Räubergeschichten auf dem Hochfelln

Im Sommer genießt man hier oben die Aussicht auf den Chiemsee. Im Winter dagegen weht der scharfe Wind die Ausflügler meist direkt in die Hütte. Die Wirtsfamilie hält die Stellung, egal zu welcher Jahreszeit. Allen voran Oma Evi, die sich nicht einmal von einem Einbrecher vertreiben lässt ...
Hochfelln-Seilbahnen Bergen

Tief verschneit zeigen sich die Steilhänge oberhalb des Luftkurortes Bergen. Seit 1971 erschließt die Seilbahn das Wander- und Skigebiet, und aus dem Übernachtungshaus Hochfelln wurde ein Gasthaus. Es ist das höchstgelegene im Chiemgau

Es gibt Orte, wo sich Sommer und Winter eklatant unterscheiden. Das Hochfellnhaus, die höchstgelegene Berghütte im ganzen Chiemgau, ist so einer. Im Winter geht oft ein eisiger Wind, weshalb die wenigen Ausflügler, die oben aus der Seilbahn steigen, nach einem kurzen Rundgang meist direkt in die Gaststube flüchten. Die wagemutigen Skifahrer stürzen sich sofort wieder in die Steilhänge. Das berühmte Gipfelkreuz, zu Ehren von König Ludwig errichtet, steht von glitzernden Eiskristallen überzogen gänzlich unbeachtet hinter der Hütte. Im Sommer zeigt sich ein komplett anderes Bild, wie der Wirt Alois Maier in der Gaststube beim hausgemachten Jagertee erzählt: Rings um das Gasthaus suchen die Ausflügler den besten Platz, um die schöne Aussicht zu bewundern. Über den gesamten Chiemgau bis weit in die Ebene hinaus kann man von hier aus blicken und den tiefblauen Chiemsee samt den winzig kleinen Ausflugsschiffen bewundern.

Hochfellnhaus Bergen

„Ein Traum für gute Skifahrer“

Jetzt im Winter liegt der See im Pastell des letzten Abendlichtes in der Tiefe, verborgen unter watteweichen Wolken, um uns her türmen sich Berge von Schnee. Die Pistenraupe steht schon in den Startlöchern, gleich wird sie das Sicherungsseil spannen, um den Steilhang zu glätten. Wer mag, kann eine Tour in der gut geheizten Kabine buchen und mitfahren. Das ist durchaus aufregend, sieht doch Bullyfahrer Simon, genau wie sein Beifahrer, durch die Scheinwerfer gerade mal zehn Meter weit. Dahinter die schwarze Nacht, vielleicht ein Abgrund. Gut, dass Simon das seit einigen Wintern schon macht und sein Terrain kennt.

Hinter der Hütte reihen sich die Alpengipfel, am Tresen gibt’s ein Leporello, das die wichtigsten benennt. „1523 Gipfel in vier verschiedenen Ländern kann man sehen“, weiß Alois Maier. „Deutschland, Österreich, Italien und Tschechien.“ Natürlich nur bei klarem Wetter. Und er erzählt an diesem lausig kalten Wintertag auch, wie sich die Szenerie unterscheidet. 90 bis 95 Prozent seines Geschäftes mache er im Sommer, der Winterbetrieb sei eher ein Service für die Schneesportler. Wenige nur kommen hinauf, denn Skifahren muss man hier schon können. Steil und rasant sind die Pisten, im oberen Bereich ausschließlich schwarz gekennzeichnet. „Ein Traum für gute Skifahrer“, sagt Maier.

Andere Gäste kommen, um einen Glühwein zu trinken, nachdem sie einmal den Gipfel umrundet haben. Ein kurzer Weg für einen 20-minütigen Spaziergang wird immer präpariert. Hinüber zur Taborkirche führt er: Sie heißt so, weil ein Pfarrer aus Bergen Ende des 19. Jahrhunderts in Israel auf dem Berg Tabor war. Von dort hat er ein paar Steine mitgebracht, die in die Kapelle eingemauert wurden. Am 6. August 1890 wurde das Kirchlein eingeweiht, im gleichen Jahr wie das Hochfellnhaus. Noch immer feiert man am 6. August das „Fellnerfest“ zusammen mit dem Patrozinium. Doch das Kirchlein ist schon das zweite. Das erste wurde am 3. Februar 1970 bei einem schweren Wintergewitter vom Blitz getroffen und brannte vollständig ab. Alois Maier, der Vater vom jetzigen Wirt, und seine Frau Evi stiegen damals trotz Lawinengefahr auf den Berg und hielten Feuerwache. Erst im Sommer drauf konnte ein neues Taborkirchlein gebaut werden.

Das Gipfelkreuz am Hochfelln

Das Gipfelkreuz wurde in der Maxhütte Bergen gegossen und von 40 Bürgern auf den Berg getragen. Eingeweiht wurde es zum 100. Geburtstag von König Ludwig II. am 25. August 1885

Sommer wie Winter auf dem Berg

Während sich Sommer und Winter so krass unterscheiden, bleibt eine Konstante gleich: die Wirtsfamilie, also Alois Maier mit seiner Frau Marion und „die Oma“ Evi, die Mutter von Alois. Tatsächlich lebt Evi inzwischen das ganze Jahr oben im Hochfellnhaus – ob es stürmt und schneit und der Wind ums Haus pfeift, ob es Katzen hagelt, donnert oder blitzt.

