Tiroler Ache Im bayerischen Grand Canyon

Die Tiroler Ache ist der Hauptzufluss des Chiemsees, durchquert auf dem Weg dorthin spektakuläre Landschaften – und ist der Grund, warum es den größten bayerischen See eines fernen Tages nicht mehr geben wird. Bei einer Schlauchbootfahrt kommen wir diesem besonderen Fluss so nah, wie es das zehn Grad kalte Wasser zulässt...
Tiroler Ache

Rechts paddeln!“, lautet das Kommando. Die rechte Seite im Schlauchboot gibt ihr Bestes. „Stoooop!“ Drei Paddel stechen abrupt ins Wasser. Das Boot dreht sich und hüpft über die Strudel. Zum Dank für den körperlichen Einsatz ergießt sich ein Schwall eiskaltes Flusswasser über die Besatzung. „Es war ausgemacht, wir nehmen jede Welle mit“, sagt ein grinsender Bootsführer, der gelassen hinten auf dem Schlauchboot sitzt und dafür sorgt, dass das Boot die Richtung hält.

Die Frauen und Männer, die sich an diesem Nachmittag zum Rafting auf der Tiroler Ache im Hinterland des Chiemsees angemeldet haben, sind in guten Händen: Bootsführer Heinz ist die Strecke schon über 1000 Mal gefahren. „Früher als Hobby. Und jetzt als Rentner bin ich noch mal zum Pro geworden“, erzählt der 72-Jährige.

Auf den ersten Kilometern bietet die Tiroler Ache eine geruhsame Fahrt – gut zum Eingewöhnen. Denn die meisten Teilnehmer an den geführten Touren sind weder Kanuten, noch Kajakfahrer, etliche sind dabei, die zum ersten Mal den Ritt auf Wildwasser wagen. „Ein Vergnügen, nicht nur für die Mutigen“, betont Ingrid Lukas, die Chefin des gleichnamigen Sportgeschäfts, das seit über 40 Jahren für Schulklassen, Gruppen auf Betriebsausflug, Stammtische und Urlauber Schlauchbootfahrten anbietet.

Die Tiroler Ache, die auf österreichischer Seite Großache genannt wird und auf vielen Karten auch als Achen (Pluralform) eingezeichnet ist, entspringt am Paß Thurn auf salzburgischem Gebiet. Wenig später erreicht sie Tirol und mündet nach einer 75 Kilometer langen Reise durch die imposante Gebirgswelt der Kitzbüheler und Chiemgauer Alpen in den bayerischen Chiemsee. Die Lukas-Schlauchboote befahren nur einen kleinen Abschnitt: vom österreichischen Kössen bis zum bayerischen Schleching, aber der gehört mit zum Schönsten und Eindrucksvollsten, was die Region zu bieten hat. Nach Kössen rücken die zerklüfteten Felswände näher an den Fluss. Hier beginnt die sieben Kilometer lange Strecke durch die Entenlochklamm, ein bayerischer Grand Canyon. Und die einzige Möglichkeit, unten durch diese Schlucht zu kommen, ist per Boot. In der Höhe verläuft noch ein uralter, historischer Übergang, der mittlerweile unter dem Namen „Schmugglerweg“ zur attraktiven Wanderroute ausgebaut ist. Kurz vor der deutschen Grenze bietet eine 33 Meter lange Hängebrücke Fußgängern die Möglichkeit, ans andere Ufer zu gelangen, wo sich in einer Kurve Kiesbänke in den türkisfarbenen Fluss geschoben haben. 

"Kössener Schichten" - Kalksteinschichten des Urmeeres

 Spannend für Geologen sind die „Kössener Schichten“: Kalksteinschichten des Urmeers, aus dem sich die Alpen aufgefaltet haben.

Hier geht ein Wunsch in Erfüllung

Ein Ausflugsziel wie aus dem Bilderbuch: Wenige Meter oberhalb der Kiesbänke liegt das Wallfahrtskirchlein Klobenstein, deren alte Mauern schon viele Reisende und Pilger gesehen haben. Anziehungspunkt ist der „geklobene Stein“: Eine Legende erzählt, dass eine Frau von einer Mure überrascht wurde. Nach einem Gebet zur Mutter Gottes spaltete sich der Felsen und gewährte ihr Schutz. Wer es schafft, sich durch diese Öffnung zu zwängen, ohne die Felsen dabei zu berühren, so sagt man, dem soll ein Wunsch erfüllt werden. Danach kann man auf der schattigen Terrasse des zugehörigen Gasthauses wunderbar Brotzeit machen, während unten in der Schlucht, deren engste Stelle 1912 durch eine Sprengung von drei auf elf Metern verbreitert wurde, das Wasser rauscht. Viel Wasser! Etwa 60 kleinere Zuflüsse hat der Chiemsee, aber 78 Prozent des Chiemseewassers stammen von der Ache.

Das hat Folgen, denn mit dem Wasser bringt der Gebirgsfluss auch Schlamm und Schwebstoffe wie Calzit, Dolomit, Quarz in den See – grob gerechnet an die 25.000 Lkw-Ladungen jedes Jahr. Dazu kommen weitere 1.400 Lkw-Ladungen an Geschiebe, also Steine und Kies. Diese Abtragungen aus den Alpen führen dazu, dass der Chiemsee jährlich um 1,5 Fußballfelder kleiner wird. Zu Urzeiten war der See einmal 300 Quadratkilometer groß. Heute sind es nur noch 80 Quadratkilometer. „Ein normaler Prozess im Voralpenland“, erklärt Naturführerin Christina Erl-Danhof. Einst hatte der Chiemsee zwei Nachbarn, den Rosenheimer See und den Salzachsee. Alle drei bedeckten am Ende der letzten Eiszeit große Flächen des Chiemgaus. Die beiden anderen Seen sind bereits verschwunden. Das gleiche Schicksal droht dem Chiemsee, wenn auch erst in geschätzten 8.000 Jahren. Aufhalten kann man diesen Prozess nicht, nur verlangsamen. Zum Beispiel durch Kiesfallen oberhalb der Ache-Mündung, aus denen jedes Jahr 20.000 Tonnen Kies entnommen werden. Auch wurden Überschwemmungsgebiete eingerichtet, wo sich der Schlamm immer wieder ablagern kann. Diese Sedimente verteilen sich über den ganzen See und füllen das Gewässer von unten auf. Der Chiemsee ist heute etwa 73 Meter tief – es waren mal 250 Meter.

