Wie macht man Schweine glücklich

Schweine bringen Glück, sagt man. Doch was brauchen Schweine eigentlich, um glücklich zu sein? Jürgen Foß hat im Mecklenburgischen Elbetal einen Ort geschaffen, an dem es den Tieren richtig gut geht.
Land der Tiere: glückliche Schweine
Land der Tiere: glückliche Schweine

Eine richtige Clique sind Helge, Felix und Knut, die im Alter von drei Monaten nach einem schlimmen Verkehrsunfall ins „Schweineland“ kamen.

 

Die drei hatten echt Glück im Unglück“, sagt Jürgen Foß. Die Ferkel Helge, Felix und Knut hatten mit ihrem Tiertransporter einen schweren Unfall, bei dem drei Menschen starben und weitere schwer verletzt wurden. Auch ein Großteil der Schweine überlebte nicht, doch die drei Ferkel, die damals, etwa drei Monate alt, eigentlich auf dem Weg in den Hauptmastbetrieb waren,  flüchteten von der A 24 in den angrenzenden Wald. „Wir haben von dem Unfall erfahren und sicherheitshalber den Wald abgesucht“, erzählt Jürgen Foß. Er leitet mit seiner Partnerin Tanja Günther das „Land der Tiere“, ein Tierschutzzentrum für Schafe, Schweine, Hühner, Gänse, Puten, Kaninchen, Schildkröten, Hunde und Katzen zwischen Hamburg und Berlin – und in der Nähe der Unfallstelle.

Vor Erschöpfung eingeschlafen

Land der Tiere: glückliche Schweine

Die drei Schweinejungs waren nach ihrer Flucht in den Wald vor Erschöpfung eingeschlafen. Später wurden sie gefunden, mit einem Kescher eingefangen und in Sicherheit gebracht – ins „Land der Tiere“.

„Es war Anfang März, kalt und frostig – und wir wussten, dass die Tiere hier nicht überleben würden.“ Nach langer Suche entdeckten Tanja und Jürgen die drei. Sie waren eng aneinander gekuschelt in einer Mulde aus Moos eingeschlafen. „Wir haben uns vorsichtig genähert, sie wurden wach, sind aber nicht weggerannt“, erinnert sich Jürgen. „Wir haben dann versucht, sie mit Schweinemüsli zu locken, aber so was kannten sie nicht. Letztendlich konnten wir sie mit Keschern einfangen und in Transportboxen verfrachten. Für zwei hatten wir eine Box, der Dritte fuhr auf dem Rücksitz mit zu uns.“ So kamen Helge, Felix und Knut nicht in einen Mastbetrieb, in dem sie wahrscheinlich nach weiteren drei Monaten geschlachtet worden wären, sondern in das „Schweineland“, einen eigenen Bereich im „Land der Tiere“, der so gestaltet ist, „dass Schweine eben Schweine sein können – und nicht gegessen werden“, wie Jürgen sagt. 30 000 Quadratmeter groß ist das Gelände, auf dem im Moment sieben Tiere leben. Das hört sich riesig an, und tatsächlich könnten dort auch 15 bis 20 Schweine sein. Jürgen und Tanja nehmen jedoch immer nur so viele auf, wie sie auch sicher versorgen können.

Schweine brauchen richtig viel Platz

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„Mehr als 20 dürfen es aber tatsächlich nicht sein“, weiß Jürgen. „Man kann sich das nicht vorstellen, wie schnell da aus einer Wiese Acker wird. Dann vermischen sich Kot und Urin mit dem Matsch, und es beginnt zu stinken. Schweine brauchen eben Platz, um gut leben zu können.“

Die 30 000 Quadratmeter ermöglichen es den Tierschützern auch, immer wieder Bereiche zu sperren und frisch einzusäen, damit dort neues Gras wächst. Denn Schweine lieben es, im Boden zu wühlen: „Am meisten Spaß macht es ihnen, feuchte Erde zu durchpflügen“, hat Jürgen beobachtet. Und natürlich suhlen sie sich auch gern im Matsch. „Die größte Suhle haben wir angelegt“, erzählt der Schweinefreund, „und die anderen entstehen von selbst. Es gibt genug Senken, das Land ist abwechslungsreich. Und wenn es regnet, muss man nicht lange warten, bis zum Beispiel unsere drei, die übrigens immer noch meist als Clique unterwegs sind, im Matsch toben.“ Das Suhlen liegt den Schweinen im Blut, es dient der Hautpflege und im Sommer auch dem Sonnenschutz. „Trotzdem schmieren wir ihnen dann manchmal Nasen und Ohren mit einer Baby-Sonnencreme ein“, verrät Jürgen und grinst.

