Urlaub im Schneckentempo Weitwandern auf dem Lechweg

Wer zu Fuß geht, ist langsam unterwegs. Was nach einer Binsenweisheit klingt, ist in Wahrheit ein Experiment: Entschleunigt eine Mehrtagestour auch meine Gedanken und mein Leben? Der 125 Kilometer lange Lechweg soll mir helfen, das herauszufinden.
Der Formarinsee am Lechweg

Hektik und Stress – das Leben zischt einfach nur vorbei. Plötzlich ist der Urlaub da und sorgt für eine Vollbremsung. Das Alltagsadrenalin pumpt noch durch unsere Adern. Dabei möchten wir einfach mal an nichts denken müssen und Tempo aus dem Leben nehmen. Die Lösung verspricht ein neuer Trend, der schon viele dazu gebracht hat, das Nichtstun im Liegestuhl gegen eine Auszeit in Wanderstiefeln zu tauschen: das Weitwandern. Urlaub im Schneckentempo, bei dem die Zeit viel langsamer vergehen soll. Dabei kann der Mensch zu sich finden und Kraft schöpfen inmitten der Natur. Das klingt fantastisch. Aber funktioniert das auch bei mir?

Autorin Andrea Buchmann auf ihrem ersten Wanderweg

Motiviert und (noch) voller Energie: die Autorin bei ihrer ersten Weitwanderung.

Ein Weg zu sich selbst?

Ich sitze am Formarinsee: Smaragdgrün schimmert der kleine Gebirgssee unter der Roten Wand. Deren Name bezieht sich auf ein markantes Band aus rotem Kalk, das quer über den Berg verläuft. Ein Kraftort auf 1793 Metern, der vor einigen Jahren zu „Österreichs schönstem Platz“ gekürt wurde. Jedes Jahr aufs Neue bildet sich der Formarinsee aus dem Schmelzwasser der umliegenden Berge und entwässert unterirdisch über ein Karsthöhlensystem. Hier liegt das Quellgebiet des Lechs, der mich auf den nächsten 125 Kilometern begleiten wird – meine erste Weitwanderung.

Der Lechweg sei „ein Weg zu sich selbst“, behauptet mein 170 Seiten dicker Wanderbegleiter. Und schon ist es vorbei mit dem Vorsatz, einfach mal nichts zu denken: Ich bin in einer Stadt am Lech geboren. Zu welchen Erkenntnissen wird mich die Wildflusslandschaft wohl bringen? Werde ich als ein anderer Mensch am Ziel ankommen, den Job hinschmeißen und ein neues Leben beginnen? Schweren Gedanken nachhängend passiere ich das erste schwarze „L“ auf weißem Grund, das Zeichen für den Lechweg. Zunächst geht es aber den Formarinbach entlang, der sich erst weiter unten im Tal mit dem Spullerbach zum jungen Lech vereint.

Eigentlich eher zufällig hatte ich den Lechweg ausgewählt – ohne meine persönliche Biografie dabei zu berücksichtigen. Denn die attraktive Route vom Hochgebirge bis ins Alpenvorland verspricht tolle Landschaftserlebnisse. Sie ist ohne Kletter- und Steigpassagen, moderat und nicht zu anspruchsvoll. Und doch ist der Weg herausfordernd genug, um mein erhofftes Ziel zu erreichen: mich gemächlich müde zu wandern, auszubrechen aus dem üblichen Gedankenkarussell, entspannt zu sein im Hier und Jetzt. Sieben Tagesetappen sind zu bewältigen. Es geht vom österreichischen Vorarlberggebiet über die Tiroler Naturparkregion Lechtal und Reutte bis nach Füssen ins südliche Allgäu. Schon bald verdrängen eher banale existenzielle Probleme meine philosophischen Überlegungen über den Sinn des Lebens: Soll ich meine Jacke besser anlassen oder in den Rucksack stopfen? Warum ist meine Wanderhose plötzlich nicht mehr wasserdicht? Und wann kommt endlich das nächste Gasthaus? In dieser konkreten Situation war die höchste Metzgerei Vorarlbergs im Walserdorf Warth, wo es die weltbeste Leberkässemmel und einen unglaublich guten Nussschnaps gibt, nahezu lebensrettend. Es ist fast klischeehaft, in einer Wandergeschichte über das Wetter zu schreiben. Doch tatsächlich rücken der ständige Wechsel von Sonne, Regen (und Hagel), aber auch die überraschend niedrigen Temperaturen, die mich bereuen lassen, keine Handschuhe dabeizuhaben, alle anderen Probleme in den Hintergrund. Zumindest muss ich nicht mehr an die Arbeit denken. Ein Fortschritt!

