Sagenhafte Orte Baden im "Maibachl"

Mitten im Wald, nahe der Kärntner Stadt Villach, dampft ein kleiner See, als wäre er ein Pool im Thermalbad. Die warme Quelle des "Maibachl" sprudelt nur nach starken Regenfällen und bei der Schneeschmelze – und beschert Einheimischen wie Besuchern ein großartiges Naturerlebnis
29 Grad warmes Thermalwasser quillt am Kärntener Dobratsch aus dem Boden

"Meist sind es Jogger oder Spaziergänger, die es zuerst entdecken", weiß Christian Riedel, der einen Kilometer Luftlinie vom Maibachl entfernt wohnt – wenn es gerade rinnt. Denn oft ist hier nichts, nur Kies am Waldboden, der die Form eines ovalen Beckens andeutet. Die warme Quelle, die das Maibachl und somit die beiden Becken speist, sprudelt nur zu bestimmten Zeiten: nach starken Regenfällen oder bei der Schneeschmelze.

Warmes Wasser aus dem Karstgestein

Grund dafür ist das Karstgestein des Dobratschmassivs, aus dem die Warmbader Quellen entspringen. An der Ostflanke des Villacher Hausbergs reichen die einzelnen Gesteinsschollen bis hinunter in wasserführende Schichten. Hier erwärmt sich das Sickerwasser bis auf 38 Grad. Undurchlässige Lehmschichten zwingen das warme Wasser dann im Villacher Stadtteil Warmbad wieder nach oben, wo es sich mit kälterem Wasser mischt und schließlich mit 29 Grad und einem hohen Gehalt an Kalzium und Magnesium an die Oberfläche tritt. Diese Quellen machen Warmbad zu einem Thermalort mit Kurhotels und Bädern.

Die Quellen des Maibachl hingegen liegen 15 Meter höher als die übrigen Warmbader Quellen und  fließen deshalb nur, wenn der Untergrund richtig viel Wasser führt. Meist also bei besonders starken Regenfällen im Herbst oder bei der Schneeschmelze im Frühling. Letztere hat dem Bachl – denn es ist tatsächlich ein dampfender Bach, der da durch den Wald führt – wohl seinen Namen gegeben.

„Wenn es wieder losgeht, verbreitet sich die Information inzwischen wie ein Lauffeuer“, erzählt Christian Riedel. „Früher war es Mundpropaganda, man sagte den Nachbarn: ,Hast du’s schon gehört? Es rinnt wieder!‘ Aber heute geht es durch die sozialen Medien natürlich viel, viel schneller. Es gibt sogar eine Facebook-Seite, auf der sich die Freunde des Maibachls auf dem Laufenden halten.“

Wer nur einen Kilometer entfernt wohnt, ist da natürlich im Vorteil. „Ja, wenn ich beim Joggen sehe, dass es so weit ist, laufe ich halt kurz heim und hole mein Handtuch“, sagt Riedel. „Gerade nach dem Sport ist es natürlich wahnsinnig entspannend im warmen Wasser.“

Baden im Maibachl

Direkt aus dem Kies am Boden sprudelt das Quellwasser

Sonnenstrahlen spielen im Dampf

Doch es ist nicht nur das warme Thermalwasser, das die Maibachl-Fans so schätzen, sondern auch die magische Atmosphäre mitten im Wald. „Zur Badezeit ist der Laubwald meist eher kahl, und die Sonne schickt einzelne Strahlen durch den Dampf zu den recht eingekesselten Becken. Das sieht dann besonders mystisch aus“, schwärmt Riedel.

Und vielleicht ist es auch die Geschichte, die man hier spürt: So sollen schon die Römer in der Gegend hier gebadet haben – dafür spricht jedenfalls der Fund einer Skulptur, die den Kopf der römischen Quellgöttin Vibe darstellt. Zudem führt ganz in der Nähe der alte „Römerweg“ vorbei, und auf der nahe gelegenen Napoleonwiese wurden bedeutende bronzezeitliche Hügelgräber gefunden. Viele Orte, die man heute als „Kraftorte“ bezeichnet, haben schon in alter Zeit die Menschen angezogen und dazu geführt, dass dort Siedlungen entstanden oder urzeitliche Kultstätten errichtet wurden.

Oft stehen diese Orte auch im Zusammenhang mit dem Magnetfeld der Erde – und da schau her: Die Periadriatische Naht, die wichtigste tektonische Störungslinie der Alpen, verläuft  genau hier. Sie wird aufgrund der vielen Thermalquellen auch als „Thermenlinie“ bezeichnet. Die häufigen Erdbeben entlang dieser Naht führten auch zu den zahlreichen Höhlen in der Region – um die wiederum sich allerhand Mythen und Sagen ranken. „So sollen Zwerge einen unterirdischen See im Inneren des Dobratsch bewachen – also unterhalb unseres Maibachls“, erzählt Georg Lux, Journalist aus der Region, der Spannendes über eine „verschwundene Höhle“ im Villacher Hausberg herausgefunden hat.

