Aletschgletscher: Das Eis geht, der Urwald kommt

Auch der Große Aletschgletscher im Schweizer Kanton Wallis wird immer kleiner. Wo am Südende der Gletscherzunge die Eismassen verschwinden, erobern Bäume die Felsenlandschaft. Der Aletschwald ist ein unberührtes Naturparadies, das wir bei einer spannenden Beobachtungs-Tour erkunden.
Beeindruckende Sicht auf den Aletschgletscher

Er ist fast 23 Kilometer lang und mehr als 80 Quadratkilometer groß – damit ist der Große Aletschgletscher der mächtigste Eisstrom in den Alpen.

Vor unseren Lippen wirbeln Atemwolken. Es ist frisch hier, auf der Riederfurka in gut 2050 Metern Höhe um fünf Uhr am Morgen. Wir sind so früh aufgestanden, weil wir mit unserer Wanderführerin Annina auf Birkhuhn-Pirsch im Aletschwald gehen wollen. Und da die Birkhähne am liebsten in der Morgendämmerung balzen, stehen wir schon abmarschbereit auf der Wiese vor dem Naturschutzzentrum Villa Cassel, während am östlichen Himmel das Dunkelgrau der Nacht sich erst ganz allmählich ins Blaue verfärbt.

Die Birkhähne warten

Gerade wollen wir aufbrechen, da geht ein aufgeregtes Flüstern los: Zeigefinger deuten in Richtung Riederhorn (2230 m), dort am Waldrand, vielleicht 80 Meter entfernt, sind plötzlich eine Hirschkuh und ihre beiden halbwüchsigen Kälber aufgetaucht, die sich grasend ihr Frühstück holen. Atemlose Stille – wie elegant sie sich bewegen! Aber so gerne wir den Rothirschen noch eine Weile zuschauen würden, die Birkhähne warten. Also marschieren wir los. Nicht auf dem kürzesten Weg nach Norden in den Aletschwald, sondern erst nach Osten Richtung Hohfluh (2227 m), dann im Bogen zum Waldrand. So ist der Plan von Annina, denn auf diese Weise umgehen wir die Balz-Territorien der Birkhähne und können sie dann von einem erhöhten Punkt auf der anderen Seite perfekt beobachten.

Die Villa Cassel in gut 2000 Metern Höhe auf der Riederfurka

Der ideale Platz für ein Ferienhaus: die Villa Cassel in gut 2000 Metern Höhe auf der Riederfurka. Im Hintergrund die Gipfel der Walliser Alpen.

Zu unseren Füßen schimmert das Eis

Schweigend stapfen wir über die taufeuchten Bergwiesen. Ab und zu geht der Blick nach rechts, wo jenseits des tief eingeschnittenen Rhonetals die schneegekrönten Viertausender der Walliser Alpen, von Monte Rosa (4634 m) bis Matterhorn (4478 m), sich immer stärker aus dem Dämmerlicht schälen. Allerdings kehren wir ihnen bald den Rücken zu, steigen noch ein paar Meter aufwärts, erreichen den oberen Rand der Riederalp – und vergessen erst mal für einen Moment die Birkhähne: Denn vor unseren Augen breitet sich plötzlich der Große Aletschgletscher aus. Ein riesiger Eisstrom, archaisch und rau, der im Morgenlicht in einer sanften Farbe schimmert, die ein bisschen wie Rosa aussieht. Dunkle Moränenspuren ziehen sich durch das Eis, graue Felsen ankieren den Gletscher, direkt unter uns sind sie begrünt vom Aletsch-Urwald.
Erst nach ein paar Augenblicken des Staunens erinnern wir uns wieder, warum wir eigentlich hier sind, am oberen Rand des schon 1933 komplett unter Schutz gestellten Aletschwaldes: Weil nur wenige Meter entfernt von uns sechs, sieben, acht Birkhähne emsig dabei sind, ihre Balztänze aufzuführen. Mit dem blauschwarz-weißen Gefieder und dem leuchtend roten Fleck am Kopf sind sie in der felsigen Umgebung gut auszumachen. Per Fernglas sehen wir ihnen zu, wie sie mit gesträubten Schwanzfedern und nach vorn geneigtem Körper ihre zuckenden Tänze aufführen, dabei immer wieder die Grenzen ihrer kleinen Territorien abschreiten. Wie sie den Rivalen im Nachbarterritorium mit Drohposen herausfordern, wie dann die beiden Hähne sich in wilden Schaukämpfen in der Luft anspringen, die aber völlig unblutig sind. Dabei geben die Rivalen abwechselnd kullernde und zischende Laute von sich. Ein wirklich wildes Schauspiel.
Doch je höher die Sonne über den Horizont steigt, desto müder und schweigsamer werden die Birkhähne. Dafür hören wir ab und zu das „Krrrräääh“ der Tannenhäher. Wie am Nachmittag zuvor, als uns Annina tief in den verwunschenen Aletschwald und zu seinen Geschichten geführt hatte.

