Herr Schuh geht den Fischen ans Leder

Es war ein Schamane aus der Mandschurei, der Rudolf Schuh einst von der uralten asiatischen Handwerkskunst der Fischleder-Herstellung erzählt hat. Der Karpfenzüchter aus dem niederösterreichischen Waldviertel probierte das traditionelle sibirische Verfahren aus und perfektionierte es mit viel Pioniergeist.
Rudolf Schuh: Fischleder-Herstellung

Rudolf Schuh mit einer Auswahl an Fischhäuten, die er in seiner Manufaktur „Yupitaze“ herstellt.

Geschmeidig fühlt es sich an, angenehm weich und zur großen Überraschung riecht es kein bisschen fischig. Rudolf Schuh nickt zufrieden und erzählt: „Allein daran, dass unser Leder nicht nach Fisch riecht, haben wir ein gutes halbes Jahr gearbeitet.“

Rudolf Schuh: Fischleder-Herstellung

 

 

Wir stehen im Aufenthaltsraum der Waldviertler Fischleder-Manufaktur „Yupitaze“, wo der Hausherr auf einem Tisch mehrere Häute präsentiert. Darunter sehr schöne Exemplare, aber auch welche, bei denen nicht alles glattgelaufen ist. „Schauen Sie mal hier, das ist Stör. Dessen Haut fühlt sich an wie Schmirgelpapier. Völlig ungeeignet!“ Er schüttelt den Kopf, legt das Anschauungsstück beiseite und nimmt das nächste zur Hand: „Und hier kann man sehen, was passiert, wenn man die Haut von Fisch genauso wie die von Rind oder Schwein gerbt. Das geht völlig in die Hose.“ Tatsächlich ist das Leder komplett ausgebleicht, von der hübschen Musterung nichts mehr übrig. Dann greift er zu den gelungenen Exemplaren von Karpfen, Lachs und Saibling. Seine Augen leuchten freudig auf.

Alles begann mit Donkan

Rudolf Schuh: Fischleder-Herstellung

Fischhaut zu Leder zu verarbeiten, ist eine uralte asiatische Handwerkskunst, die bei uns weitgehend unbekannt ist. Rudolf Schuh hatte im Jahr 1999 zum ersten Mal davon gehört. Der Niederösterreicher war wie gewöhnlich bei der Arbeit im Familien-Sägewerk in Wien, als eines Tages ein Mann mandschurischer Abstammung bei ihm auftauchte. „Er hat sich mit dem Namen Donkan vorgestellt und erzählt, dass er Bildhauer und Schamane sei und einen geeigneten Holzblock für seine ,Seelengeister‘ suche“, berichtet der Mandschure nur auf der Durchreise und wollte weiter nach Irland, um dort mit Lachshaut zu experimentieren. Sein großer Wunsch war es, das alte Wissen seiner Vorfahren zur Gerbung von Fischhaut wieder zu erlangen und aufleben zu lassen. Rudolf Schuh hörte dem Fremden aufmerksam zu und sein Interesse war sofort geweckt. Kurz entschlossen erzählte er von seinen vier Karpfenteichen und lud den Fremden zu sich nach Hause ins Waldviertel ein.

Was er sich dabei gedacht hatte? Rudolf Schuh zuckt mit den Schultern. Das Handwerk passte für ihn irgendwie zur Firmengeschichte der Familie. Schließlich hatte schon sein Vater das Sägewerk von Anfang an komplett auf die Verarbeitung von Altholz ausgerichtet. Damals hielten ihn zwar alle für spinnert, doch der Erfolg hatte ihm recht gegeben. Bis heute ist die Altholz-Nachfrage ungebrochen. Die Abnehmer kommen aus Österreich, Europa und sogar aus Übersee. „Ich dachte mir, wenn mein Vater schon mit der Idee Glück gehabt hatte, aus Abfall, also Altholz, etwas zu machen, dann könnte es mir mit den Überresten meiner Karpfen, in diesem Fall der Fischhaut, vielleicht auch gelingen“, erklärt der Unternehmer seinen Gedankengang. Der Mandschure nahm die spontane Einladung, mit Rudolf Schuh ins Waldviertel zu kommen, an – und blieb.

Über ein Jahr testen und tüfteln

In Schuhs’ Fischbetrieb in Reitzenschlag bei Litschau begannen sie gemeinsam zu experimentieren. Zuerst mit Lachshaut, die sie tiefgefroren aus Hamburg geliefert bekamen. „Die hat ganze zwei Tage zum Auftauen gebraucht“, erinnert sich der heute 76-Jährige gut. Erst dann konnte mit der eigentlichen Prozedur begonnen werden. Die Häute mussten geputzt werden, denn an ihnen haftete noch eine drei Millimeter dicke Fleischschicht. Danach wurden sie gesalzen und in ein spezielles „Wässerchen“ nach mandschurischer Rezeptur in Fässer eingelegt. Doch der erhofte Erfolg blieb lange aus. Die Häute wurden zu trocken, brachen und waren für eine Weiterverarbeitung gänzlich ungeeignet. „Es war schon frustrierend“, beschreibt Schuh die langwierige Testphase. Dann aber hätte es ihn eines Nachts aus dem Schlaf gerissen. Sehr wahrscheinlich lag der Fehler beim letzten Versuch an der falschen Dosierung, schoss es ihm durch den Kopf. Er musste sich vertan haben. Und genauso war es. Endlich war der Durchbruch geschaft! Das Verfahren, mit dem sich Lachshaut in Leder verwandeln lässt, war gefunden.