In der Nacht vor der Raftingtour ist ein kräftiges Gewitter über die Region gezogen, was genau diesen Schlamm im Flusswasser gehörig aufgewühlt hat: statt Türkistönen schmutzig-braunes Wasser. Das wird zwar auch im Hochsommer nicht wärmer als 15 Grad. Aber an diesem Tag ist es deutlich kälter. Auch die Luft hat stark abgekühlt, weshalb die Teilnehmer sich nicht nur in den obligatorischen Neoprenanzug gepresst haben, sondern darüber auch noch eine Jacke tragen. Doch unterwegs denkt keiner mehr an Regen oder Kälte. „Wir fahren bei jedem Wetter. Außer bei Hochwasser“, schränkt die Chefin ein. Zu gefährlich sei es, wenn Äste und andere Gegenstände, die von der Kraft des Wassers erfasst wurden, den Raftern in die Quere kämen. Letztes Jahr sei zwar kein einziger Termin ausgefallen, doch Hochwasser ist an der Tiroler Ache keine Seltenheit.

Österreichischer Grenzübergang

„Wenn ihr jetzt einatmet, das merkt ihr“, witzelt Bootsführer Heinz, als das Schlauchboot die grüne Grenze passiert. Wanderer werden mit einem Schild auf den Übergang hinweisen.

Im Delta gilt Betretungsverbot

Mit Entsetzen erinnert man sich in den neun Gemeinden im Achental noch an das Rekordhochwasser 2013, bei dem nicht nur Häuser und die Autobahn überflutet wurden. Sogar die Hängebrücke, die etwa sieben vermeintlich sichere Meter über der Wasseroberfläche schwebt, ist abgesoffen und wurde von mitgerissenen Baumstämmen beschädigt.

Eine der ältesten Hochwasser-Überlieferungen stammt aus dem Jahr 1572: Damals hatte die Ache im Mündungsbereich einen neuen Arm gebildet. Man munkelt, die Bürger aus Übersee hätten ein wenig nachgeholfen, damit das Wasser Richtung Grabenstätt abläuft. Angeblich der Grund, weshalb sich die beiden Orte bis heute nicht recht grün sind. Viele weitere Eingriffe und Korrekturmaßnahmen sollten folgen: Der Fluss wurde Richtung Chiemsee begradigt und kanalisiert, weil man hoffte, die Wassermassen würden so schneller ablaufen. Doch hatten die einen die Fluten los, war der Schaden an anderer Stelle umso größer. Heute geht man den umgekehrten Weg: Durch Renaturierungsmaßnahmen versucht man dem Fluss wieder Platz zu geben und die Fließgeschwindigkeit zu reduzieren.

Der Mündungsbereich der Ache ist seit 1954 Naturschutzgebiet. Hier hat sich das größte Binnendelta Mitteleuropas entwickelt. Seit 1987 besteht ganzjähriges Betretungsverbot, so dass auch für Paddler spätestens bei Almau, zwischen Grassau und Übersee gelegen, Schluss ist. Wer sich für das Mündungsgebiet der Tiroler Ache interessiert, sollte umsteigen auf ein anderes Gefährt: Mit „Birgit“, einer Hamburger Hafenbarkasse, die seit etlichen Jahren ihren Dienst auf dem Chiemsee tut, geht es auf naturkundliche Erlebnisbootsfahrt ans Delta. Nass wird hier keiner...

Das Delta der Tiroler Ache

Das Delta der Tiroler Ache wächst jedes Jahr ein bisschen mehr in den Chiemsee hinein.

Info & Service

  • Rafting auf der Tiroler Ache: Sport Lukas in Schleching bietet geführte Rafting-Touren an (keine Vorkenntnisse nötig). Die Fahrtdauer ist abhängig vom Wasserstand und beträgt etwa zwei Stunden. Die dazugehörige Ausrüstung wird gestellt. 15. Mai bis 15. Oktober, täglich 9.30 Uhr und 13 Uhr. Preis: ab 32 Euro (Kinder 8–15 Jahre ab 22 Euro). Anmeldung unter Tel. 0 86 49/2 43, www.sportlukas.de
  • Erlebnisbootsfahrt ans Delta der Tiroler Ache: Wie ist das Delta entstanden? Welche Tiere und Pflanzen gibt es dort? Fragen, die während des naturkundlichen Ausflugs beantwortet werden. Die Teilnehmer dürfen bei Experimenten auch selber Hand anlegen, das Chiemseewasser auf Kleinstlebewesen untersuchen, die Tiefentemperatur messen oder Schlamm vom Seeboden baggern. Treffpunkt: Dampfersteg Übersee-Feldwies; Dauer: ca. 3 Stunden; Kontakt und Anmeldung: Tel. 0 80 51/6 90 50, www.tourismus.prien.de
  • Weitere Auskünfte: Chiemgau Tourismus e. V., Tel. 08 61/9 09 59 00, www.chiemsee-chiemgau.info