Titel Warum wir die Natur so lieben und brauchen

Draußen ist alles besser, schöner, leichter. Doch manchmal vergessen wir im ­Alltag, wie viel uns die Natur schenken kann – und bleiben drinnen. Unsere Autorin rät, ihr jederzeit mit offenen Armen entgegenzulaufen – und weiß, was wir dabei von Skandinavien lernen können
Auf der Wiese in der Sonne liegen

In der Luft liegt der Duft von Obstblüten. Vögel zwitschern, Hummeln summen träge um Weiden und Hortensien. Die Wiese vor mir erstreckt sich weit bis zu den knorzigen Apfelbäumchen und ist gesprenkelt von Gänseblümchen. Wenn ich ein Bild dafür finden sollte, was mich in meiner Kindheit am glücklichsten gemacht hat, dann ist es dieses: der riesige Garten, der zu unserer Mietwohnung gehörte, die so günstig war, weil ihre Bewohner sich um die rund 2000 Quadratmeter zu kümmern hatten. Dann starb mein Vater. Neben der Trauer musste der Alltag neu organisiert werden, meine Mutter die Familie versorgen. Zeit für mich war rar. Nicht meine Spielsachen halfen mir jetzt, sondern der Garten. Im Gras zu liegen, Wind und Sonne auf der Haut zu fühlen und in die Zweige des Kirschbaums zu schauen, das war wie eine liebevolle Umarmung. Und die winzigen Blättchen, die sich durch klebrigen Erdboden ans Licht schoben, gewachsen aus unscheinbaren Krümeln, die ich Tage zuvor ausgesät hatte, zeigten mir: Man kann auch stark sein, wenn man noch ganz klein ist.

Die Liebe zu allem Lebendigen

Ich ahnte als kleines Mädchen nicht, dass das, was ich da erlebte, zunehmend Gegenstand moderner Forschung war: Woran es eigentlich liegt, dass es uns draußen immer gleich viel besser geht. Damals, 1984, wurde gerade das Buch Biophilia des Naturforschers Edward O. Wilson heiß diskutiert. „Biophilia“ – zu deutsch Biophilie – ist „die Liebe zu allem Lebendigen“. Das ist ein Begriff, den der Psychoanalytiker Erich Fromm in den Sechzigerjahren geprägt hat. Wilson hatte nun die sogenannte Biophilie-Hypothese aufgestellt: die Annahme, dass diese Naturliebe in unseren Genen steckt, weil sie mal ein evolutionsbiologischer Überlebensvorteil war. Zum Beispiel finden die meisten Menschen spontan Bäume am schönsten, die kräftige Äste haben, Früchte tragen oder mit ausladenden Kronen Schatten spenden. Für unsere Vorfahren waren das direkte Überlebensvorteile: Fluchtmöglichkeit, Versteck oder Ausguck, Nahrungsquelle oder Sonnenschutz.

„Wer bei Wind und Wetter
rausgeht, übt Akzeptanz und
gewinnt Optimismus, mit
jeder Situation fertig zu werden.“

Astrid Katzberg , Achtsamkeitstrainerin

Ich wiederum liebe alle Bäume, so krumm und schief sie auch sein mögen. Auch im Winter, wenn sie mit ihren filigranen Verästelungen wie Scherenschnitte vor dem Himmel stehen. Trotzdem merke ich jedes Jahr, wenn ich endlich wieder frische Blätter sehe, wie ich innerlich aufatme. Mir kann es nicht grün genug sein. Nicht nur deswegen mache ich mir Sorgen, wenn ich vom Insektensterben lese, von Klimawandel und Artenrückgang. Aber dann höre ich von Ideen wie den „Bee Stops“, begrünten Bushaltestellendächern, die es in immer mehr Städten gibt. Oder von „Plant-for-the-Planet“, das der damals erst neunjährige Felix Finkbeiner 2007 mit seinem Vater ins Leben gerufen hat. Die Initiative hat seitdem fast 14 Milliarden Bäume gepflanzt. So etwas gibt mir Hoffnung: Wir können etwas tun! Und es spornt mich an, die Tür nach draußen aufzureißen und selbst loszulegen mit dem Pflanzen und Säen.

Ihr möchtet wissen, wie es weitergeht? Den vollständigen Artikel lest ihr in der Hygge No. 17