Pflanzenwelt Die Kraft der Wurzeln

Christine Ebners liebste Jahreszeit ist der Herbst: Dann zieht es die Kräuterpädagogin hinaus auf die taufeuchten Wiesen und in die kühlen Wälder. In der oberbayerischen Inn-Salzach-Region gräbt sie nach Wurzeln, um daraus Gewürzpulver, Liköre, Aufstriche und Kuchen zuzubereiten.
Ausgegrabene Wurzeln

Sich tief bücken, in der kühlen Erde graben und sich die Hände schmutzig machen: Was für viele Menschen wenig verführerisch klingt, ist für Kräuterpädagogin Christine Ebner die schönste Freizeitbeschäftigung in diesen Tagen. Sie rät zum Wurzelgraben – und das aus guten Gründen...

In diesem Artikel
Die Wurzeln sind die Basis einer Pflanze
Kaffee aus Löwenzahnwurzel
Mit offenen Augen durch die Natur
Süßer Wurzelkuchen: Rezept
Info & Service

Schon die Kelten und Römer siedelten im mystischen Holzland im Norden Altöttings: Dichte Wälder, sanftes Hügelland und fruchtbare Flussufer kennzeichnen diesen Landstrich, der sich seine Urtümlichkeit bis heute bewahrt hat. Heute zieht es Urlauber und Ruhesuchende in die oberbayerische Ferienregion Inn-Salzach, die sich 40 Kilometer östlich von München bis nach Burghausen an die deutsch-österreichische Grenze erstreckt. Doch in Reischach, nicht weit von dem weltberühmten Wallfahrtsort Altötting entfernt, scheinen die Uhren langsamer zu ticken. Der Rockersbach schlängelt sich durch das schmale Tal, und die Milchschafe von Familie Ebner ducken sich wiederkäuend im Oktobernebel. Sonnenstrahlen vergolden die zarten Fäden der Spinnweben und sorgen für eine märchenhafte Stimmung.

Christine Ebner

Im Herbst versucht Christine Ebner jede freie Minute draußen auf den Wiesen, in den Wäldern und im Garten zu verbringen: „Die Luft ist wunderbar feucht, und die Erde riecht gesättigt und voll ...“

Die Wurzeln sind die Basis einer Pflanze

Christine Ebner hat sich gleich nach dem Frühstück dorthin aufgemacht, wo sie am liebsten ist: in die Natur! „Ich hab schon als Kind am liebsten die Nase in die Sträucher gesteckt und war ständig im Wald unterwegs“, erzählt sie lachend, während der kleine Korb mit der spitzen Schaufel an ihrem Arm baumelt. Sie will Wurzeln graben: Es ist Herbst und außerdem noch Vollmond. Der ideale Zeitpunkt, den die kundige Kräuterpädagogin keinesfalls tatenlos verstreichen lassen möchte. Die Inn-Salzach-Region östlich von München ist Christine Ebners Heimat: Rund um die Edermühle kennt sie jeden Baum. Hier ist sie aufgewachsen und hier lebt sie heute auf einem Vier-Generationen-Hof: mit ihrem Mann, ihren Eltern, dem Sohn und der Schwiegertochter sowie deren Kindern. Für Christine Ebner ein Idealzustand, der sie auch auf eines ihrer Lieblingsthemen bringt. „Die Wurzeln bilden die Basis – oder besser – die Heimat einer Pflanze. Sie sind wie das Elternhaus, aus dem die Generationen hervorkommen und in die Welt rausgehen“, schildert sie ihre Erfahrungen und Eindrücke. „Diese Anschauung ist mir wichtig. Gerade auch im Hinblick auf das Wurzelgraben. Ich behandle die Natur und jede Pflanze mit Respekt. Und nach dem Wurzelgraben sollte es an dem Platz genauso aussehen wie zuvor. Nichts sollte zertrampelt oder zerstört sein.“

Wurzeln ausgraben

Die Natur mit Respekt zu behandeln, heißt auch, genau hinzuspüren. Lässt sich eine Wurzel nur schwer ausgraben, sollte man sich eine andere Pflanze suchen.

