Was macht eigentlich eine Naturfriseurin?

Um das herauszufinden, haben wir Almut Reich in Basel besucht und erfahren, dass es der Coiffeurin außer um Wirbel, Wuchsrichtung und modische Wünsche vor allem um den Menschen und seine individuelle „Haar-Geschichte“ geht. Schließlich könne man nicht alle Kunden über einen Kamm scheren.
Naturfriseurin Almut Reich

Raus aus der Öko-Ecke, hin zu modischen Schnitten: Mit ihrem Salon verwirklichte sich Almut Reich einen Traum. Im Februar 2020 feiert ihr Salon in der Basler Altstadt zehnjähriges Jubiläum

Die Außenwerbung an dem Eckhaus in der Altstadtgasse nahe dem Rhein ist so schlicht gehalten, dass ich den Salon um ein Haar übersehe. Einzig der kleine, pinkfarbene Schriftzug „Coiffeur“ auf der Eingangstür hält mich davon ab, daran vorbeizulaufen. Kaum habe ich die Klinke gedrückt und zwei Schritte getan, stehe ich schon mitten im Salon. Das Ladengeschäft ist winzig, hell, sehr aufgeräumt und klar gestaltet. Vor den drei Frisierplätzen hängen ovale, in schlichte Goldrahmen gefasste Spiegel. Auf einer Konsole liegt fein säuberlich aufgereiht das Handwerkszeug: Scheren, Kämme, Holzbürsten.

Ein Sprung ins kalte Wasser

„Vor der Saloneröffnung hatte ich einen ganz schönen Bammel“, erinnert sich Besitzerin Almut Reich an den Start vor zehn Jahren. Immer wieder stellte sie sich die Frage, ob die Kundschaft Brennnessel-Shampoo gut findet und das andersartige Konzept ankommen würde. Es war wie beim oft zitierten Sprung ins kalte Wasser, beschreibt sie ihr Gefühl. Unterstützung erfuhr die Friseurin von ihrer bereits vorhandenen Stammkundschaft. Die allermeisten waren ihr in den neuen Salon gefolgt und haben Almut Reich damit den Start in die Selbstständigkeit erleichtert. „Dass sie fast alle blieben, war jedoch keine Selbstverständlichkeit. Schließlich klingt Naturfriseur für viele immer noch nach alternativem Öko-Look als nach einem modischem Äußeren“, so ihre Erfahrung. Zwar würden immer mehr Menschen auf eine gesunde Ernährung, umweltfreundlich produzierte Kleidung und Naturkosmetik achten, aber bei den Haaren höre die kritische Überlegung dann häufig auf.

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Kämme und Bürsten im Salon sind zum Teil handgefertigt aus Holz und Horn

Konventionelle Ausbildung

Almut Reich stand den gängigen Friseurprodukten von Anbeginn ihrer Lehre skeptisch gegenüber. „Ich dachte immer, wie seltsam es doch ist, dass sich der Coiffeur schützende Handschuhe überzieht, während die Kunden die zum Teil stechend riechenden Chemikalien
direkt auf den Kopf aufgetragen bekommen. Übrigens genau dort, wo der Körper die meisten offenen Poren hat“, erzählt sie. Da es aber keine Alternative gab, um ihren Traumberuf zu erlernen, absolvierte sie die konventionelle Ausbildung und bildete sich in Sachen Naturfriseur parallel in ihrer Freizeit weiter.

Rückblickend findet sie gut, wie es gelaufen ist, da sie dadurch nun viel besser argumentieren kann, warum es die ganze Chemie in den Färbe- und Pflegeprodukten nicht braucht. „Statt nur zu sagen, wie böse und schlimm die Chemie ist, bin ich durch die Ausbildung in der Lage, meinen Kunden genau zu erklären, was bei einem chemischen Vorgang im Haar passiert“, so die Naturfriseurin. Und sie erzählt, dass sich im Gegensatz zu Oxidationsfarbe, die die Schuppenschicht gewaltsam öffnet und ins Haar eindringt, um dort die künstlichen Farbpigmente einzulagern, sich die natürlichen, z. B. aus Henna, Kurkuma, Walnuss oder Rote Bete gewonnenen Pigmente, außen um das Haar legen, es schützen und für Glanz sorgen.

Bevor sich die Coiffeurin bei Neukunden ans Werk macht, gibt es stets ein umfangreiches Beratungsgespräch. „Man sieht an Haar und Kopfhaut so viel, und für mich ist es wichtig, dass ich den Zusammenhang zwischen dem Menschen und seinem Haar herstellen kann. Etwa: Hatte die Kundin schon immer feines Haar oder erst, seit sie vor ein paar Jahren eine Krebserkrankung hatte“, nennt die Friseurin ein Beispiel. Und wie sagt eine Redewendung so treffend: Man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Bei den Menschen und ihren Haaren sei das ganz genauso.

