Mensch & Tier Hundeleben

Mit Huskys über den Schnee zu sausen ist nur was für Männer? Von wegen! Sisi Probst (59) ist Krankenschwester, vierfache Mutter und bei internationalen Rennen dabei. Im Musher-Camp am Pillersee wirkt die große Leidenschaft der zierlichen Frau ansteckend: Da bekommt selbst eine Anfängerin Lust, den Schlitten zu lenken ...
Huskys ziehen unsere Autorin

Auf ein „Go! Go! Go!“ wetzen Eagle und Djamie mit fast 40 Kilometern pro Stunde über den Schnee. In Kurven wird es knifflig, da muss der Musher über die Kufen für die Stabilität des Schlittens sorgen. Leinen gibt es keine – Schlittenhundefahrer halten sich am Griff  fest und halten das Gespann mit einem deutlichen „Stopp!“ wieder an

Ein handbemaltes Schild hinter dem Hallenbad von St. Ulrich am Pillersee zeigt den Weg in eine andere Welt: „Musher-Camp“ ist darauf zu lesen. Es weist zu einem ungewöhnlichen Wintercampingplatz: Mehr als tausend pelzige Huskys sitzen dort angepflockt vor Wohnwägen, liegen zusammengerollt in ihren Boxen in Anhängern oder tänzeln aufgeregt vor filigranen Hundeschlitten.

Ein Husky ruht sich aus

Einem gemütlichen Nickerchen steht selbst bei Schneetreiben nichts im Wege. Huskys können Minusgrade nicht schrecken – die Kälteexperten unter den Hunden laufen erst bei Frost richtig zur Höchstform auf

Täglich wird mehrere Stunden trainiert

Jedes Jahr im Januar schlagen in St. Ulrich am Pillersee rund 150 Musher, also Schlittenhundefahrer, ihr Lager an dem kleinen Bergsee in den Kitzbüheler Alpen auf. Unter ihnen ist auch die Österreicherin Sisi Probst. Die kleine Frau in der dicken Jacke mit der großen Fellkapuze bringt ihren Huskys gerade frisches Wasser – in Zimmertemperatur. Das sei bekömmlicher. Das kleine Rudel Vierbeiner vor ihrem Wohnwagen schlabbert eifrig drauf los. Die sieben Hunde haben ihre erste Trainingseinheit an diesem kalten Januarmorgen bereits hinter sich. Sisi Probst arbeitet täglich mehrere Stunden daran, ihr Team auf den vielen Pfoten fit zu halten. Und zwar das ganze Jahr über: Im Sommer schnallt sie sich die Hunde mit elastischen Leinen einzeln vor den Bauch oder spannt sie vor einen Spezialroller. Das Trainingsziel: Kondition und Ziehkraft.

Denn das brauchen die Tiere beim „Transpillersee Schlittenhundecamp und Rennen“. Hier treffen sich die besten Schlittenhundefahrer Europas. Sisi Probst kann in dieser Gesellschaft gut mithalten. Sie war schon bei vielen internationalen Rennen erfolgreich, sogar bei Weltmeisterschaften schafft sie es regelmäßig ins Mittelfeld.

„Wir sind jedes Jahr hier in St. Ulrich – es ist einfach herrlich“, sagt die 59-Jährige aus der Nähe von Wien, die gerade einmal wieder ihre Doppelhaushälfte mit Zwinger gegen den Wohnwagen mit Hundeanhänger getauscht hat. Zu Hause kümmert sich die vierfache Mutter und Kinderkrankenschwester um Neugeborene auf der Intensivstation. Im Lager am Pillersee versorgt sie ihre Hunde: Sie plant das Training, stimmt das Futter ab, pflegt und versorgt ihre stattlichen und sportlichen Huskys.

Die langbeinigen Tiere mit den klugen, blauen Augen rufen vor dem Schlitten wie auf Knopfdruck ihre Leistung ab. In internationalen Rennen brettern sie mit Frauchen mit an die 40 Kilometern pro Stunde über den knirschenden Schnee – vorbei an Bergseen, durch einsame Wälder. Was idyllisch klingt, ist vor allem anstrengend. Sisi Probst muss auf den schmalen Kufen, nicht breiter als ein Langlaufski, immer ausgleichen und an schwierigen Stellen schieben helfen, um kraftraubenden Widerstand abzufangen.

Das Camp

Leicht zu sein, hilft nur in der Ebene

Mit ihrer Größe von 1,50 Meter ist sie eine der zierlichsten Starterinnen überhaupt: „Klein und leicht zu sein, ist aber nur in der Ebene von Vorteil“, weiß die Österreicherin, die seit mehr als 15 Jahren den exotischen Sport betreibt. Über den Berg können zwei Hunde ihr Frauchen trotzdem nicht ziehen. „Da muss ich abspringen und mitlaufen. Da wären lange Beine dann besser.“

Etwa das Neunfache des eigenen Körpergewichts – rund 25 Kilo – kann ein Schlittenhund in der Ebene ziehen, je nach Rasse und Trainingszustand. Wer genau hinschaut, kann tatsächlich Unterschiede erkennen: Es gibt schlanke, langbeinige, wuschelige und stämmige Tiere, Routiniers mit grau melierter Schnauze, stattliche Champions oder Hunde, die gar keine Huskys sind, und Huskys, die nicht vor einem Schlitten, sondern mit einem Menschen laufen.