Uralte Arvenbäume (Zirben)

Uralte Arvenbäume (Zirben), Alpenrosen und Heidelbeeren, dazu viele Tierarten – der verwunschene Aletschwald ist ein Naturparadies.

Der uralte Zyklus des Waldes

Da ist zum Beispiel die Geschichte von den vergessenen Wintervorräten des Tannenhähers. Im Herbst legt der Vogel Nahrungsdepots mit den Nüssen der Zirbelkiefer an, ein Baum, der in der Schweiz Arve genannt wird. Die meisten dieser Depots findet der Tannenhäher Monate später sogar unter tiefem Schnee wieder – aber eben nicht alle. Aus den vergessenen, jedoch geschützt im Erdreich liegenden Nüssen wachsen neue Arven, seit Urzeiten erneuert sich durch diesen Zyklus der Wald.
Hier am Aletschgletscher breitet sich der Urwald sogar aus. Denn der Große Aletschgletscher zieht sich seit Jahren zurück. Da, wo der Permafrostboden auftaut, was manchmal zu Erdrutschen führt, wie wir bei unserer Tour am Nordrand des Waldes sehen konnten, da sprießen irgendwann erste Moose und Gräser, dann folgen Zwergbüsche und schließlich recken sich die ersten Arven oder Lärchen empor, wo früher der Eisstrom ins Tal floss.
Den Kern des Naturparadieses bilden aber uralte Arvenbäume, die nur sehr langsam wachsen und schon seit bis zu 1000 Jahren hier stehen. Zwischen ihnen gedeihen Alpenrosen, Erika und Heidelbeersträucher. Vom Wanderweg aus haben wir Gämsen im Unterholz verschwinden sehen, haben die Pfiffe von Murmeltieren gehört. Hier, im Schatten der Bäume, in dieser grünen Stille, ruhen sich auch irgendwo, vor unseren Augen verborgen, die Birkhähne aus. Schließlich müssen sie ja Kraft sammeln für ihre anstrengenden Tänze am nächsten Morgen.

INFO & SERVICE

  • Riederalp: Die Riederalp ist eine rund 1900 bis 2200 Meter hoch gelegene Region im Schweizer Kanton Wallis, das einzige Dorf Riederalp (1925 m) ist autofrei und nur per Seilbahn ab Mörel (759 m) im Rhonetal erreichbar (Zug- und Straßenverbindung nach Brig). Auf der Riederalp gibt es im Sommer ein dichtes Netz von Wanderwegen, mit Ausblicken auf den nördlich angrenzenden Aletschgletscher sowie die Viertausender der Walliser und Berner Alpen. Infos: www.aletscharena.ch
     
  • Touren im Aletschwald: Durch den Aletschwald, zwischen Gletscher und Riederalp gelegen, führen zwei Wanderwege, die auch ans Wegenetz der Riederalp angeschlossen sind. Das „Pro Natura Zentrum Aletsch“ in der Villa Cassel bietet von Juni bis Ende Oktober für Gruppen, Familien und Schulen Wanderungen, Exkursionen und Themenwochenenden an – von der Birkhahn-Balz übers Hirschbrunft-Wochenende bis zum Yoga-Erlebnis und zum Workshop Naturfotografie. Infos: Pro Natura Zentrum Aletsch, Villa Cassel, CH-3987 Riederalp, Tel.: 00 41/ (0) 27/9 28 62 20, www.pronatura-aletsch.ch
     
  • Villa Cassel: In der ehemaligen Bankiers-Sommerresidenz sind heute neben dem Naturschutzzentrum auch ein Museum mit Ausstellungen zu Naturthemen sowie ein Teesalon untergebracht. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeiten, in der Villa zu übernachten: in stilvollen Ferienzimmern oder für größere Gruppen und Schulklassen in einfachen 4er- bis 6er-Zimmern. Infos: www.pronatura-aletsch.ch