wochenmarkt einkaufen und kochen im Anschluss. Ein bis zwei Frauen werden reihum zu Chefinnen ernannt, sie bestimmen, was wie zubereitet wird, die anderen helfen. Zum Schluss essen alle zusammen. Was ich lustig fand: Bei den Frauen aus Somalia, Syrien und Eritrea kam das Marmelade-Einkochen besonders gut an. Das war ihnen offensichtlich neu.

Und wann wurde ein Catering-Projekt daraus?
Nach ungefähr einem Jahr hatte sich eine gewisse Routine entwickelt, die Frauen wurden immer selbstbewusster. Dann kam ein Angebot, das Cate­ring für ein Sommerfest mit etwa 70 Gästen auszurichten. Die Frauen waren Feuer und Flamme. Fünf Vorspeisen haben wir zubereitet, eine für jede Kultur. Zuerst waren sie schüchtern und haben sich fast nicht aus der Küche getraut. Aber dann hat sich die Erste unter die Menge gewagt und erklärt, um was für eine Vorspeise es sich handelt. Die Gäste waren begeistert – das war praktisch die Geburtsstunde von „Chickpeace“.

Catering von Chickpeace

Beim Catering Chickpeace werden afrikanische und arabische Köstlichkeiten mit Liebe gekocht

Wie ging es dann weiter?
2017 haben wir angefangen, offiziell zu kochen und auch schon Rechnungen zu stellen. Im Moment trudeln im Schnitt 20 Aufträge im Monat ein, für die wir inzwischen eine kleine Profiküche nutzen.

Welche Herausforderungen gab es bisher?
80 Prozent der Frauen haben in ihrer Heimat nicht gearbeitet. Deshalb war es am Anfang wichtig, sie an die Verbindlichkeiten der Arbeitswelt heranzuführen. Etwa Termine einzuhalten und sie nicht platzen zu lassen, nur weil gerade eine Freundin auftaucht. Aber das wird langsam. Auch die sprachlichen Hürden spielen dank der Deutschkurse kaum eine Rolle mehr.

Gibt es eine langfristige Perspektive?
Ja, bis 2021 wollen wir einen Teil der Frauen voll versicherungspflichtig bei Chickpeace beschäf­tigen. Aber es geht auch um das familiäre Mitein­ander. Mittlerweile sind viele Freundschaften entstanden, zwischen einigen Frauen herrscht fast so etwas wie ein Mutter-Tochter-Verhältnis. Es ist einfach schön, das mitzuerleben.

Chickpeace

Catering-Angebote unter Telefon: 040/20 93 24 940. E-Mail: mail@cickpeace.de, chickpeace.de

3. Das Sozialunternehmen Conflictfood

Das kleine Sozialunternehmen Conflictfood sitzt in einem Büro in einem Berliner Hinterhof. Die Gründer Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger helfen Menschen in Krisenregionen, indem sie ihre Agrarprodukte bei uns vermarkten:

Conflictfood-Gründer Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger

Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger unterstützen Menschen in Krisenregionen, indem sie ihre Agrarprodukte bei uns vermarkten

„Vor ein paar Jahren haben wir zwei uns in Berlin kennengelernt. Uns verband unter anderem, dass wir beide das Gefühl hatten, dass unsere Jobs als Architekt bzw. Eventmanager uns innerlich nicht wirklich ausfüllten. Wir dachten aber eher an eine ehrenamtliche Arbeit, als wir vor vier Jahren beschlossen, nach Afghanistan zu reisen. Wir woll­ten Fotos und Texte für eine NGO machen, die Salems Vater ehrenamtlich unterstützt. Während wir dort waren, hörten wir, dass in Herat Frauen Safran anbauen statt Opium, wie sonst ja leider vielerorts üblich. Das hat uns so interessiert, dass wir spontan hingefahren sind. Wir waren überrascht, dass die Frauen uns schnell vertraut haben. So konnten wir einen guten Einblick in ihren Alltag gewinnen, erfuhren ihre Geschichte: Die Bäuerinnen hatten hart dafür gekämpft, Safran-Krokusse anbauen zu dürfen. Nur so konnten sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und die Situation ihrer Familien verbessern.

