Berchtesgadener Land Peitschen gegen die Mächte der Finsternis

Mit lauten Peitschenklängen wollten die Menschen im Berchtesgadener Land früher die Geister der dunklen Jahreszeit vertreiben. Der Aberglaube verschwand, aber die uralte Tradition des Aperschnalzens ist geblieben.
Mit lauten Peitschenklängen vertreiben die Menschen im Berchtesgadener Land die Geister der dunklen Jahreszeit

Weiß verschneite Wiesen, durchzogen von leise rauschenden, am Ufer vereisten Flüssen, umrandet von imposanten Bergen: In der Region um Saaldorf-Surheim, im Rupertiwinkel, im Berchtesgadener Land läuft alles beschaulich ab – fernab vom Trubel der Großstädte. Doch Klänge von Peitschenschlägen durchbrechen die winterliche Ruhe und formen sich zu einer angenehmen Melodie. Es sind die Geißeln – genannt Goaßln – der Aperschnalzer. Eine Gruppe von festlich gekleideten Männern und Frauen steht in einer Reihe. Sie schwingen drei Meter lange Peitschen in die Lüfte und bringen sie zum Knallen.

Das Aperschnalzen hat im Alpenvorland seit mehreren Jahrhunderten Tradition. Und noch immer schnalzen die Passen, wie die Gruppen genannt werden, mit großer Freude. Damit erhalten sie aktiv einen Teil der bayerischen Geschichte, ist Bernhard Kern überzeugt. Der Bürgermeister von Saaldorf-Surheim ist erster Vorsitzender der Schnalzervereinigung Rupertiwinkel e. V. Für ihn ist das Aperschnalzen nicht nur ein Teil der bayerischen Identität, sondern auch ein starker Magnet: „Jedes Mal, wenn die Aperschnalzer auftreten, sind mehr als tausend Zuschauer vor Ort“, erzählt er im Interview.

Eine Schnalzerpasse besteht meist aus neun Personen (immer eine ungerade Zahl)

Geschnalzt wird in kleinen Gruppen, die man Passen nennt. Eine Schnalzerpasse besteht meist aus neun Personen (immer eine ungerade Zahl), die bei Wettkämpfen zwei Durchgänge schnalzen.

Meist der oder die Kleinste jeder Passe ist der sogenannte Aufdreher. Er leitet das Schnalzen ein mit einem Ruf wie „Aufdrahd, oane, zwoa, drei, dahin geht’s“. Daraufhin schnalzen nacheinander alle neun Personen. Als Letzter wird der kräftigste Bursche zum Draufschnalzen eingeteilt. Pro Durchgang schnalzt jeder neun oder auch elf Mal. Wichtig ist es, den richtigen Rhythmus einzuhalten, die Lautstärke muss bei allen Passen im Einklang sein.

Herr Kern, was genau ist das Aperschnalzen? Wie würden Sie das jemandem von auswärts erklären?

Das ist eine schwere Frage: Sieben, neun oder auch elf Männer und auch Frauen stehen hintereinander und geben einen Takt mit ihren Goaßln, also mit ihren Peitschen ab. Das Aperschnalzen entstand vor allem, um den Winter auszutreiben und um den Frühling hervorzulocken. Das lateinische Wort „aper“ bedeutet so viel wie „ohne Schnee“ oder „schneefrei machen“.

Wann genau kann man im Rupertiwinkel das Schnalzen sehen bzw. hören?

Während des Jahres treten die Aperschnalzer lediglich zu ganz besonderen Gelegenheiten wie dem Gaufest oder vor etlichen Jahren auch auf dem Oktoberfesteinzug auf. Ansonsten schnalzen wir ausschließlich zwischen Weihnachten und der Fastenzeit. Der Nikolaus läuft ja auch nicht im Sommer herum, er hat zu dieser Zeit einfach nichts verloren. Genauso ist es bei uns: Würden wir zu einer anderen Jahreszeit auftreten, hätte das mit dem ursprünglichen Brauch nichts mehr zu tun. Wir halten an der Tradition fest. 2016 zum Beispiel fand bei uns in der Region zum Erinnerungsjahr anlässlich der Grenzziehung zwischen dem Salzburger Land und dem bayerischen Rupertiwinkel im Sommer eine große Veranstaltung in Laufen/Salzach statt. Auf dieser durften unsere Kleinen, die Kinder, schnalzen. Sie freuten sich, dass sie auch mal zu dieser Jahreszeit auftreten durften. Anschließend aber legten sie ihre Goaßl ohne Widerspruch sofort wieder weg – weil sie Respekt vor dieser Tradition haben und wissen, dass das eine Ausnahme war.

Bei welchen Gelegenheiten treten die Gruppen, auch Passen genannt, auf?