Nun galt es noch das Problem mit dem Fischgeruch zu lösen, wofür ein weiteres halbes Jahr Arbeit draufging. Als letztlich auch das gelang – die Häute werden einfach mehrfach mit einem herkömmlichen Waschmittel gewaschen –, konnten sie sich auch an anderen Fischarten versuchen. Schuhs Ziel war es nach wie vor, die entwickelte Technik an seinen eigenen Fischen anzuwenden. Schließlich ging es ihm darum, seine Tiere komplett zu verwerten. Doch daran musste der Waldviertler fortan alleine tüfteln, denn für den Mandschuren Donkan war das Projekt zu Ende. Es zog ihn weiter.

Er übernimmt das Ruder alleine

Doch der findige Waldviertler, der zwischenzeitich das Sägewerk in Wien seinem Sohn übergeben hat, um sich ganz auf seine Fische konzentrieren zu können, löst auch dieses Problem. Er entwickelt und baut eine spezielle Abziehmaschine, mit der sich die Haut schonend lösen lässt, und kauft eine weitere, die das Schröpfen übernimmt. Nun ist ein Karpfen in gerade mal sechseinhalb Minuten gehäutet und feletiert. Küchenfertig wird das Fleisch vakuumverpackt und an heimische Restaurants verkauft, die sich um das grätenfreie Filet reißen. Die Häute friert Schuh für die spätere Weiterverarbeitung ein.

Bis heute verwendet Schuh für die Lederherstellung hauptsächlich Karpfen aus eigenem Bestand. Dazu kauft er Lachshaut und ganze Saiblinge aus Tirol mit einem Stückgewicht von ein bis zwei Kilogramm. Tiere von herkömmlichen Fischzüchtern eignen sich für die Ledererzeugung nicht. „Sie bekommen Kraftfutter, damit sie möglichst schnell wachsen. Mir geht es aber vor allem darum, dass sie besonders schöne Haut haben“, erklärt der Handwerker.

Herr Schuh schwimmt gegen den Strom

Rudolf Schuh: Fischleder-Herstellung

Sind die Häute abgezogen, läuft die weitere Verarbeitung größtenteils händisch. Das restliche Fleisch wird von der Haut abgeschabt, Karpfen und Lachs werden entschuppt (beim Saibling bleiben die Schuppen dran) und kommen für eine Woche in das erwähnte „Geheimwässerchen“. Danach müssen die Häute drei bis vier Tage trocknen, was sie steif werden lässt. Um sie weich zu bekommen, zieht Rudolf Schuh die Häute über einen Kniestock, den er aus einer alten Gerberei hat. Anschließend wird das Leder gebügelt, in einer Presse geglättet und zurechtgeschnitten. Dann wird es zur Verarbeitung nach Deutschland und Österreich geschickt und kommt in Form von Geldbörsen, Taschen, Gürteln oder Schlüsselanhängern wieder zurück. Schuh behandelt die Ware abschließend mit einem farblosen Lack.

Rudolf Schuh: Fischleder-Herstellung

Den Vertrieb übernimmt er selbst. Viel läuft über Direktverkauf. Das gehe prima, weil es die Leute interessiere zu erfahren, wie das Fischleder entsteht.
Schuh sieht für seine Fischleder-Manufaktur noch reichlich Luft nach oben. Die Modeindustrie zeigte von Anfang an großes Interesse an dem ungewöhnlichen Material. Darüber hinaus sieht der Waldviertler aber auch viele weitere Einsatzbereiche. So kann er sich das strapazierfähige Fischleder gut zum Bespannen von Stühlen vorstellen oder für die Herstellung von Lampenschirmen. „Den Satz ,Geht nicht, gibt’s nicht‘ kenne ich nicht. Es gibt für alles eine Lösung“, sagt der erfahrene Unternehmer. Die Karpfenzucht hat er auf alle Fälle mal richtig auf den Kopf gestellt, weil er es gewagt hat, gegen den Strom zu schwimmen. Längst ist für Schuh die Fischhaut das Hauptprodukt, nicht das Fleisch.

Info

Der Handwerksbetrieb „Yupitaze Fischtextil“ steht für Besichtigungen offen. Anmeldung erwünscht. Anschrift: Reitzenschlag 24, A-3874 Litschau, Tel.: 0043/664/1108589, www.fischleder.at