Der rauschende Lech

 Über den Höhenwald von Lech am Arlberg nach Warth – unten im Tobel rauscht der Lech.

Nach drei Tagen geistig angekommen

Hinter Warth verlasse ich Vorarlberg und betrete Tiroler Boden. Mein Gepäck wird in der Zwischenzeit – wie übrigens auf allen Etappen – mit dem Auto über die Bundeslandgrenze gebracht und erwartet mich in der Pension, wo mich die Hausherrin nicht mehr im Walser Dialekt, sondern auf „Lechtlerisch“ begrüßt. Zu Hause habe ich gefühlt alles, was ich an Funktionskleidung besitze, in den Koffer gestopft: lange und kurze Hosen, T-Shirts, Fleece- und Regenjacke, hohe Wanderstiefel und ein paar feste Turnschuhe, damit sich die Füße auch mal entspannen können. Unterwegs ist eine neue Regenhose dazugekommen. Ein weiterer Vorteil des Lechwegs: Er führt nicht nur durch wilde Natur, sondern immer wieder auch durch nette Örtchen mit Freibädern zum Ausruhen, Wirtshäusern zum Einkehren und mit Geschäften, in denen man seine mangelhafte Ausrüstung ergänzen kann. In der Früh bleibt aber die Qual der Wahl, mit welchen Kleidungsstücken man für die nächste Tagesetappe wohl am besten gerüstet sein wird.

Es dauert drei Tage, bis sich meine Gelenke an das Weitwandern angepasst haben, bis alle Kleiderprobleme gelöst sind und ich endlich das Gefühl habe, am Lechweg angekommen zu sein. Meditativ setze ich einen Schritt vor den anderen, genieße selbst die Bergauf-Etappen, die mich ins Schwitzen bringen. Doch die ungewohnte Belastung fordert schließlich ihren Tribut: Der darauffolgende Tag beginnt mit Halsweh. Ich bin unfit und wirke auch äußerlich arg zerknittert. Wie gerne wäre ich noch einen Tag länger in Holzgau mit seinen hübsch bemalten Häuserfassaden geblieben. Doch der Zeitplan meiner Wanderpauschale, die ich bewusst gewählt hatte, um es mir bei meinem Entschleunigungsprojekt bequemer zu machen, sieht keine Pause vor. Einen Tod muss man wohl sterben...

Nicht immer ist der Lech vom Weg aus sichtbar, manchmal hört man ihn nur in der Tiefe rauschen. Doch am fünften und sechsten Tag geht es direkt am Fluss entlang – und ich kann endlich direkten Kontakt aufnehmen. Ich halte meine Füße in das Wasser mit der charakteristischen Farbe und spüre ein Glücksgefühl, das mich angesichts der Bilderbuchlandschaft um mich herum durchströmt. Das leuchtende Türkis verdankt der Lech übrigens dem hohen Gehalt an Mineralien und seiner niedrigen Wassertemperatur. Es riecht nach Italien, und der Kiefernwald erinnert an schöne Urlaube in der Kindheit. Im Augenwinkel nehme ich gerade noch eine Bewegung wahr: Es ist eine der seltenen Schnarrschrecken. Das zehn Zentimeter große Insekt findet auf den Schotterbänken optimale Lebensbedingungen – das habe ich tags zuvor im Naturparkhaus gelernt, das bei Elmen auf einer 87 Meter langen Klimmbrücke über dem Flussbett thront.

 

Blick auf den wilden Lech

Auf der Johannesbrücke bei Weißenbach hat man einen tollen Blick auf den wilden Lech. Die ausgedehnten Schotterbänke erreichen hier Breiten von mehreren Hundert Metern.

Und wie fällt das Fazit aus?

Vielleicht liegt es an den strukturierten Tagen, die von den Grundbedürfnissen Essen, Trinken, Schlafen geprägt sind, dass die Woche wie im Flug vergangen ist. Kaum zu sagen, welches Wegstück am schönsten war. Vielleicht sogar die letzte, anstrengendste Etappe. Höhepunkt an diesem unglaublich heißen Tag, an dem ich von aggressiven Bremsen verfolgt wurde und fast alle Gastwirtschaften unterwegs geschlossen hatten, war der Sprung in den Alpsee mit den Königsschlössern im Hintergrund.

Meine Erkenntnisse: Ich gehe lieber bergauf, geradeaus ist mir auf Dauer zu eintönig. Ein zufällig im Rucksack entdeckter Apfel kann unglaubliche Kräfte freisetzen. Und Zeit – die spielt irgendwann einfach keine Rolle mehr.