Wir waren so beeindruckt von diesen selbstbestimmt wirtschaftenden Afghaninnen, dass noch vor Ort die Idee von Conflictfood entstand: Wir wollten einen Teil des Safrans kaufen und in Deutschland auf den Markt bringen. Wir haben die feinen roten Fäden der Safran-Krokusse dann tatsächlich einfach im Handgepäck mitgenommen. Eine ziemlich verrückte Aktion. Denn wir hatten ja keine Ahnung, wie man ein solches  Ge­schäft aufzieht. Geholfen hat uns am Anfang, dass wir mit unserer Idee, verschiedene Agrar­produkte aus Konfliktregionen zu importieren, ein Stipendium für soziale Geschäftsideen gewonnen hatten. Wir wurden professionell begleitet und konn­ten in einem Coworking-Space mit ande­ren kleinen Firmen unterkommen.

Zu jedem Produkt gibt es eine kleine Zeitung

Heute vermarkten wir neben dem Safran auch biologisch angebauten Tee aus Myanmar und Bio-­Freekeh aus Palästina. Das ist ein gerösteter grüner Weizen, der sehr gesund sein soll. Unsere Han­dels­partner suchen wir uns alle direkt vor Ort aus. Am liebsten sind uns Kollektive von Klein­bau­ern. Wenn wir uns für ein landestypisches Produkt entschieden haben, fragen wir die Bauern, wie viel sie verdienen müssen. So erhalten sie meist etwa ein Drittel mehr Geld als sonst auf dem Markt üblich.

Die Produkte lassen wir in einer Behindertenwerkstatt hier in Deutschland schön verpacken. Wir legen immer eine eigene kleine Zeitung mit vielen Fotos dazu, die die Geschichten der Leute vor Ort erzählt. Wir bringen mit Conflictfood nicht nur ein Stück der Esskultur anderer Länder nach Deutschland, indem wir beispielsweise zum Freekeh-Weizen ein paar Rezepte aus der Region liefern. Wir möchten auch im Kleinen helfen, die Ursachen dafür zu bekämpfen, dass Menschen aus ihren Heimatländern flüchten müssen. Seit wir Conflictfood machen, hat sich unser Leben total verändert und auch unser Blickwinkel auf viele Dinge. Obwohl wir einen großen Teil unserer Ersparnisse in dieses Unternehmen gesteckt haben und längst nicht mehr so viel verdienen wie früher, fühlen wir uns besser. Es tut einfach gut, jeden Tag an etwas zu arbeiten, das man für sinnvoll hält.

Ein Fest mit Afghanen aus Kabul und Herat

Wir haben so viele neue, interessante Menschen ken­nengelernt, in Deutschland und in den Ländern, wo unsere Produkte herkommen. Wir erleben dort eine große Gastfreundschaft. Und auch wenn wir viel improvisieren müssen, etwa weil wir in letzter Minute erfahren, dass die Reise zu einem Projekt doch zu gefährlich ist, oder weil Ware an irgendeiner Stelle unterwegs hängen bleibt – die Arbeit macht uns viel Spaß, weil sie so vielfältig ist und wir immer wieder etwas Neues ausprobieren. Einen Teil unserer Einnahmen investieren wir zum Beispiel in soziale Projekte. Im vergangenen Herbst haben wir ein interkulturelles Fest ver­anstaltet, das Klub Kabul hieß. Zwei Tage lang konn­ten sich Menschen während dieses Events auch virtuell über eine große Leinwand begegnen und unterhalten, die wir in drei Schiffscontainern in Kabul, Herat und Berlin aufgestellt hatten. Am schönsten aber war, dass wir auch alle zusammen gegessen haben – das war wie eine ganz lange Tafel, wenn natürlich auch nur virtuell."

Conflictfood

Die Produkte bekommt man online unter conflictfood.com oder z. B. bei Manufactum und im taz-Shop.