Titel Auf in eine neue Zukunft

So vieles hat sich verändert in den letzten Monaten. Und noch wissen wir nicht, wo das alles hinführen wird. Klar ist aber: Es gibt trotz aller Krisenstimmung auch hoffnungsvolle Neuanfänge. Und wir können schon jetzt Visionen von einer solidarischen, besseren Welt entwickeln.
Auf in eine neue Zukunft

Es ist Ende August 2020. Ich campe mit meinem Freund an einem See in Brandenburg. Wir haben im Hofladen in der Nähe Brot, Käse und Wein besorgt und sitzen nun vor unserem Bus, schauen aufs Wasser und essen Abendbrot. Es ist schön, dass die Welt immer noch so still ist. Okay, am Himmel sieht man wieder ab und zu Kondensstreifen, aber nicht viele, denn Inlandsflüge sind seit Kurzem verboten. Eigentlich wollten wir nach Frankreich in den Urlaub fahren. Die Grenzen sind wieder offen. Aber dann haben wir gemerkt, dass uns das für zwei Wochen zu stressig ist. Wir haben gar keine Lust mehr auf endlose Staus, auf viel zu viel in viel zu kurzer Zeit. Zum ersten Mal habe ich auch meinen Laptop zu Hause gelassen, bin nur im Notfall erreichbar. Ich war erstaunt, dass alle Auftraggeber das sofort akzeptiert haben. Die Sonne ist mittlerweile hinterm Wald verschwunden, wir machen es uns im Auto gemütlich – keine Stunde von zu Hause entfernt. Morgen besuchen uns Bekannte. Ich freue mich auf das Wiedersehen, bei dem wir uns endlich wieder umarmen dürfen.

„Wir entdecken gerade etwas Überraschendes – ganz viel Kreativität und eine neue Liebe zum Leben.“ Verena Kast, Psychologin

Eine schöne Vision, oder? Der Fachbegriff dafür ist Regnose. So nennen Zukunftsforscher wie Matthias Horx Vorausschauen, in denen wir uns die Zukunft ausmalen, während wir gleichzeitig auf unser heutiges Leben zurückblicken. Horx – in der Corona-Krise eine der wichtigen Stimmen – glaubt, dass wir uns nicht zuletzt durch solche Fantasien verändern können. Denn die Welt, in der wir leben, entsteht letztendlich erst einmal in unserem Kopf. Und eventuell haben solche Gedankenspiele sogar größeres Potenzial als Prognosen. Dafür ist es im Moment ohnehin etwas früh. Denn auch wenn sich viele Bereiche unseres Lebens fast wieder „normal“ anfühlen – vorbei ist der Ausnahmezustand noch nicht. Andererseits merken wir, dass wir auf dem Weg zurück in die Normalität jetzt einige Weichen für eine bessere Zukunft stellen können – und sollten. „Wir mussten unser Verhalten in kürzester Zeit ändern, und Menschen ändern sich nur durch persönliches Erleben“, so Horx. Genau aus diesem Grund ist es wichtig, innezuhalten, um zu verstehen, was gerade mit uns passiert. Im Kleinen wie im Großen. Denn wenn wir uns öfter Zeit zum Träumen nehmen, verändern wir uns leichter. Und dann hat die Corona- Pandemie bei allem Schrecklichen auch Gutes in die Gesellschaft gebracht – und die Einschnitte sind nicht umsonst gewesen.

Wir werden kreativ

„Bis vor Kurzem haben wir in Europa in einer Zeit gelebt, in der wir das Gefühl hatten, wir sind unverwundbar, es kann alles immer noch größer werden“, meint die Schweizer Psychologin Verena Kast. „Wir hatten uns etwas vergaloppiert. Und jetzt merken wir, was eigentlich ohnehin klar ist: Das Leben ist unberechenbar. Wir können alles verlieren. Das macht uns sehr dünnhäutig.“ Kast hat sich unter anderem mit dem Thema Trauer befasst und findet: „Die Corona-Krise hat zwar ein höheres Tempo, aber wir machen derzeit durchaus kollektiv Trauerphasen durch.“ Zuerst wollten wir das Problem nicht wahrhaben, dann kam das große Erschrecken. Auf diese emotionale Achterbahnfahrt folgt gerade eine Art innere Bestandsaufnahme – wir reflektieren, was wir verloren haben. Verena Kast sagt: „Wenn wir uns darauf emotional einlassen, dann wissen wir auch, was wir wieder haben möchten und was ab sofort anders werden soll. Dann werden wir kreativ.“ Diese neue Lust am Ausprobieren, Zulassen, Verändern lässt sich überall beobachten, sei es im Job, in den Schulen, beim Sport oder in der Kultur. Auf der anderen Seite freuen wir uns aber natürlich auch über jedes Stück Gewohnheit, das zurückkehrt. Aber bedeutet das, dass nun doch wieder alles wird wie vorher?

Ihr möchtet wissen, wie es weitergeht? Den vollständigen Artikel lest ihr in der Hygge No. 19.