Canicross heißt die Disziplin, mit der die meisten zu Fuß und im Gelände in den Sport einsteigen. „So bekommst du ein gutes Gefühl für den Hund“, erklärt Sisi. Auch im dreitägigen Musher-Kurs für Gäste ist ein Marsch hinter dem Hund die erste Übung, bevor es auf Schlitten weitergeht.

Mich zieht Eagle über den Wanderweg. Der siebenjährige, voll austrainierte Hund hat’s eilig: Hechelnd wirft sich der Rüde in sein Geschirr. „Einfach gleichmäßig mitgehen“, rät Sisi noch. Der Zug des Hundes verlängert meine Schritte. Eagle und ich sind flott unterwegs. Das Tempo: kurz vorm Laufschritt. Was sich auf der Ebene noch wie Schweben anfühlt, wird bergab zum Problem: Eagle bringt mich ins Stolpern und Schlittern. Hektisch rupfe ich an der Elastikleine. Keine Reaktion. Eagle ist im Laufmodus. Die erfahrene Musherin an meiner Seite grinst: „Da will man die Bäume umarmen zum Bremsen, stimmt’s?“ Ja, stimmt – aber ich will jetzt nur eines wissen: Wie hält man so einen Husky nur an?

„Mit ,Stopp‘!“, so Sisi. Und tatsächlich: Eagle bremst abrupt. Ein lebenswichtiges Kommando – auch mit Schlitten. Und falls die Hunde im Rennfieber einmal nicht hören, hat der Schlitten eigene Raffinessen zu bieten: „Einfach auf die Matte mit den Noppen zwischen den Kufen steigen“, erklärt Sisi. „Und notfalls den Anker auswerfen.“ Der Anker ist eine Metallkralle, die mit einem Seil am Schlitten angebracht ist. Im Notfall gräbt sie sich in den Schnee, und das Gefährt kommt zum Stehen. Sisi hat Eagle und Hündin Djamie angespannt. Über Jahre hat sie die wichtigen Kommandos mit ihren Schützlingen trainiert: Mit „How“ (gesprochen „Ho“) geht’s nach links, mit „Gee“ („Dschie“) nach rechts.

Sisi Probst

Sisi Probst und ihre Leidenschaft für Hunde: Das steckt unweigerlich an

Mit einem Ruck geht’s urplötzlich los

Damit die Huskys nicht gleich mit mir lospreschen, hält Sisi die bellenden und hopsenden Hunde vorne noch fest. Vorsichtig steige ich auf die Kufen und versuche mich zu erinnern, was mir die Hundeexpertin erklärt hat. Das Wichtigste ist „Stopp!“ Der Rest wird schon klappen. Mütze zurechtrück ... „Uah!“, entfährt es mir, als der Schlitten auf ein „Go! Go! Go!“ von Sisi mit einem Ruck startet. Ich kann mich gerade noch an den Griffen festkrallen, und schon sind wir unterwegs.

Vor mir wetzen Eagle und Djamie durch den Schnee. Kein Vergleich zu dem Bewegungsablauf am Vormittag beim Spazierengehen. Die Hunde werden immer stromlinienförmiger. Ihre Beine fliegen so schnell über den Schnee, dass ich mit Blicken kaum folgen kann. Souverän stehe ich auf den dünnen, surrenden Kufen. Im eisigen Fahrtwind laufen Tränen an meinen Schläfen entlang Richtung Haaransatz. Ich grinse. Ein irres Gefühl. Ganz leise probiere ich ein „Go! Go! Go!“, und die Hunde ziehen das Tempo tatsächlich noch mal an.

Blöde Idee. Denn in 30 Metern kommt eine scharfe Kurve. Hektisch versuche ich mich zu erinnern, wie man Biegungen übersteht, ohne dass der Schlitten kippt. Kurz auf den Lappen steigen, irgendwas Beruhigendes murmeln, in der Linkskurve den rechten Ski wegdrücken. So weit die Theorie. Praktisch schlittert das Ding ziemlich wackelig um die Kurve, weit entfernt von einem schnittigen Driften.

„Und, wie war’s?“, fragt Sisi, als sie ihre Hunde vor der Brücke anhält, die zurück ins Lager führt. Wortlos steige ich von ihrem Schlitten, sagen kann ich noch nichts. In meinem Körper tobt das Adrenalin. Mein Kopf will auch so ein Gefährt.

Doch dieser Sport hat seinen Preis: Ein Welpe, der später im internationalen Sport mitlaufen kann, kostet etwa 1.500 Euro. Sisi und ihr Mann investieren pro Saison etwa 10.000 bis 15.000 Euro in Futter, Teilnahmegebühren und Fahrtkosten. Für Sisi ist das aber kein Thema: „Uns macht das alles hier unheimlich Freude“, verrät sie und streichelt Eagle über den Kopf. Der Rüde schmiegt sich in ihre Hand. Da ist sie wieder: die kleine, ganz eigene Welt.

Info

Auch 2020 (11. bis 26. Januar) schlagen die Musher samt ihren Schlittenhunden am Pillersee ihre Zelte auf und lassen kleine und große Abenteurer in die faszinierende Welt des "Musher-Lebens" blicken. Schlittenhunde aus ganz Europa können im großen Schlittenhundecamp gestreichelt, erforscht und "erlebt" werden. Beim Internationalen Transpillersee Schlittenhunde Trainingscamp & Rennen wird jeder der Besucher das letzte Abenteuer der Sportwelt hautnah erleben können: Wilde Rennen durch eine tief verschneite Landschaft, Lagerfeuerromantik wie bei den Eskimos, Iglus bauen und natürlich Hunde, Hunde, Hunde ...