Wie kommt der Löwenzahn durch den Asphalt?

Während der Besitzer eines englischen Rasens ihn am liebsten in die Wüste schicken würde, nimmt sich der Löwenzahn genau das zu Herzen – und zeigt, dass er auch in der Beton-Ödnis von Radwegen und Hinterhöfen bestens zurechtkommt. Wir wollen wissen, wie er das schafft
Wie kommt der Löwenzahn durch den Asphalt?

Wenn Sie lange genug auf einem Löwenzahnkeimling stehen bleiben würden, könnte der Sie beim Wachsen emporheben“, weiß Reinhard Lieberei, Professor für angewandte Botanik. „Zumindest würde er Sie an der Seite, an der er gegen Ihre Schuhsohle drückt, ein wenig aufkippen. Aber da müssten Sie schon sehr lange stehen, und Sie wollen sich ja auch mal die Beine vertreten“, sagt er und lacht.

Der Löwenzahn kann also, wie übrigens auch manch andere Pflanze, einen enormen Druck aufbauen. Bis zu 20 Bar schafft der Korbblütler. Zum Vergleich: Ein ganz prall aufgepumpter Rennradreifen hat gerade mal halb so viel Druck. Und mit diesen 20 Bar arbeitet sich der Löwenzahn auch durch Asphalt. Doch wie macht er das?

Zunächst einmal muss der Samen da ja irgendwie reinkommen. „Das ist nicht schwer“, weiß Professor Lieberei. „Die Fallschirmchen der Pusteblume werden ja vom Winde verweht – und der Regen wäscht sie dann in kleinste Ritzen in Beton und Asphalt, wo die Bedingungen gar nicht mal so schlecht sind: Dort ist es meist feucht, und in der Regel sind auch genug Nährstoffe vorhanden – durch den Staub, der sich in den Ritzen sammelt.“

Wenn es dann ans Keimen geht, muss sich der Löwenzahn orientieren. Es ist ja dunkel, und die Wurzel soll nach unten wachsen und der Stängel nach oben. Um das Schwerefeld der Erde wahrnehmen zu können, enthalten die Pflanzenzellen Sensoren, sogenannte Statolithen, die innerhalb der Zelle Richtung Erdmittelpunkt nach unten sacken und so anzeigen, in welche Richtung die Wurzeln wachsen sollen. Schließlich brauchen die Samen beim Keimen einen Haltepunkt, um später den hohen Druck nach oben ausüben zu können.

„An den Außenseiten der Wurzeln bilden sich dann Saughaare, die eine riesige Haltekraft haben“, erklärt Professor Lieberei. „Außerdem scheiden sie Schleim aus Kohlehydraten und Eiweißen aus, der wie ein Kleber funktioniert.“

So verankert, kann sich die Pflanze nun Richtung Licht aufmachen. Um sich aus der Asphaltritze hinauszuarbeiten und dabei auch mal harte Baustoffe beiseitezuschieben, hat der Löwenzahn zwei Arten von Druckaufbau auf Lager: erstens den sogenannten Turgor – das ist der Druck des Zellsafts auf die Zellwand. „Den Turgordruck kann die Pflanze regulieren, indem sie mehr oder weniger Wasser in der Zelle einlagert“, so Lieberei. „Und zweitens scheiden viele Pflanzen, wie auch der Löwenzahn, Quellstoffe aus. Das kennt man zum Beispiel von Flohsamenschalen, die ja eingeweicht so glibberig werden. Der Löwenzahn hat in den Zellwänden solche quellbaren Substanzen. Wenn diese sich dann zwischen den Zellen ausbreiten, entsteht zusätzlicher Druck.“

Diese beiden Komponenten – der Turgor innerhalb der Zellen und die Quellstoffe zwischen den Zellen – sorgen dafür, dass der Löwenzahn sich durch die Asphaltdecke schiebt und übrigens auch Gartenmauern in Schieflage bringen kann. Oder eben mich, wenn ich lange genug auf der Betonritze über dem Keimling ausharren würde.