Alles dreht sich um die Linde ...

... und sogar auf ihr! Denn bei der traditionellen Lindenkirchweih im oberfränkischen Limmersdorf spielt die Musik auf einer Plattform oben in dem uralten knorrigen Baum. Dort bitten die „Madla“ und „Burschn“, die das Fest ausrichten, zum Tanz.
Tanzlinde

Der Tanz unter der Linde ist eröffnet. Den Vortritt auf dem Tanzboden haben die vier Platzpaare. Danach dürfen alle...

Ein mächtiger Stamm, eine prächtige Krone und die typischen herzförmigen Blätter: Wunderschön und fest verwurzelt steht die uralte Linde mitten auf dem Dorfplatz in der fränkischen Ortschaft Limmersdorf. Irgendwann im 17. Jahrhundert wurde sie gepflanzt und hat seitdem Klatsch und Tratsch, Liebesglück und Liebesleid und manch andere Geheimnisse der Dorfbewohner belauscht.

Noch mehr in den Mittelpunkt des Geschehens rückt die heute 16 Meter hohe Linde jedes Jahr um den 24. August, dem Namenstag des heiligen Bartholomäus. Dann nämlich feiert Limmersdorf vier Tage lang Lindenkirchweih, tanzt nicht nur um und unter dem Baum, sondern auch im Baum – auf einem hölzernen Plateau in vier Metern Höhe.

Früher gab es viele Tanzlinden – vor allem in Franken und Thüringen, heute ist es nur noch eine Handvoll. Organisiert wird das Fest von vier ledigen Burschen („Plootzborschen“, „Plootzbum“) und vier ledigen Mädchen aus dem Dorf, den sogenannten „Plootzmadla“, die vier Tage lang die Chefs in und um die Linde sind. Für Essensnachschub sorgen sowie den Ausschank und die Bar leiten fällt unter anderem in den Bereich der Burschen, während die Mädchen bis spät in die Nacht bedienen, am nächsten Morgen putzen und alles wieder herrichten.

Tanzlinde

Die in fränkischer Tracht gekleideten „Madla“ und „Burschn“ tanzen mal am Boden um die Linde, mal im Herzen des alten Baumes

„Führt fei a g’scheita Kerwa auf“

„Einen Vertrag oder Anweisungen gab es noch nie“, erzählt Veit Pöhlmann, den die Tanzlinde schon ein Leben lang begleitet, da er, bis auf kurze Unterbrechungen, direkt am Lindenplatz wohnt. „Es gibt nur die Bitte vom Bürgermeister: ,Dann seid ihr heir dro. Führt fei a g’scheita Kerwa auf‘“, zitiert er und erinnert sich, dass die Linde schon immer der Treffpunkt für alle Kinder im Ort war – und auch heute noch ist. „Früher sind wir als Kinder sogar auf der Linde herumgeklettert. Das dürfen die Kinder heute nicht mehr. Zu gefährlich ...“, berichtet der gebürtige Limmersdorfer.

Wenige Tage vor dem Fest wird eine Treppe aufgebaut, die auf den hölzernen Tanzboden in etwa vier Metern Höhe führt. Auch dieser wird erst kurz vor dem Fest eingezogen. Auf der 35 Quadratmeter großen Fläche in der ersten Etage des Baumes haben nicht nur acht Tanzpaare, sondern auch die Musiker der Kapelle Platz. Die Holzkonstruktion wird von acht Sandsteinsäulen getragen, auf die die Jahreszahl 1729 eingemeißelt ist. Spätestens seit jenem Jahr findet also in Limmersdorf jährlich die Kerwa mit dem Lindentanz statt. Erst wenn die vier Plootzpaare den Tanz eröffnet haben, dürfen alle das Tanzbein schwingen. Dann hört man aus der alten Linde wieder lautes Lachen und Musik oder auch mal ein kleines „Aua“, wenn jemand beim schnellen Drehen den dicken Baumstamm angerempelt hat.

