Der Vogelversteher

Wer piepst denn da? Diese Anfängerfrage ist für Ralph Müller viel zu banal. Denn der Vogelexperte aus dem Allgäu weiß genau, was der Vogel zu sagen hat. Manchmal mischt er sich sogar in das „Gespräch“ ein – und sorgt damit für Verblüffung.
Eine Amsel auf dem Dach

Es zwitschert. Ralph Müller sperrt die Ohren auf. „Etwa 400 Meter in die Richtung. Da ist ein Berglaubsänger“, sagt er und deutet auf die Berge. Ich kneife die Augen zusammen und schaue angestrengt in die Allgäuer Landschaft. Ralph Müller grinst mich an. Ich schiele zurück. „Kleiner Vogel?“, frage ich. Ralph Müller nickt ganz langsam. Ich bin irritiert. „Weit weg, oder?“ Ralph Müller lächelt milde: „Sehr weit.“ So weit, dass offensichtlich nur geübte Ornithologen das kleine Tier akustisch ausmachen können. Aber Ralph Müller hört noch viel mehr: Er kann nicht nur bestimmen, welcher Vogel singt, sondern weiß auch ganz genau, was der Vogel sagen will. Er kann sich sogar ins Gespräch einmischen. Denn Ralph Müller beherrscht die geheime Sprache der Vögel.

Die Körpersprache spricht Bände

Die Ohren des Naturentdeckers sind wie ein empfindliches Radar. Per Gehör ortet er den Gesang, bestimmt den Sänger und kann an dessen Körperhaltung, der Tonhöhe und den Umständen in der Natur deuten, was der Vogel seinen Artgenossen und den anderen Tieren im Wald mitteilen will. Der Allgäuer, der ursprünglich aus Düsseldorf stammt, hat über 40 Jahre Erfahrung in der Vogel- und Tierbeobachtung.

Was er schon in jungen Jahren notierte, deckt sich heute mit aktuellen Ergebnissen aus wissenschaftlichen Studien der Vogelforschung. Ein Beispiel: „Es ist bekannt, dass Vögel mit ihren Rufen ihre Artgenossen warnen. Aber wussten Sie, dass eine Meise auch sagt, was für ein Vogel im Anflug ist?“ Sie kann bis zu zwölf verschiedene Greifvogelarten anzeigen. Mit ihren Rufen teilt sie ihrer Umwelt mit: Da ist ein Sperber, ein Weibchen. Sie kann unterscheiden zwischen satt oder hungrig, ob der Jäger  fliegt oder sitzt, ob er noch weit weg ist oder schon ganz nah. Zwar bilden Vögel anders als Menschen keine Sätze und haben auch keine Grammatik – aber ihr Gesang ist trotzdem komplexer als vermutet. Mit bis zu 200 Tönen pro Sekunde liefern sie Informationen, die unsere Ohren gar nicht fassen können. Eine geduldige Betrachtung ihrer Körpersprache verrät noch mehr: Was macht die Meise gerade? Wie sitzt sie da? Wo schaut sie hin? Wie hoch ist die Frequenz? Und die Tonart ihrer Rufe? Zu diesem Thema erzählt Ralph Müller gerne auch die Geschichte eines aufmerksamen Amselweibchens im Park. „Sie saß auf einem Ast und warnte. Ihr Blick ging Richtung Auto. Da war aber nichts. Es war keine Gefahr zu sehen. Aber unter dem Auto war tatsächlich eine Katze. Solange die sich nicht rührte, waren die Rufe der Amsel gleichmäßig: ,Duck ---- Duck ---- Duck.‘ Bewegte sich die Katze in Richtung Nest, wurden die Rufe schneller und ihre Stimme höher: ,Duck-Duck-Duck‘. Setzte sich die Katze wieder hin, wurden die Rufe wieder langsamer: ,Duck ---- Duck ---- Duck.‘ Und die Stimme wurde tiefer.“

Der Vogelversteher

Kein Grund zur Aufregung! Turmfalken sind zwar Jäger, für andere Vögel aber nicht gefährlich, denn sie fressen hauptsächlich Mäuse

„Vögel erzählen nichts Belangloses“

Vögel bedienen sich offensichtlich eines ausgetüftelten Kommunikationssystems, das sie auch manchmal gegen ihre eigenen Artgenossen einsetzen: Eine etwas träge Alpendohle war bei der Fütterung in den Bergen immer zu langsam. Das kluge Tier setzte einen Warnruf ab. Sie rief: „Achtung, Steinadler!“ Der Schwarm flog aufgeschreckt davon. Die träge Alpendohle konnte in Ruhe fressen.

