Eine Fahrt ins Blaue

Eine Landschaft ganz in Blau – ein ungewöhnlicher Anblick. Denn nach und nach ist die früher weitverbreitete Leinpflanze aus dem Landschaftsbild verschwunden. Doch im schwäbischen Heckengäu lässt Ölmüller Jürgen Krauth wieder blaue Felder wachsen. Aus dem Samen stellt er Leinöl her.
Leinölfeld

Blau blühende Leinpflanzenfelder erinnern ein bisschen an ein wogendes Meer. Wer die Blüten bewundern will, darf allerdings nicht allzu lange schlafen, denn sie öffnen sich am Morgen und schließen sich gegen Mittag schon wieder

Wer im Juni durchs Heckengäu fährt, erlebt „sein blaues Wunder“. Seit einigen Jahren gibt es hier wieder blaue Blütenteppiche. Bis in die 1950er-Jahre hinein war blühender Lein ein ganz normaler Anblick. Doch dann verschwand die Kulturpflanze zusehends aus der Region. Vor acht Jahren besann sich Ölmüller Jürgen Krauth aus dem schwäbischen Illingen auf die fast vergessene Leinpflanze und ließ sie probehalber von einem Biobauern für seine Ölmühle anpflanzen. Das daraus kalt gepresste Öl ging weg wie warme Semmeln. Heute pflanzen fünf Biobauern auf einer Fläche von 20 Hektar im Umkreis von 20 Kilometern speziellen Öllein für Jürgen Krauth an. „Bei einer guten Ernte erhält man pro Hektar etwa 900 Kilogramm Samen“, sagt der Ölmüller, der in sechster Generation die Familientradition als Müller fortsetzt.

Großes Interesse an Leinöl

Die Leinpflanze, auch unter der Bezeichnung Flachs bekannt, ist schon immer gut im Heckengäu gewachsen. Die klimatischen Bedingungen scheinen hier ideal zu sein. „Sie hat zwar keine besonderen Anforderungen, was den Boden anbelangt. Wichtig ist aber ausreichende Feuchtigkeit im Frühjahr“, weiß Jürgen Krauth. Ein Wechsel von Sonne und Regen, weder zu hohe noch zu tiefe Temperaturen – das bekommt ihr besonders gut. Gefährlich könnte es allerdings bei Spätfrost werden. Ausgesät wird nämlich schon im April. Früher baute man Flachs, wie die Leinpflanze auch genannt wird, vor allem wegen der Pflanzenstängel an, die zu Leinen weiterverarbeitet wurden. Während die Nachfrage nach deutschem Leinen, der unter anderem auch auf der Schwäbischen Alb und im Allgäu angebaut wurde, stetig zurückging, stieg das Interesse an Leinöl.

Leinpflanzenfeld

Mit dem Anbau der alten, fast vergessenen Kulturpflanze Lein hat Familie Bäuerle vom Sonnenhaldenhof in Iptingen, etwa zwölf Kilometer von der Ölmühle Illingen entfernt, aus der ohnehin schon lieblichen Gegend ein Landschaftskunstwerk von unbeschreiblicher Schönheit geschaffen

„Die Leute ernähren sich bewusster“, sagt Ölmüller Jürgen Krauth und schüttet Leinsamen in den Trichter der modernen Schneckenpresse, die ein bisschen an einen Fleischwolf erinnert. Kurz darauf rinnt das Öl mit einer Temperatur von 28 bis 30 Grad durch ein feinporiges Sieb in einen Metalleimer. So verwandeln sich in zehn Stunden 90 Kilo Leinsamen in 30 Liter Öl. „Die Ausbeute ist ganz ordentlich und liegt in etwa so wie bei Sonnenblumen oder Raps. Nüsse sind ölhaltiger“, erklärt der Fachmann, der das ganze Jahr über mehrmals die Woche kleinere Mengen presst. So hat die Mühle stets frisches Öl parat.

Blühende Leinpflanzen

Damit sich gröbere Schalenteilchen absetzen können, lässt er das Öl vor dem Abfüllen acht Stunden ruhen. Gefiltert wird die goldgelbe Flüssigkeit nicht. „Die natürliche Trübung kommt von den restlichen Leinsaatpartikeln aus der Pressung“, erläutert Jürgen Krauth, der jeden Tag mit einem Esslöffel Leinöl beginnt. „Es gibt kein Öl mit einem höheren Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren vom Typ Omega 3“, berichtet er. Und dann schmeckt es auch noch vorzüglich – nämlich fein und nussig, solange es frisch ist. Zum Braten sollte man es keinesfalls verwenden. Fein schmeckt Leinöl im Salat oder zu cremig gerührtem Quark, den man zu gekochten Kartoffeln serviert. Während Olivenöl gut acht Monate haltbar ist, sollte der Inhalt einer geöffneten Leinölflasche im Kühlschrank aufbewahrt und innerhalb von drei Monaten verbraucht werden. Danach schmeckt das Öl fischig oder bitter.

Und wenn das Öl nicht mehr genießbar ist, kann es immer noch zur Holz- und Lederpflege verwendet werden“, lautet der Tipp von Jürgen Krauth.

Wie aus Flachs ein Leintuch entsteht

In früheren Zeiten wurde Lein, auch unter der Bezeichnung Flachs bekannt, in Deutschland häufig angebaut. Interessant waren vor allem die Pflanzenstängel zur Gewinnung von Leinenfasern. Dafür wurde der Flachs nach der Ernte zunächst durch ein Riffelbrett gezogen, um die Samenkapseln zu entfernen. Dann wurden die Stängel in mehreren Arbeitsschritten sorgfältig von Holzresten gereinigt. So konnten die Fasern dann zu Garn versponnen werden. Textilien aus den langen Fasern des Leins sind schmutzabweisend und nehmen viel Feuchtigkeit auf, die sie rasch wieder abgeben. Bettlaken und Kissenüberzüge waren früher oft aus Lein – daher die Bezeichnung Leintuch. Aufgrund der einfacheren Verarbeitbarkeit hat sich nach 1860 immer mehr die Baumwolle durchgesetzt. Mittlerweile wird hierzulande Lein eher wegen der Samen angepflanzt, die zu Öl verarbeitet werden können.

Aus dem Samen der Leinpflanze stellt Jürgen Krauth ein wohlschmeckendes und gesundes Öl her.