Warum der Schwarzwald seinen Namen zu Unrecht bekommen hat

Die steilen Hänge des wildromantischen Feldsees im Hochschwarzwald erzählen eine Geschichte darüber, wie der Wald früher einmal ausgeschaut haben mag. Schwarz und dunkel? Ganz im Gegenteil ...
Der Schwarzwald im Nebel
In diesem Artikel
Der Schwarzwald war komplett kahl
Die Angst war Namensgeberin
Infos & Adressen: Wald-Erlebnisse

"Darauf sind wir extrem stolz“, betont Achim Laber. Der Feldberg-Ranger ist stehen geblieben und deutet auf ein Waldstück hinter sich. Er ist mit einer Gruppe auf dem Felsenweg unterwegs, der oberhalb des Feldsees verläuft  – der größte Karsee im Schwarzwald, kreisrund und auf drei Seiten von bis zu 300 Meter hohen Steilwänden eingefasst. Der Wald unterhalb des Pfads ist etwas Besonderes: Die Buchen, Weißtannen und Fichten, die hier stehen, sind direkte Nachkommen des einstigen Urwalds. Ein solches Vorkommen gibt es im Hochschwarzwald nur noch an wenigen Stellen.

Man kann sich also mit Blick auf diese Hänge gut vorstellen, wie der ursprüngliche Wald ausgesehen haben muss, als im frühen Mittelalter die ersten Mönche in St. Trudpert oder St. Blasien Einsiedeleien und kleine Mönchszellen gründeten, als die Menschen vordrangen und das Gebiet besiedelten: Sie fanden einen lichtdurchfluteten und lebendigen Mischwald vor. „Seinen Namen hat der Schwarzwald eigentlich ganz zu Unrecht bekommen. Das war kein ,dunkler Tann‘“, ist Achim Laber überzeugt.

Dicht bewachsen und schattig: der Schwarzwald heute

Der Wald bestand in dieser Region zu 80 Prozent aus Buchen und Tannen. „Richtung Süden und zum Rhein hin dominierte eher die Buche, Richtung Osten die Tanne.“ An Hängen, die von Steinschlag und Lawinen betroffen waren, überwog der Bergahorn. „Der ist weniger anfällig für Fäulnispilze, die in Wunden am Holz eindringen können“, erklärt der hauptamtlich tätige Naturschutzwart. Vereinzelt hat es auch Fichten in diesem Urwald gegeben, vor allem in höheren Lagen wie hier am Feldberg mit seinen knapp 1500 Metern. „Diese Urfichten waren gut an das Klima angepasst. Sie hatten keine Christbaumform wie die Fichten heute, sondern waren säulenförmig“, erzählt Achim Laber der interessierten Gruppe und deutet auf einen entsprechend aussehenden Nadelbaum, der direkt am Wegrand steht.

Der Schwarzwald war komplett kahl

Heller, lichtdurchfluteter Mischwald? Schon mit Blick auf die andere Wegseite wird klar: Heutzutage zeigt sich der Schwarzwald von einer ganz anderen Seite. Die Fichte dominiert das größte zusammenhängende Mittelgebirge Deutschlands, was die Wälder schwer und dunkel wirken lässt. Was ist also passiert, dass sich das Bild so dramatisch verändert hat? Der Mensch hat massiv eingegriffen.

Wir gehen zurück bis ins Mittelalter: Denn schon damals ging es dem Wald an den Kragen. Die Bäume dienten den Siedlern als Baumaterial. Ganze Waldgebiete holzten sie ab. Holz war der universelle Rohstoff jener Zeit, der in Europa erst ein bäuerliches, sesshaftes Leben ermöglichte. Im Schwarzwald ließen sich Köhler nieder. Holzkohle brennt sehr heiß und wurde deshalb für die Verhüttung von Eisen und Edelmetallen benötigt. „Eigentlich hat nur der 30-jährige Krieg verhindert, dass der Wald noch stärker dezimiert wurde“, fasst Achim Laber diese Epoche zusammen. Die endgültige Zerstörung wurde jedoch nur hinausgezögert, denn die systematische Rodung ging im 18. Jahrhundert erst richtig los.

Ranger Achim Laber

Wer mit Ranger Achim Laber unterwegs ist, kommt mit neuen Erkenntnissen zurück, z.B. über den Bannwald am Feldsee.

Der Rohstoffhandel brachte viel Geld ein. Als „Holländerholz“ wurden die riesigen Stämme rheinabwärts geflößt. In Amsterdam stehen heute noch viele Gebäude auf Schwarzwälder Weißtannen, auch Schiffe wurden damit gebaut. Doch nicht nur die Bootsbauer, auch die Glashütten vor Ort waren unersättlich. Bald bestand der Schwarzwald fast nur noch aus kahlen Hügeln, Busch- und Grünland. Eine Kartierung aus dem Jahr 1795 gibt den Waldanteil bei Hinterzarten gerade einmal mit zehn Prozent an. „Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass noch vor 200 Jahren der Schwarzwald so kahl war, dass das Holz nicht einmal dazu reichte, die Freiburger Bäcker mit genügend Holz für die Backöfen zu beliefern“, berichtet Achim Laber. Erst die Not hatte ein Umdenken eingeleitet.