Noch immer wuselt sie unermüdlich in der Küche, wäscht ab und räumt auf und putzt oft noch als Letzte, damit am Morgen alles wieder frisch ist, wenn sie aus der Schlafstube kommt. Ihr Sohn Alois fährt winters mit Marion hinunter in die Familienwohnung, denn am Morgen müssen die Kinder in die Schule geschickt werden. Im Sommer bleibt auch er oft über Nacht oben, wenn allzu viel zu tun ist und die Gäste mal wieder keinen Abschied finden. Auch rund um den Gasthof gibt es reichlich Arbeit. Hinter dem Haus kommt die Materialbahn an mit Vorräten: Diesel für das kleine Heizkraftwerk und sämtliches Trink- und Brauchwasser müssen vom Tal hinaufgebracht werden. Abfälle müssen umgekehrt wieder hinunter. „Früher konnten wir im Winter noch Schnee schmelzen oder Regenwasser verwenden“, erzählt der Wirt, „aber das geht wegen der Umweltauflagen längst nicht mehr.“ Allerdings seien die Bedingungen nicht zu Unrecht so streng, gab es früher doch noch keine Flugzeuge, die vor Notlandungen schon mal Kerosin über den Bergen ablassen, wie er berichtet. Das kostbare Trinkwasser kommt also in großen Tanks hoch, mit einer zertifizierten UV-Anlage wird es nochmals gereinigt. Die Toiletten haben keine Wasserspülung, und beim Händewaschen sollte man kein Wasser verschwenden, wie Schilder mahnen.

Die großen, gusseisernen Pfannen, in denen knusprige Schnitzel, Käsespätzle oder Kaiserschmarren zubereitet werden, reibt man eh besser mit Salz aus. Die offene Küche ist nach wie vor Evis Reich. Doch erzählen mag sie nichts mehr so gern, schon gar nicht neugierigen Journalistinnen. Und fotografieren lässt sie sich erst recht nicht. Von niemandem. „Nein, da ist sie streng“, sagt Alois. Wer die Oma kennenlernen möchte, muss also schon herkommen.

Der Tresen im Hochfellnhaus

Sie wehrte sich mit dem Messer

Das Erzählen übernimmt der Alois, der nicht nur die Geschichte des Gasthauses, sondern auch eine spezielle Räubergeschichte auf inniges Bitten nochmals wiederholt: „Ein Mitbürger hatte es sich Ende der 1980er-Jahre zur Aufgabe gemacht, nachts die Berggasthäuser und -hütten zu besuchen und zu berauben“, erzählt Alois. „Er war richtig auf Raubzug, von den österreichischen Alpen übers Salzburger Land bis in den Chiemgau. Meine Mutter hatte das Geschäft noch offen, als sie vom Nebenraum aus sah, wie er in die Kasse greifen wollte. Sie nahm sich ein langes Küchenmesser und stürzte dann laut brüllend auf ihn zu. Der Dieb hat sich so erschrocken, dass er flüchtete. Fast hat er noch den Vater umgerannt, der dazu geeilt kam, und ihm zugerufen: „Deine Alte spinnt!“ Dann ist er davongesprungen und über den steilen Hang weggerannt. Im Galopp. Einige Zeit später wurde er erneut erwischt, nachdem er bei seinem letzten großen Raubzug viele Berghütten in der Region ausgeraubt hatte. Um das Hochfellnhaus hat er jedoch einen großen Bogen gemacht. Da wollt er nicht mehr hin.“

Marion und Alois Maier – die Betreiber des Hochfellnhauses

Marion und Alois bewirtschaften das Hochfellnhaus. Zusammen mit Oma Evi sind sie ein eingespieltes Team

Ausflug auf den Hochfelln

  • Hochfellnhaus: Das Gasthaus mit Aussicht wurde 1890 erbaut und befindet sich seit 1921 im Besitz der Familie Maier. Es ist von Dezember bis Oktober bewirtschaftet und zu den Betriebszeiten der Bahn geöffnet. Kontakt unter Telefon: 086 62/82 33, Mobil: 0170/3 23 29 26, www.hochfelln.de
  • Hochfelln-Seilbahn: Hoch kommt man mit der Seilbahn. Geplanter Winterbetrieb ist vom 14. Dezember bis 17. März. In den Weihnachts- und Faschingsferien durchgehender Skibetrieb, ansonsten von Freitag bis Sonntag. Betriebszeiten im Sommer: 9 bis 17 Uhr, jeweils halbstündlich (bei geeigneter Witterung). Kontakt: Maria-Eck-Straße 8, 83346 Bergen, Telefon: 086 62/85 11, www.hochfellnseilbahn.de
  • Wandertipp: Ein bequemer Wanderweg führt auch im Winter von der „Steinbergalm“ in Ruhpolding (großer Parkplatz) über die Bründlingalm bis zur Mittelstation der Hochfellnbahn (30 bis 34 Minuten). Von dort mit der Seilbahn oder – bei wenig Schnee – weiter zu Fuß auf den Gipfel (ca. 1,25 Stunden).
  • Unterwegs einkehren: Nach fast 14 Jahren hat die Panoramagaststätte „Hochfellnblick“ an der Mittelstation neu eröffnet. Einkehrmöglichkeit immer zu den Betriebszeiten der Seilbahn. Infos unter www.hochfelln-seilbahnen.de
  • Infos zur Region: Chiemgau Tourismus in Traunstein, Telefon: 08 61/9 09 59 00, www.chiemsee-chiemgau.info