Ein Parcours aus Suhlen, Wald & Wiese

Und was brauchen Schweine außerdem, um sich wohlzufühlen? „Das Wichtigste ist tatsächlich, dass sie sich bewegen können, nicht etwa eingesperrt sind und nur auf eine Betonwand schauen“, weiß Jürgen. „Deshalb ist viel Platz einfach entscheidend. Aber
sie lieben auch die Abwechslung – also ist ein großer Teil des ,Schweinelandes‘ Wald, in dem sie umherstreunen können. Außerdem gibt es alte Bunker, die noch aus DDR-Zeiten stammen, und selbstverständlich haben unsere Tiere auch einen Stall, in dem sie, wenn es regnet, auch mal einen Tag lang rumhängen. Aber dann wollen sie natürlich wieder raus – und vor allem die Jungen geben richtig Gas: Sie haben hier fast so eine Art natürlichen Parcours aus Badestellen, Suhlen, Wald und Wiese – hier  finden sie auch Gras, Klee, Brombeeren, Äpfel, Käfer ... Was Schweinen eben so schmeckt! Was das Umfeld betrfft, leben sie hier fast wie draußen in der Natur.“

Land der Tiere: glückliche Schweine

Eddie freut sich über jede Art von Zuwendung – seien es nun Möhren oder ausgiebige Streicheleinheiten

Zurück in die Natur können Hausschweine natürlich nicht, aber wie ist es mit Wildschweinen wie etwa Pippa, die ins „Schweineland“ kommen? Ist es das Ziel, sie irgendwann wieder auszuwildern? „Nein, das funktioniert nicht“, erklärt Jürgen. „Schweine – egal ob Wildschwein oder Hausschwein – gewöhnen sich sehr schnell an Menschen, sie kommen sofort gelaufen, wenn man sich nähert oder ruft. Das würden sie dann auch bei Spaziergängern im Wald tun, die dann fürchterlich erschrecken würden und wahrscheinlich den Jäger rufen ...“

Pippa: Das Wildschwein-Waisenkind aus dem Wald

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Das Wildschwein-Mädchen Pippa ist nicht nur Menschen gegenüber zahm, sondern spielt auch gern mit anderen Tieren.

Pippa war noch keine zwei Wochen alt, als sie in das „Land der Tiere“ kam. „Ein Jäger hat sie uns gebracht“, erinnert sich Jürgen Foß. „Eine ganze Gruppe
von Frischlingen war plötzlich bei Leuten im Garten aufgetaucht, ohne Mutter.“ Pippa war die Einzige, die eingefangen werden konnte – die Mutter fand man nie, einige der Geschwister wurden später tot aufgefunden. So junge Wildtiere muss man alle zwei Stunden füt- tern – ein Fulltime-Job, den das „Land der Tiere“-Team nicht leisten kann. Wildtierp egerinnen und -p eger des Hamburger Franziskus-Tierheims übernahmen die Auf- gabe, doch es war immer noch unklar, wie es mit Pippa weitergehen sollte. Auswildern war keine Option, denn handaufgezogene Wildschweine werden absolut zahm. Ein Wildgehege kam ebenso wenig infrage, denn dort werden regelmäßig Tiere erschossen und zu Fleisch verarbeitet. Also entschlossen sich Tanja und Jürgen vom „Land der Tiere“, Pippa aufzunehmen. Damit sie nicht als einsames kleines Wildschwein aufwächst, kam kurz darauf die gleichaltrige Resi dazu, die ebenfalls im Alter von nur ein paar Tagen ohne Familie aufgefunden wurde.

INFO

Das „Land der Tiere“ liegt im Mecklenburgischen Elbetal zwischen Hamburg und Berlin. Von Mai bis Oktober gibt es sonntags Führungen. Mehr dazu, zu Patenschaften und Veranstaltungen unter www.land-der-tiere.de

Autorin: Susanne Drießle