Je kürzer die Tage werden und je näher der Winter rückt, umso wertvoller wird das Speicherorgan der Pflanze. Der Herbst ist die einzige Jahreszeit, in der Wurzeln geerntet werden sollten. „Jede Pflanze hat ihren Jahresrhythmus, an dem wir Menschen teilhaben dürfen, ohne eine Pflanze zu zerstören. Im Frühling können wir uns von den Blättern bedienen, im Sommer von den Blüten und im Herbst von den Wurzeln“, erläutert Christine Ebner, die seit elf Jahren als Kräuterpädagogin tätig ist und mit Hunderten von Menschen im Jahr arbeitet. „Im Herbst bündelt die Pflanze ihre gesamten Kräfte in den Wurzeln. Diese steckt dann voller Eiweiß, Kohlenhydrate und Fett, von dem die Pflanze während der kargen Wintermonate zehrt. Diese Inhaltsstoffe können auch wir Menschen uns zunutze machen.“

Schätze aus dem eigenen Garten

Schätze aus dem eigenen Garten oder vom Wochenmarkt: In der Wurzel speichert eine Pflanze Energie und wichtige Nährstoffe wie Eiweiß, Kohlenhydrate und Fett. Doch auch die Blätter sind essbar, etwa von Karotten oder Roten Beten.

Kaffee aus Löwenzahnwurzel

Während viele Wurzeln wie Radieschen, Rettich, Karotten, Sellerie, Pastinaken, Rote Beeten oder Meerrettich regelmäßig zubereitet und ganz selbstverständlich verzehrt werden, haben andere Wurzeln kaum noch ihren Weg in die Küche gefunden. Für Christine Ebner irgendwie logisch: „Die Wurzel ist nichts Offensichtliches. Sie ist als Speicherorgan der Pflanze das ganze Jahr über mit Erde bedeckt. Um nach ihr zu graben, muss man sich tief bücken und sich die Hände schmutzig machen.“

Und genau das macht sie an diesem goldenen Oktobertag. Christine Ebner will Wurzeln von Löwenzahn, Baldrian und Engelwurz graben. „Egal, ob man Blätter, Blüten oder Wurzeln sammelt: Das Wichtigste ist, dass man die Pflanzen kennt und sie bestimmen kann. Bei den Wurzeln unterscheidet man Pfahl- oder Tiefwurzler, wie etwa den Löwenzahn, und Flachwurzler. Pfahlwurzeln lassen sich kaum zur Gänze ernten. Das weiß jeder, der schon einmal eine Löwenzahnwurzel ausgraben wollte. Ein Teil der Wurzel bleibt in der Erde, aus der eine neue Pflanze entstehen kann. Bei Flachwurzlern hingegen lässt es sich oft nicht vermeiden, die ganze Wurzel zu ernten. Dann stirbt zwar diese Pflanze, aber man sollte darauf achten, dass der Bestand erhalten bleibt.“ Manchmal nimmt Christine Ebner fürs Wurzelgraben auch ganz traditionell das „Krickerl“ (Geweih) von Rehböcken zu Hilfe: „Ein altüberliefertes Werkzeug, das uns daran erinnert, dass die Wildtiere die Hüter des Waldes sind.“

Die Engelwurz, auch bekannt als Angelikawurzel

Die Engelwurz, auch bekannt als Angelikawurzel, kann unter anderem zu Likör verarbeitet werden. In früheren Zeiten wurde die getrocknete Wurzel in Schutzamulette eingearbeitet und sollte ihre Trägerin vor Schadzauber bewahren. Heute würde man sagen: Sie trägt zu innerer Stärke und Selbstvertrauen bei.

Während Christine Ebner behutsam gräbt, erzählt sie die Geschichte von der Löwenzahnwurzel. Wie diese lange Zeit als Kaffeeersatz – dem sogenannten Muckefuck – gut genug war, bis der Wohlstand in Deutschland Einzug gehalten hat. „Wer Muckefuck herstellen möchte, müsste die Löwenzahnwurzeln säubern und trocknen. Danach werden die Wurzeln in Würfel geschnitten, in der Pfanne geröstet, bis sie duften, und dann pulverisiert.“ Christine Ebner benötigt die Löwenzahnwurzel jedoch für ihr Wurzelpulver, mit der die leidenschaftliche Köchin jedes Gericht ganz einfach mit Wurzelkraft anreichert. Die Wurzel der Engelwurz verarbeitet sie auch zu Pulver – jedoch für ein Schutzamulett: „Wie auch beim Räuchern wirken Kräuter nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf geistiger Ebene.“