Blasmusik unter der Tanzlinde

Im Baum spielt die Musik: Die Bläser sitzen dabei in der ersten Reihe, wenn sie auf dem Holzboden der alten Linde zum Tanz aufspielen

Der Trubel wird ihr nicht zu viel

Die Tradition konnte sich deshalb so lange halten, meint Veit Pöhlmann, früher selbst „Plootzer“ und heute Vorsitzender des „Vereins zur Erhaltung und Förderung der Limmersdorfer Kirchweihtradition“, weil es allen Spaß macht – in allen Bevölkerungsschichten und vor allem in allen Altersgruppen.

In Limmersdorf feiern die Menschen also gern Kirchweih – für sich und nicht als Vorführung für andere. Wobei Gäste gern gesehen sind: „Vor allem wenn sie einfach mitmachen“, meint Pöhlmann.

Damit es auch in Zukunft weiterhin eine Kirchweih mit Tanzlinde gibt, hat „sein“ Verein vorgesorgt: Vor 23 Jahren wurde aus der alten Linde ein Sämling gezogen und auf dem Plootz eingepflanzt. Bis die kleine Linde die große altehrwürdige „Dame“ allerdings ablöst, vergehen sicher noch ein paar Jährchen. Der „Alten“ geht es nämlich noch ziemlich gut und sie zeigt keinerlei Anzeichen, dass ihr der alljährliche Trubel etwa zu viel wird. Kein Wunder – sie wird schließlich auch sorgfältig gehegt und gepflegt. Damit sie zum Beispiel immer ordentlich aussieht, schneiden Vereinsmitglieder wie Veit Pöhlmann den imposanten Baum einmal im Jahr. „Wir schneiden bis in drei Meter Höhe“, unterstreicht Pöhlmann. „Baumpfleger vom Landkreis übernehmen die Pflege weiter oben.“ Sie rücken dazu extra mit einer Hebebühne und entsprechenden Sägen und Scheren an. Glaubt man dem Sprichwort „Eine Linde kommt 300 Jahre, eine Linde steht 300 Jahre und eine Linde vergeht 300 Jahre“, dann dürften die Limmersdorfer noch eine Weile um ihre Linde herumtanzen. „Zum Glück!“, freut sich Veit Pöhlmann.

Frühschoppen unter der Tanzlinde

Einer der Höhepunkte ist der Frühschoppen am Montag, bei dem es nur „Blaug’sud’na“ gibt – warme Bratwürste in einem Essig-Zwiebel-Sud

Wodurch wird eigentlich eine Linde zur Tanzlinde?

Unter Linden fanden Versammlungen statt, es wurde Recht gesprochen, man hielt Gottesdienste ab – und natürlich wurde gefeiert und getanzt. Bei klassischen Tanzlinden im engeren Sinne werden die unteren Äste waagerecht gezogen, um eine Holzkonstruktion mit Tanzboden und Geländer darauf errichten zu können. Außen an den Balustraden oder Spalieren wachsen die Äste wieder nach oben. Säulen aus Stein oder Holz tragen das Gewicht des Aufbaus und der darauf Tanzenden, um die Äste zu entlasten. Bei Tanzlinden im weiteren Sinne wird am Boden unter der Linde oder außerhalb des Astbereiches um sie herum getanzt. Sonstige Tanzlinden sind Linden, die ohne Tanzboden oder spezielle Formgebung im Mittelpunkt von Tanzbräuchen stehen. Das Deutsche Tanzlindenmuseum in Thurnau, ganz in der Nähe von Limmersdorf (www.tanzlindenmuseum.de), dokumentiert die Geschichte der deutschen Tanzlinden.

Der Tanzlindenradweg verbindet auf einer idyllischen Runde über 31 Kilometer die drei fränkischen Tanzlinden in Peesten (www.lindenkerwa.de), Limmersdorf und Langenstadt (www.dieromantischendrei.de).