Zwei Badebecken und ein Bach

Ob die Zwerge nun auch mit dem Wasser des Maibachls aus dem Berg nach oben gespült werden, weiß man nicht. Sicher ist, dass das Wasser direkt aus dem Kies im Boden des oberen Beckens sickert, nach wenigen Metern ins untere, größere Becken weiterfließt, in dem die stärkere Quelle hinzukommt. „Das untere Becken ist wärmer“, weiß Maibachl-Profi Christian Riedel, den auch eisige Außentemperaturen nicht vom Bad im Bachl abhalten. Dass das warme Wasser besonders guttut, wenn es draußen kalt ist, kann man sich vorstellen. Doch wie geht das mit dem Umziehen bei Minusgraden im Schnee?

Baden im Maibachl

Im Herbst, wenn die Lufttemperaturen noch angenehm sind, erträgt man auch nasse Haare. Es ist einfach zu schön, sich mit Blick in den Himmel treiben zu lassen

Kopf unter Wasser? Ein Anfängerfehler!

„Ganz einfach: möglichst schnell hinter dem Busch“, sagt er und lacht. Aber wenn man aus dem warmen Wasser kommt, steht man beim Umziehen ja erst mal barfuß im Schnee oder zumindest auf dem eiskalten Waldboden, oder? „Das muss nicht sein“, verrät Riedel. „Ich hab gerne ein Stück dicke Plane dabei, die nach unten isoliert, dann geht das schon.“ Und dann weiht er uns noch in die vielleicht wichtigste Regel ein: „Den Kopf unter Wasser zu tauchen, ist ein typischer Anfängerfehler. Erst fühlt es sich natürlich wunderbar an, aber anschließend ist es mit nassen Haaren furchtbar kalt und unangenehm. Manch eingefleischter ,Maibadlsitzer‘ geht sogar mit Mütze rein.“

Die Alteingesessenen haben übrigens auch einen Schlauch direkt in der Quelle angebracht, aus dem man das gesunde Wasser trinken kann.

Wir sprechen jetzt immer von den Alteingesessenen. Kommen denn auch die jungen Villacher? Und was ist mit den Urlaubern? „Klar, das ist ja für jeden ein tolles Erlebnis“, meint Christian Riedel. „Für die Urlauber ist es natürlich ein bisschen schwierig, das zu planen, denn das Maibachl rinnt nicht auf Bestellung. Aber es gibt oftmals Kurgäste, die zufällig den richtigen Zeitpunkt erwischen und dann sehr fasziniert sind von unserem Bachl. Die Jungen sind vielleicht eher abends dort, da ist es wahnsinnig romantisch. Es ist total ruhig im Wald, man hört oft nur das Rauschen der Quelle ...“

Und dann gibt es bestimmt auch Spaßvögel, die den anderen die abgelegte Kleidung verstecken? „Lustigerweise ist es eher die ältere Generation, die das macht“, erzählt Riedel und lacht. „Viele Leute kennen sich schon ewig, kommen seit Jahrzehnten, man trifft  sich im Maibachl. Und für sie gehören solche Streiche einfach dazu.“

Info & Service

  • Wer zum Maibachl möchte, parkt am besten bei der Kärnten Therme, zu der übrigens auch Bus und Stadtbahn vom Hauptbahnhof Villach fahren (www.kaerntentherme.com). Christian Riedel empfiehlt eine kurze Wanderung über die Napoleonwiese (ausgeschildert) und nach dem Bad im Maibachl einen Besuch in der Konditorei des „Hotel Warmbaderhof“ (www.warmbaderhof.com).
  • Der „Archäologie Pfad“ führt auf sechs Kilometern zu vielen spannenden Orten des Gebiets, die auf Schautafeln erklärt werden. Start ist am "Warmbaderhof"/ Kärnten Therme. Man streift Höhensiedlungen und Höhlen, eine römische Fußbodenheizung und den Römerweg, Steinbrüche und Kalkbrennöfen sowie die älteste Kirche Villachs (www.outdooractive.com, „Archäologie Pfad“).
  • Der "Römerweg" ist ein besonders spannendes Stück Geschichte – wie sehr mag es wohl geruckelt haben auf den in Stein gehauenen "Gleisen"? Georg Lux empfiehlt: Wer nur zum "Römerweg" will, startet beim Parkplatz hinter dem Heizwerk (Kreuzung Warmbach-Weg, Warmbader Straße) auf den "Archäologischen Pfad".
  • Buchtipp: In "Verfallen & Vergessen" zeigen Georg Lux und Helmuth Weichselbraun faszinierende "Lost Places" in der Alpen-Adria-Region – unter anderem die "Verschwundene Höhle" am Villacher Hausberg Dobratsch. Styria-Verlag, 22,90 Euro.
  • Zur Umgebung: Region Villach Tourismus GmbH, www.region-villach.at, Telefon: 00 43/42 42/4 20 00