Zeitgleich löste die Steinkohle Holz als Energielieferant ab. Vielleicht ist es auch ein Stück weit dem Ingenieur Johann Gottfried Tulla (1770–1828) zu verdanken, dass der Schwarzwald wieder grün wurde. Der badische Ingenieur hatte den Rhein begradigt, sodass die aus dem Ruhrgebiet und dem Saarland stammende Kohle auf dem Schiff rheinaufwärts gebracht werden konnte. Was folgte, war „die erste Energiewende der Menschheitsgeschichte“, wie eine Ausstellung im Haus der Natur am Feldberg erklärt. Erst jetzt konnte man die Holzvorräte schonen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Wald aufgeforstet und künftig nur noch so viel geerntet, wie nachwachsen konnte. Und so kamen die Fichten in den Schwarzwald. Da sich diese Baumart leicht verbreitet und auch in kargen Gegenden gut gedeiht, wählte man sie als Ersatz für die abgeholzten Bäume. Erst jetzt bekam der Wald sein dunkles Gesicht, erzählt der Ranger seiner Gruppe, mit der er immer noch am Felsenweg steht. Wie konnte der Urwald hier nur überleben? Denn natürlich wurden auch die Wälder entlang der Wutach, die ihr Quellgebiet am Feldberg hat, vom Tal her komplett abgeholzt. Rund um den Feldsee blieb kein Stamm stehen. Doch an den steilen Hängen hatte man sich nicht die Mühe gemacht, auch die kleinen Pflanzen zu entfernen. So konnte sich das Mischwald-Restvorkommen ungestört entwickeln und hat sich langsam den Berg hinaufgearbeitet. Auf eine Aufforstung mit Fichten hat man an dieser Stelle zum Glück verzichtet.

Feldsee im Hochschwarzwald

Der Feldsee im Hochschwarzwald

Die Angst war Namensgeberin

Seit 1937 ist der Feldberg Naturschutzgebiet, das älteste in Baden-Württemberg. Die Steilhänge am Feldsee nehmen darin noch einmal eine Sonderstellung ein: Hier befindet sich ein sogenannter Bannwald, der völlig sich selbst überlassen wird.

„So stelle ich mir den Urwald von damals vor“, führt Achim Laber aus. „Geheimnisvolle Baumriesen, vom Sturm umgeworfene Stämme, Totholz, von Moos und Flechten überwuchert, dazwischen junge Triebe: ein einziges Durcheinander, schwer zu passieren. Damals gab es auch noch Bären und Wölfe. Eine unberechenbare Wildnis – das war nie erstrebenswert für die Menschen.“ Seiner Meinung nach bekam der Schwarzwald seinen Namen nicht, weil er dunkel war. Angst war wohl die Namensgeberin.

Auch heute gibt es Menschen, die ein Unbehagen gegenüber dieser Wildnis empfinden – allerdings aus anderen Gründen: Holz ist wertvoll, haben sie gelernt. „Wie könnt ihr die Natur hier einfach verrecken lassen?“, lautet deshalb eine oft gestellte Frage an den Ranger. Doch der ist überzeugt: „Um den Wald muss man sich keine Sorgen machen. Ein Baum kann sterben, aber der Wald wächst nach.“ Wenn man ihn lässt ...

Infos & Adressen: Wald-Erlebnisse

  • Geführte Touren am Feldberg: Das Naturschutzzentrum Südschwarzwald bietet regelmäßig Touren in den Bannwald am Feldsee und durch das Naturschutzgebiet am Feldberg an. Sie werden abwechselnd von einem Förster oder einem Ranger geführt. Termine und Infos: Haus der Natur am Feldberg, Dr.-Pilet-Spur 4, 79868 Feldberg, Telefon: 0 76 76/93 36 30, www.naz-feldberg.de
     
  • Feldbergsteig und Felsenweg: Der Premiumwanderweg Feldbergsteig führt auf den Feldberggipfel mit herrlichen Ausblicken und anschließend über schmale Pfade zum Feldsee und durch den Bannwald. Ausgangspunkt des Rundwegs ist das Haus der Natur. Dauer: ca. 5 h; 12,5 km und 468 Hm.
    Infos auf www.hochschwarzwald.de

    Etwas kürzer ist der Felsenweg (2,5 h; 7,4 km, 284 Hm). Ausgangspunkt ist der „Feldberger Hof“. Auf zum Teil alpinen Pfaden geht es oberhalb des Feldsees hinunter zum Raimartihof. Von dort zum Feldsee und um den Feldsee wieder hinauf zum „Feldberger Hof“. Wegbeschreibung auf www.outdooractive.com
     
  • Wildbeobachtung mit Förster in Schluchsee-Blasiwald: Mehr als 100 Kilogramm wiegt ein ausgewachsener Rothirsch, ist damit fünfmal so schwer wie ein Reh. Trotzdem herrschen oft Unkenntnis und Verwirrung über die heimischen Wildtiere, manchmal wird das Reh gar für „die Frau vom Hirsch“ gehalten. Die 3,5-stündige, abendliche Pirsch richtet sich an Naturliebhaber ab acht Jahren. Termine und Anmeldung: Hochschwarzwald Tourismus, Freiburger Straße 1, 79856 Hinterzarten, Telefon: 0 76 52/1 20 60, www.hochschwarzwald.de