Es gibt insgesamt sieben Gemeinde- und Gebietsschnalzen. Diese Wettkämpfe sind sozusagen die Probe für das große Aperschnalzen, dem Rupertigau-Preisschnalzen, welches immer am Wochenende vor dem Faschingssonntag stattfindet. Dort kommen alle aus der Region Rupertiwinkel/Salzburger Flachgau zusammen und messen sich.

Gibt es eigentlich eine besondere Musik, zu der geschnalzt wird?

Anders als bei den Goaßlschnalzern haben wir keine musikalische Begleitung – wir machen die Musik selbst. Unsere Goaßln sind etwa drei Meter lang und somit viel länger als die Fuhrmannsgoaßln, die letztlich zur Musik schnalzen.

Wie entscheidet es sich, wer bei Wettkämpfen gewonnen hat?

Am Ende gewinnt die Gruppe, die den besten Takt und somit die beste „Musi“ hat. Der Rhythmus und auch die Lautstärke müssen bei allen Passen im Einklang sein. Die sieben Preisrichter schauen beim Schnalzen jedoch nicht zu, sie bewerten allein nach dem Gehör. Jeder der sieben Preisrichter kann bis zu 20 Punkte vergeben, wobei die beste und die schlechteste Wertung immer wegfallen. Bisher hat es jedoch noch keine Gruppe geschafft, die volle Punktzahl von 200 Punkten bei zwei Durchgängen zu erreichen.

Das Schnalzen hat im Alpenvorland seit Jahrhunderten Tradition – warum hat sich diese bis heute gehalten?

Traditionen sind wichtig – auch, dass sie bereits den Kindern vermittelt werden. Es erdet sie, wenn sie wissen, wann zum Beispiel der Maibaum aufgestellt wird und wann die kirchlichen Feste wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten stattfinden. Auch das Aperschnalzen findet nur zu einer bestimmten Zeit statt. Das macht es so besonders und verleiht uns einen gewissen Kick. Wenn der Winter noch gar nicht richtig begonnen hat, können die Passen es schon kaum erwarten. Sie verbinden mit dem Schnalzen auch immer einen Wettbewerb, weil sie mit den anderen aus der Umgebung natürlich etwas in Konkurrenz stehen.

Wie sind Sie zum Aperschnalzen gekommen?

Meine Vorfahren haben mich zum Schnalzen gebracht, Großeltern, Eltern – aber auch Freunde. Bei uns auf dem Dorf wachsen wir als Kinder mit diesem Brauch auf und machen automatisch mit. Ich bin durch die gute Freundschaft innerhalb der Schnalzerpasse auch weiterhin Mitglied geblieben. Vor allem pflegen wir diese Freundschaft fast nur in der Zeit zwischen Weihnachten und Fasching. Die Schnalzer in unserer Gruppe kommen aus ganz verschiedenen Bereichen und Berufen: Zum Beispiel ist einer Landwirt, einer Bänker, einer Eisenbahner und ich bin eben Bürgermeister – wir sind ein unterschiedlicher, aber vor allem auch freundschaftlicher Haufen.

Wie begeistern Sie den Nachwuchs?

Wir haben das Glück, dass unsere Kinder und Jugendlichen sehr gerne beim Schnalzen mitmachen und sich gegenseitig begeistern. Nachwuchsprobleme gibt es bei uns nicht.

Wer kann alles mitmachen und nach welchen Kriterien wählen Sie die Mitglieder aus?

Alle, die aus den Gemeinden des bayerischen Rupertiwinkels und des Salzburger Flachgaus kommen, können mitmachen. Was das Alter betrifft, kann bei uns jeder schnalzen – vom Fünfjährigen bis über Siebzigjährige sind bei uns alle vertreten.

Aperschnalzen im Berchtesgadener Land

Die Landschaft im Rupertiwinkel ist tief verschneit. Früher waren die Winter noch strenger, es gab keine Heizung und kein elektrisches Licht. Mit dem Aperschnalzen wollten die Menschen der dunklen Jahreszeit so schnell wie möglich ein Ende setzen.

Der Höhepunkt des Winters

Bei den Wettbewerben geht es um den Einklang von Rhythmus und Lautstärke. Die Preisrichter entscheiden allein nach dem Gehör. Mehr als 1000 Zuschauer zieht es dann ins Berchtesgadener Land, um die Veranstaltungen mitzuerleben. Das große Preisschnalzen mit rund 85 Kinder- und Jugendpassen sowie 130 Allgemeinpassen aus dem bayerischen Rupertiwinkel und dem Salzburger Flachgau gilt als größte Winterbrauchtumsveranstaltung der Region. Infos: www.schnalzen.de.