Aber wie sieht denn nun die beziehungsweise der typische Naturfriseur-Kunde aus? Almut Reich schmunzelt. „Da ist alles dabei: von der Geschäftsfrau, dem Banker über Studenten bis zur Hausfrau. Ein Drittel meiner Kunden sind Männer.“ Auch die Beweggründe für einen Wechsel zum Naturfriseur sind ganz unterschiedlicher Art. Manche seien schlichtweg nicht zu übersehen. Etwa wenn die Kopfhaut offen ist, die Kunden von Allergien geplagt sind und wunde Stellen haben. Zum Großteil möchten die Menschen einfach nur weg von der Chemie und hin zu einer schonenden Behandlung mit nachhaltigen, umweltfreundlichen und hautverträglichen Produkten. Neugierde sei natürlich auch ein Thema. Viele fragen sich, was ein Naturfriseur eigentlich macht. Doch die allermeisten Kunden kommen auf Empfehlung. Klassische Mund-zu-Mund-Propaganda. „Werbung schalte ich für meinen Salon schon lange nicht mehr. Wir haben bei der Terminvergabe aktuell eine Wartezeit von zwei bis drei Monaten“, so die Salonbesitzerin.

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Eine Bürstenmassage gehört zum Besuch immer dazu. Das Haar erhält dadurch einen wunderbaren Glanz

Wellness für Haut und Haar

Während für unsere Großmütter tägliches Bürsten noch selbstverständlich war, nimmt sich dafür heute kaum noch jemand Zeit. Beim Naturfriseur ist das anders. Die Behandlung beginnt mit einer ausgiebigen Bürstenmassage, und der Kunde wird dabei für das alte Ritual sensibilisiert. Almut Reich erklärt: „Beim Bürsten wird die gesamte Kopfhaut massiert, die Durchblutung und die Talgproduktion angeregt. Gleichzeitig reinige ich die Kopfhaut, nehme ihr das Zuviel an Fett weg und gebe es den trockenen Längen und Spitzen. Außerdem stimuliert das Bürsten Reflexzonen und Meridiane.“ Im Prinzip müsse man es sich wie bei einem Baum vorstellen: Ist die Erde gesund, ist es auch der Baum, der darauf wächst.

Heutzutage verstopfen jedoch häufig Silikone, Paraffine sowie jede Menge weitere chemische Stoffe aus herkömmlichen Pflegemitteln die Kopfhaut. Das kann zur Folge haben, dass die Haare stumpf, trocken und schuppig werden oder im schlimmsten Fall sogar ausfallen.

Als Naturfriseurin sieht Almut Reich ihre Aufgabe darin, Kopfhaut sowie Haare genau anzuschauen, um dann alles wieder zu beleben. „Ich sage immer, dass ich das Haar eigentlich renaturiere. Wie einen Fluss, der einst begradigt wurde.“ Bei einigen Kunden funktioniert dies auf Anhieb. Bei anderen bedarf die Umstellung etwas mehr Zeit. So ist nicht ausgeschlossen, dass es nach der Behandlung mit den neuen Pflegeprodukten zu einer Verschlimmerung komme und man erst einmal eine Durststrecke durchmachen müsse. Jeder Mensch reagiere da ganz unterschiedlich.

Nach der wohltuenden Bürstenmassage dürfen sich die Kunden auf das nächste Highlight freuen: das Haarewaschen. Und das findet bei Almut Reich im Liegen auf einer speziellen Massivholzliege statt. Wirklich sehr gemütlich! Die Friseurin nickt, schmunzelt und erzählt, dass es nicht selten vorkomme, dass die Kunden hier entspannt wegdämmern.

Jeder soll angesprochen werden

Als größten Ansporn empfindet es Almut Reich übrigens, wenn eine Kundin erzählt, dass eine bestimmte Frisur oder Länge bei ihr einfach nicht gelingen würde. „Dann nehme ich Haare, Wirbel und Wuchsrichtung besonders unter die Lupe und schaue, weshalb das so sein soll.“ Und sie erzählt stolz, dass sie schon oft hinbekommen habe, was die Kunden oder der beratende konventionelle Friseur nicht für möglich gehalten hatten.

Natürlich gibt es beim Naturfriseur aber auch Grenzen. Wenn etwa der Wunsch nach einer Dauerwelle geäußert wird, sagt Almut Reich klipp und klar, dass es das in ihrem Salon nicht gibt. Beim Färben sind extreme Veränderungen nicht möglich, z. B. wenn dunkles Haar in einen Blondschopf verwandelt werden soll. Dafür lassen sich mit den natürlichen Färbemitteln wunderschöne Ergebnisse erzielen, die so manche Kundin zuvor oftmals nicht einmal in Betracht gezogen hätte.

Zum Schluss möchte ich von Almut Reich noch wissen, ob es eigentlich Absicht ist, dass an ihrem Salon nirgends der Hinweis „Naturfriseur“ zu lesen ist. Und die Coiffeurin antwortet: „Darauf habe ich ganz bewusst verzichtet, weil ich die Menschen ohne Einschränkung ansprechen möchte. Und nicht nur eine bestimmte Gruppe. Mein Wunsch geht eher in die umgekehrte Richtung. Eigentlich sollte es so sein, dass bei den konventionellen Salons vielleicht irgendwann mal der Zusatz ,chemischer Friseur‘ steht.“

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INFO

Der Salon von Almut Reich befindet sich in Kleinbasel in der Utengasse 18, CH-4058 Basel, www.im-salon.ch. Naturfriseure in Ihrer Nähe finden sich zum Beispiel auf www.culumnatura-naturkosmetik.com