Nachgefragt Wie viele Kalorien braucht eine Meise?

Im Garten sieht man sie jetzt den ganzen Tag picken. Ist ja auch kalt, das zehrt, die Meise braucht viel Energie. Doch wie viel ist es eigentlich, was so ein Händchen voll Vogel an einem Wintertag frisst?
Kohlmeise im Winter

Gerade mal 14 Zentimeter ist die Kohlmeise groß und 20 Gramm schwer. An einem kalten Wintertag muss sie die ganze Zeit fressen, denn ihr Energiebedarf ist enorm

Da haben Sie sich aber eine schöne Frage ausgedacht!“, sagt Dr. Thomas Rödl, Biologe beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV). „Das hängt von so vielen Faktoren ab – von der Art, den Temperaturen, vom Futterangebot, vom Prädationsdruck, also der Gefahr, gefressen zu werden.“ Rödl konsultiert zahlreiche Studien, während draußen die Meisen in kleinen Trupps durch die Gärten ziehen. „Trupps schützen“, erklärt unser Experte später, „weil mehr Augen einfach mehr sehen und sich die Vögel gegenseitig vor Feinden, zum Beispiel Sperbern, warnen können. Außerdem ist, wenn man im Winter in der Natur Körner oder Samen  findet, meist mehr da als nur für einen Vogel.“ Doch es kriegen wohl nicht alle gleich viel ab: „Alte, erfahrene Vögel sind dominanter, von ihnen überlebt auch ein größerer Prozentsatz den Winter als von den Jungtieren“, weiß Rödl. Man fragt sich, wie es überhaupt möglich ist, dass sich diese winzigen Tiere bei Minusgraden warm halten. Je kleiner ein Körper, desto größer ist seine Oberfläche im Verhältnis zum Volumen, desto mehr Wärme verliert er also. Ohnehin brauchen Vögel viel Energie: Sie müssen eine Körpertemperatur von 40 Grad Celsius halten, und zudem ist Fliegen die Fortbewegungsart mit dem höchsten Energieverbrauch. „Einerseits halten sich Vögel warm, indem sie die Federn aufstellen und sich so mit einem Luftpolster umgeben wie in einem Daunenschlafsack“, beschreibt unser Artenschützer. „Außerdem isoliert ihr Unterhautfettgewebe. Und dann suchen sie sich auch geschützte Stellen, immer die windabgewandten Seiten von Stämmen oder Sträuchern. Manche Meisen schlafen in Nistkästen, Baumhöhlen oder Dachrinnen, die Lapplandmeise übrigens in Schneehöhlen, und die Schwanzmeisen kuscheln sich zu einer wärmenden Kugel zusammen und sparen so Energie.“

Haben die Tiere die Nacht gut überstanden, geht es sofort wieder ans Fressen, denn eine Meise, die etwa 20 Gramm wiegt, verliert in einer kalten Winternacht etwa zwei Gramm, also ein Zehntel ihres Körpergewichts. Da ist nichts mit ausschlafen, es muss schnell nachgelegt werden – eine lange Suche kann sich der Vogel nicht leisten. Deshalb ist es übrigens so wichtig, dass Futterstellen zuverlässig bestückt werden – oder noch besser, dass man im Garten „unaufgeräumte“ Ecken einrichtet: mit alten Sonnenblumen, Gräsern, Beeren ... In Schilfstangen etwa finden Meisen mit ihren spitzen Schnäbeln oft ein Festmahl an Larven. Doch wie viel Kalorien sind es nun, die die Kohlmeise an einem kalten Wintertag braucht? Jetzt wollen wir Zahlen hören, zumindest ungefähre.

„Es ist wohl realistisch, von einem Tagesbedarf von 20 bis 30 Kilokalorien auszugehen“, sagt Thomas Rödl, nachdem er zahlreiche Studien dazu gelesen hat. Das klingt erst mal nach nicht besonders viel. Doch frisst eine 20 Gramm leichte Kohlmeise 20 Kilokalorien, entspräche das 80.000 Kilokalorien für einen Mann von 80 Kilogramm. „Das ist natürlich ein reines Zahlenspiel und sehr vereinfacht“, gibt der Biologe zu bedenken. Doch nur um die Größenordnung zu sehen: Ein Tour-de-France-Fahrer verbraucht an einem Tag gerade mal ein Zehntel davon, also 8000 Kilokalorien. Um sich die Futtermenge vorzustellen, rechnet Rödl jetzt mit Sonnenblumenkernen. „Wieder eine Vereinfachung“, erklärt er – die Meise frisst auch Energieärmeres wie Grassamen. „20 Kilokalorien entsprechen 5,1 Gramm Sonnenblumenkernen – einem Viertel des Körpergewichtes.“ Unser 80-Kilo-Mann müsste also 20 Kilogramm Sonnenblumenkerne am Tag essen ...