Mit offenen Augen durch die Natur

Nach der Signaturenlehre von Paracelsus werden traditionell Wurzeln von jenen Pflanzen verarbeitet, bei der die Wurzel Bestandteil des Namens ist: so etwa die Engelwurz, die Nelkenwurz, die Braunwurz oder die Schinkenwurz (Nachtkerze). Wurzeln werden meist getrocknet und zu Pulver vermahlen oder in Alkohol angesetzt, in Hochprozentigem für Tinkturen, in Wein für Likör. Die Botschaft der Pflanze und der Wurzel bleibt damit erhalten. Die Baldrianwurzel, die bereits beim Graben betörend duftet, ist eine traditionelle Frauenpflanze, die dem Mond zugeordnet ist. Christine Ebner wird die Wurzeln trocknen, um sie als Tee zuzubereiten. Hat doch schon Sebastian Kneipp festgeschrieben, „alle Formen von nervösen Zuständen, ob im Krampf oder im Schmerz, verlangen den Baldrian!“ Er kann aber auch bei Schlafstörungen oder Angstzuständen hilfreich sein.

An Christine Ebners Seite über die Wiesen und durch die Wälder zu streifen, hat etwas Beruhigendes. Im Vorbeigehen nimmt sie alles wahr, was am Wegesrand wächst und gedeiht. Mit ihr scheint der Reichtum der Natur offenkundig zu werden. „Viele Pflanzen, die hier bei uns wachsen, gibt es auch in anderen Regionen. Es geht darum, mit offenen Augen durch die Natur zu gehen. Es macht Spaß, sich mit den Gaben der Natur auseinanderzusetzen. Kinder im Vorschulalter tun das genauso gerne wie Senioren“, sagt sie lächelnd. „Man muss nur irgendwann in seinem Leben damit beginnen. Und der Herbst ist eine wunderbare Zeit dafür. Man muss nicht auf den Frühling warten: Die Pflanzen haben ihre ganze Kraft und Energie in den Wurzeln gespeichert, und wir dürfen uns daran bedienen".

Süßer Wurzelkuchen: Rezept

Süßer Wurzelkuchen
15 Min.
kcal: 400 pro Stück
Karotten, Pastinaken, Petersilienwurzeln und Rote Beten machen sich auch gut in süßen Kuchen.

Info & Service

  • Bauernland Inn-Salzach: In der Vereinigung „Bauernland Inn-Salzach“ haben sich Produzenten aus der Region zusammengeschlossen. Das Netzwerk bietet nicht nur Urlaub auf dem Bauernhof. Auf zahlreichen Selbst-Ernte-Feldern kann man frische Blumen schneiden und sonnengereifte Früchte ernten. Imker geben Einblicke in ihre Arbeitsweise, Kreativbäuerinnen präsentieren ihre Bauerngärten und Kräuterpädagoginnen wie Christine Ebner bieten Wildkräuterkurse in der Natur an.
  • Infos: www.inn-salzach.com/bauernland; auf den Seiten finden sich auch Adressen von Direktvermarktern, Hofläden sowie die Termine von Bauernmärkten.
  • Kräuterpädagogin Christine Ebner (Foto) bietet Kräuterkurse im Jahresverlauf an, hält Vorträge oder Seminare, in denen sie ihr Wissen weitergibt, und verkauft köstliche Wurzel- und Kräuterprodukte am Hof. Kontakt: Christine Ebner, Edermühle 9 1/2, 84571 Reischach, Telefon: 0 86 70/7 48, www.edermuehle.de
Kräuterpädagogin Christine Ebner

Kräuterpädagogin Christine Ebner

  • Geschenkidee: Die Produkte aus dem Bauernland Inn-Salzach (Honig, Nudeln, Essige, Fruchtsirup, Säfte, Geräuchertes, Käse und vieles mehr) finden sich auch in den regionalen Schmankerlkisten. Infos und Bestelladressen unter www.bauernland-inn-salzach.de
  • Infos zur Region: Zu den Besuchermagneten zählen die längste Burg der Welt in Burghausen, der Wallfahrtsort Altötting und die traditionsreiche Handelsstadt Mühldorf. Radwanderwege entlang von Inn- und Salzach, das Europareservat Unterer Inn, Klöster und Museen, Golfplätze, Ausflugsziele sowie Veranstaltungen in den 55 Orten garantieren jede Menge Abwechslung rund ums Jahr. Tourismusverband Inn-Salzach, Bahnhofstraße 13, 84503 Altötting, Telefon: 0 86 71/50 24 44, www.inn-salzach.com