„Das klappt natürlich nicht mehrmals hintereinander“, sagt Ralph Müller, der diese Geschichte nicht selbst erlebte. Dafür aber viele andere Erfahrungen machte: Der 56-Jährige war schon als kleiner Junge am liebsten draußen unterwegs. In seiner Jugend beobachtete er in seiner Heimatstadt Düsseldorf im Park die wilden Flugmanöver der Straßentauben und Lachmöwen. Mit 13 durfte er dann eine junge Taube mit nach Hause nehmen und aufziehen. Was seine Eltern damals noch nicht wussten: Dieser Vogel war nur der Anfang. Zeitweise hatte Ralph Müller bis zu drei Straßentauben zu Hause in seinem Kinderzimmer im ersten Stock eines Mietshauses. Später kamen noch zwei Turmfalken und ein Waldkauz dazu. Er studierte ihr Verhalten, ihre Eigenarten und Besonderheiten. Er lernte sie als Persönlichkeiten kennen. „Die Vögel wurden zu meinen Freunden.“ Mit ihrer Hilfe und der Hilfe vieler anderer Vögel kombinierte Ralph Müller, welcher Sinn hinter ihrem Verhalten und den gesungenen Melodien steckt. „Vögel erzählen nichts Belangloses.“ Und jeder könne lernen, ihre Stimmen zu verstehen. Ralph Müller geht sogar noch einen Schritt weiter und mischt sich ein: Ist ein Vogel in Gefahr, imitiert er selber die Warnrufe und rettet so seine gefederten Freunde.

Mit 18 Jahren kannte Ralph Müller bereits alle Vögel Europas, Nordafrikas und des Mittleren Ostens – über 750 Vogelarten. Er suchte die Schnee-Eule und den Steinadler in den Weiten Lapplands, beobachtete den gigantischen Vogelzug in den Wüsten von Israel, folgte im Dschungel von Costa Rica den Rufen des mythischen Quetzals und tauchte in die kanadische Wildnis ein. „Je einsamer und wilder es war, umso besser“, sagt Müller. Erst dann konnte er den Vögeln wirklich zuhören. Sich ganz auf ihre Sprache einlassen. Schnell bemerkte auch er, wenn ein Habicht oder Sperber kam. Oder wie es sich anhörte, wenn die Vögel einen Waldkauz entdeckt hatten. Immer wieder erzählten ihm Urvölker in der Wüste und im Urwald, dass sich Vögel nicht nur über Gefahren, sondern auch über viele andere Dinge im Wald unterhalten. „Und was sagen die Vögel jetzt hier so im Moment?“, frage ich auf der Terrasse in der Nähe von Sonthofen. Jetzt im Frühling sei die Antwort einfach, meint Ralph Müller. Die Übersetzung laute: „Das ist ein schöner Platz. Ich bin ein kräftiges, tolles Männchen. Das ist mein Revier. Ich habe die dicksten Würmer. Und Käfer hab ich auch ...“

„Vögel erzeugen Harmonie“

In seinen Büchern schildert der Experte viele unterhaltsame Begegnungen in der Natur. Überall auf der Welt: Tagelang hockte er in den abgelegensten Gebieten, Sümpfen und Wüsten. Dort sammelte er extreme Erfahrungen in Verbindung mit exotischen Vögeln. Verblüffend: Trotz vieler atemberaubender Momente kann sich der Allgäuer auch heute noch an alltäglichen Beobachtungen freuen. Sobald der Mann mit Kappe und Karohemd sein Fernglas zur Hand nimmt, kann er sich auch ganz aufrichtig an einem einfachen Spatz begeistern. „Jetzt weiß er nicht, was er denken soll – sehen Sie das? Ha, haaaa, jetzt traut er sich. Ist empört über die Störung. Ah, nein ... Jetzt guckt er nach den Kollegen. Schüttelt sich. Irgendwas passt ihm nicht. Wahrscheinlich sind wir es.“

Nach der Kurz-Beobachtung legt Ralph Müller das Fernglas wieder auf den Tisch und kommt zu dem, was er auch während seiner Touren mit seiner Natur- und Wildnisschule vermitteln will, weil es ihn am meisten fasziniert: „Vögel erzeugen Harmonie.“ Nicht nur in seinem Leben. „Überall auf der Welt. Sie sprechen weltweit dieselbe Sprache. Auch wenn nicht jeder Vogel jeden versteht, auch wenn sie unterschiedliche Dialekte sprechen, die Botscha  kommt trotzdem an.“ Er ist sich sicher: Davon kann der Mensch nur lernen.

Vogelversteher Ralph Müller

Draußen im Glück: Vogelversteher Ralph Müller bewegt sich in der Natur wie eine Katze. Spätestens nach zehn Schritten hält er an, lauscht und schaut sich um. Oft fotografiert er Vögel mit dem Teleobjektiv

Info

In seiner Natur- und Wildnisschule in Sonthofen lehrt Ralph Müller, die Natur aufmerksam zu beobachten. Er bietet Seminare und Weiterbildungen an sowie Kanutouren nach Kanada und Polen. Kontakt: www.natur-wildnis-schule.de. Seine ganze Geschichte und viele Informationen gibt’s unter www.vogelsprache.de oder in seinem aktuellen Buch „Die geheime Sprache der Vögel“ (34,50 Euro, AT-Verlag). Wer die Sprache selbst lernen will, kommt mit seiner Seminar-DVD oder seinen Vogelstimmen-CDs weiter.