Tessin/Schweiz Die wilden Haflinger vom Monte Generoso

Wo die Kastanienhaine auf etwa 1000 Metern Meereshöhe allmählich in saftige Gebirgswiesen übergehen, aus denen hier und da Felsen ragen, streift rund um den Monte Generoso und den Monte Bisbino eine Herde wilder Pferde frei umher.
Wilde Haflinger im Tessin

Die Haflinger gehörten einst dem alten Bauern Roberto Della Torre. Nach dessen Tod entkamen sie und begannen, durch das Gebiet an der italienisch-schweizerischen Grenze zwischen Comer und Luganer See zu ziehen – immer oberhalb der Dörfer durch die unbewohnte, urwüchsige Landschaft. Die Jahre in Freiheit lehrten sie, als Wildpferde zu überleben. Waren die Sommer dort oben in den Bergen der Inbegriff von Freiheit, so litten die Tiere in kalten und vor allem schneereichen Wintern oft Hunger.

Wilde Haflinger im Tessin

Haflinger sind Gebirgspferde, die ursprünglich aus Südtirol stammen und speziell für die Alpen gezüchtet wurden. Sie gelten als intelligent, gutmütig und genügsam

Im Jahr 2009 war es besonders schlimm: In der klirrenden Kälte suchten die abgemagerten Pferde unter eiszapfenbehangenen Tannen- und Kastanienbäumen vergeblich nach Wasser und Gras. Der Hunger trieb sie hinunter in die Ortschaften rund um den Monte Bisbino – ein Teil, angeführt von der Leitstute „La Bionda“, stieg auf die Schweizer Seite ab, der Rest der Gruppe mit „La Mula“ zog hinunter ins italienische Rovenna und entdeckte sogleich den Friedhof. Die hungrigen Pferde stürzten sich auf die Grabpflanzen und Gestecke – und erschreckten eine trauernde Witwe, die die letzte Ruhestätte ihres Ehemanns besuchen wollte. So traten die Wildpferde sechs Jahre nach dem Tod ihres Besitzers erstmals in Erscheinung – der Ärger war programmiert. Denn es blieb nicht beim Friedhof in Rovenna. Die Herde ging auch in benachbarten Dörfern und auf den Weiden der Bergbauern auf Futtersuche – was Teile der Bevölkerung in große Aufruhr versetzte. Es ging so weit, dass Bauern das Problem mit Mistgabeln selbst in die Hand nehmen wollten, ein Bürgermeister den Abdecker verlangte und Bewohner Angst hatten.

Gleichzeitig setzen sich Tierschützer und Organisationen für die Wildpferde aus dem Tessin ein. Dass die Tiere eingefangen oder gar getötet werden sollten, kam für sie gar nicht infrage. 2010 wurde schließlich die „Associazione Cavalli del Bisbino“ gegründet, in
der sich heute mehr als 600 italienische und Schweizer Mitglieder um die Haflinger kümmern. Im Herbst werden sie nun auf eine Winterkoppel nahe Lanzo d’Intelvi gebracht, wo sie auf einer rund 8000 Quadratmeter großen Weide Schutz in Hütten und unter alten Buchen  finden – und vor allem regelmäßig gefüttert werden. In den warmen Monaten jedoch finden die robusten Wildpferde in der Bergregion alles, was sie zum Überleben brauchen. Die Leitstute führt sie zu kleinen Flussläufen und Seen, saftiges Grün gibt es in Hülle und Fülle.

Land und Berge

Während die Wildpferde die kalte Jahreszeit auf der Winterkoppel bei Lanzo d’Intelvi verbringen, streifen sie im Sommer in der Gegend von Monte Generoso und Monte Bisbino umher

INFO

Wer Glück hat, begegnet den haselnussfarbenen Tieren mit den blonden Mähnen auf einer Wanderung – am besten frühmorgens. Weitere Infos zu den Pferden auf www.cavallidelbisbino.com und zur Region auf www.ticino.ch

Den wilden Pferden auf der Spur
Eine Garantie, die Haflinger beim Wandern zu sehen, gibt es natürlich nicht. Doch die „Associazione Cavalli del Bisbino“ vermittelt Touren mit Pferdefreunden, die wissen, wo sich die Tiere gern aufhalten. Kontakt über Claudia Macconi, die Deutsch spricht (Telefon: 0041/79/3783761). Wer auf eigene Faust losziehen möchte, dem empfiehlt Luigia Carloni, Präsidentin des Vereins, frühmorgens (etwa 6 Uhr) an der Baita di Orimento aufzubrechen, einer Hütte bei San Fedele Intelvi. Von dort ist der Weg hinauf zum Monte Generoso ausgeschildert (ca. 400 Höhenmeter, knapp 2 Stunden), der durch die Sommerweiden und vorbei an den Kiefernwäldern der Wildpferde führt.