Wie können kleine Vögel so laut singen?

„Das ist eine einfache, aber gar nicht so leicht zu beantwortende Frage“, sagt unser Experte. Und erklärt, was ein Zaunkönig mit einem Lastwagen und einem Dudelsack gemein hat.
Singender Zaunkönig

Vielleicht ist Ihnen das auch passiert in den letzten Wochen: Die Singvögel vor dem Schlafzimmerfenster sind dem Wecker zuvorgekommen, allerdings ohne Schlummertaste. Nachdem es den Winter über ruhig war im Garten oder auf dem Balkon, fallen der Gesang und das Rufen der Tiere jetzt umso mehr auf. Vor allem fragt man sich, wie so kleine Geschöpfe wie die Singvögel solche unglaublich lauten Töne hervorbringen können.

Dr. Stefan Bosch, Fachbeauftragter für Ornithologie und Vogelschutz beim NABU Baden-Württemberg, erklärt: „Die Luftmenge macht die Lautstärke: Je mehr Luft durch die Syrinx strömt – das ist der untere Kehlkopf, in dem bei Vögeln die Laute gebildet werden –, desto lauter ist der Gesang.“

So laut wie ein Lastwagen

Doch wie soll das gehen? Nehmen wir mal den Zaunkönig, das Paradebeispiel für einen winzigen Vogel mit extrem lautem Ruf. Er misst gerade einmal zehn Zentimeter, bringt etwa zehn Gramm auf die Waage und singt mit einer Lautstärke von bis zu 90 Dezibel – so laut wie ein Lastwagen, der vorbeibrettert! Wenn die Luftmenge die Lautstärke macht, wie kann so ein kleines Tier so viel Luft hervorbringen?

Stefan Bosch: „Da spielen einige Punkte zusammen: Wer eine kleinere Luftröhre hat, wie etwa der Zaunkönig, muss eben mehr Druck aufbauen, um viel Luft durchpressen zu können. Das können Vögel, weil sie nicht nur die Lungen haben, sondern zusätzliche Luftsäcke, die hauptsächlich im Bauch- und Brustraum verteilt sind. Daneben gibt es kleine Luftsäcke in diversen mehr oder weniger großen Knochen, von Schulter-, Becken- und Wirbelknochen bis zu Röhrenknochen der Flügel. Diese füllen die Vögel durch Einatmen wie einen Dudelsack und drücken sie dann mit Muskelkraft wieder leer. Dabei strömt die Luft mit großem Druck durch die Syrinx, den unteren Kehlkopf, und erzeugt die Töne.“

Das bedeutet also, dass Vögel unabhängig voneinander singen und atmen können: Die Luft zum Singen muss nicht unmittelbar vorher eingeatmet werden, sondern kann in den Luftsäcken quasi auf Vorrat lagern. Nun werden diese Luftsäcke, die es unserem Zaunkönig ermöglichen, mit hohem Druck so laut zu singen, ja nicht besonders groß sein. Wahrscheinlich muss er recht bald wieder nachfüllen?

„Ja, auch dafür hat die Natur eine Lösung parat“, sagt Stefan Bosch. „Vögel können während des Singens Mikro-Atemzüge nehmen, also blitzschnell und unbemerkt Luft holen. So füllen sie nebenher die Luftsäcke wieder auf.“

Und die Vogelwelt hat noch eine weitere Besonderheit auf Lager, die den lauten Gesang ermöglicht. Dazu muss man verstehen, wie die Syrinx aussieht, jener unterer Kehlkopf, der für die Lautbildung zuständig ist: Sie liegt dort, wo die Luftröhre sich in die beiden Hauptbronchien aufspaltet, die dann in die zwei Lungenflügel führen. An dieser Gabelung werden Membranen durch das Vorbeiströmen der Luft in Schwingung gebracht, ähnlich unserer Stimmbänder. So entstehen die Töne. Die Syrinx ist dabei wesentlich weiter als beispielsweise unsere Stimmritze. Der Vogel kann zudem den Durchmesser mithilfe von Muskeln steuern und damit die Lautstärke seines Gesangs. Ist die Syrinx normal geweitet, bietet sie dem Luftstrom wenig Widerstand. Auch dadurch kann eine recht große Menge Luft durchströmen, die für die Lautstärke des Gesangs vor unserem Schlafzimmerfenster sorgt.