Eine Zeitreise zum Gipfel

Seit 185 Jahren steht auf dem Schweizer Faulhorn (2681 m) ein einzigartiges Hotel: Es ist voll historischen Charmes und auch heute nur zu Fuß erreichbar – auf einem der aussichtsreichsten Wege der Berner Alpen. Zu zehnt genießen wir die Wanderung in die Vergangenheit.
Blick vom Faulhorn

Die letzten zwei Stunden ihres Weges zur Arbeit ist Nina Garbani zu Fuß gegangen. Zunächst hatte sie sich per Auto von Grindelwald zur Alp Oberläger (2025 m) bringen lassen. Das Auto musste wieder zurück ins Tal – „denn die Kühe auf der Alp knabbern an allem herum. Adieu Scheibenwischer, heißt es dann zum Beispiel“, sagt Nina Garbani und lacht. Sie selbst ist schwer bepackt von Oberläger zu ihrem Sommer-Arbeitsplatz aufgestiegen: dem Hotel auf dem Gipfel des Faulhorns (2681 m), dessen Betrieb sie 2017 mit ihrem Mann Christian von den Schwiegereltern übernommen hat.

Das „Hotel Faulhorn“

Ein Traumziel in 2681 Metern Höhe: Das „Hotel Faulhorn“ klebt direkt am Gipfel des gleichnamigen Berges im Berner Oberland (Schweiz).

Die Zeitreise startet per Zug

Vor 188 Jahren hatte ein Wirt die kühne Idee, man könnte doch ganz oben auf dem Faulhorn ein Hotel bauen. Was für eine vorausschauende Entscheidung lange vor der Boom-Zeit des Alpentourismus und lange vor der ersten Bergbahn! Jeder Stein, jeder Teller, jeder Stuhl für das „Faulhorn“ musste damals mühsam vom Tal nach oben getragen werden. Heute ist das Hotel, unter riesigen Anstrengungen in drei Sommern 1830 bis 1833 erbaut, für Gäste weiterhin nur zu Fuß erreichbar. Und vieles im Zimmertrakt des „Faulhorn“ ist, bis auf das schummrige elektrische Licht, noch so wie damals bei der Eröffnung.

Der steingepflasterte Flur mit seinen (inzwischen) schrägen Wänden, die kleinen holzgetäfelten Zimmer mit den kuscheligen Decken in ziemlich kurzen Betten, der Porzellankrug voller Frischwasser für die Katzenwäsche – das alles heißt uns nach einem langen Wandertag hier oben willkommen.

Zu zehnt waren wir am Vormittag in Wilderswil (Kanton Bern) zu dieser Zeitreise gestartet, zunächst auf Schienen. In langen Kehren schraubte sich der historische Zug vom Tal zur Bergstation Schynige Platte (1967 m). Im modernen Berufsverkehr vergisst man manchmal, wie langsam ein Zug fahren kann, wenn er nur darf. Die Schynige-Platte-Bahn darf es. Meter um Meter nimmt sie bedächtig unter die Räder – und was uns am Anfang ein amüsiertes Lächeln entlockt, wird zum Geschenk. Die Landschaft fliegt nicht, nein, sie gleitet sachte vorbei. Jede Ecke des Bergwaldes schickt einen neuen Duft durch das offene Fenster. Ab und zu zwitschert ein Vogel.

Oben auf der Schynige Platte beginnt dann der Weg in Richtung Faulhorn und First – eine der absolut klassischen Bergwanderungen in den Schweizer Alpen. Bei schönem Wetter bietet sie grandiose Ausblicke nach rechts und links, nach unten und nach oben. Um es schon mal vorwegzunehmen: Unser Wochenendwetter war fantastisch.

Zug in Richtung Faulhorn

Start der Tour: Mit dem historischen Zug geht es von Wilderswil bei Interlaken hinauf zur Bergstation Schynige Platte (1967 m).

Plötzlich ist der Berg verschwunden

Natürlich nicht für jeden: Die junge Gärtnerin im Botanischen Alpengarten auf der Schynige Platte sehnt den Regen herbei. Denn sie muss bei dieser Dauersonne viele Gießkannen mit Wasser schleppen, um ihre rund 520 Pflanzenarten zu tränken. Hier im Einzugsbereich von Garten und Bergstation sind die Wege noch belebt: Pflanzenfreunde, Tagesausflügler und Asiatinnen mit bunten Sonnenschirmen teilen sich mit uns den Bergrücken. Links geht der Blick hinab zum türkisen Brienzer See. Rechts reiht sich das berühmte Dreigestirn auf: Eiger (3967 m), Mönch (4107 m) und Jungfrau (4158 m) mit ihren Schneegipfeln. Und zu unseren Füßen leuchten, frisch aus der Winterruhe erwacht, grünsatte Bergwiesen mit gelben Blütentupfern und dunkelblauem Enzian.

Später wird es aber einsamer, wir umwandern das Loucherhorn (2230 m), machen eine Pause auf sonnenwarmen Felsen, steigen hoch ins Sägistal, wo der Pfad nun am Nordhang verläuft und ab und zu Restschneefelder durchquert. Am frühen Nachmittag erreichen wir das Berghaus Männdlenen (2344 m) auf der Passhöhe zwischen Aare- und Lütschinental, wo seit 1934 Wanderer versorgt werden. Ein Angebot, das wir auf der Sonnenterrasse gerne annehmen. Auch wenn sich allmählich Wolken breitmachen.

Beim schweißtreibenden Anstieg zur Hochebene an der Winteregg ist das allerdings angenehm. Hier oben liegt noch mehr Restschnee in den Bergflanken, Algen haben ihn streifenweise blutrot gefärbt. Wir sind jetzt 2500 Meter hoch, der Sauerstoff wird knapper, das ist bei jedem Schritt zu spüren. Vor dem letzten Anstieg zum Faulhorn steigen plötzlich Nebelschwaden auf, verhüllen den Gipfel vor unseren Augen. Mutig wandern wir hinein ins Ungewisse – und können wenige Minuten später unseren Durst auf der Hotelterrasse stillen.

Das Faulhorn verschwindet im Nebel

Noch 15 Minuten Fußweg sind es bis zum Gipfel – den aber gerade der Nebel verschluckt hat

Ausgelassenes Bergab-Rutschen

Der Höhepunkt des Tages steht aber noch bevor: Beim Abendessen macht die Zahl 21.29 die Runde – Uhrzeit des Sonnenuntergangs. Fünf Höhenmeter sind es vom Hotel bis zum Gipfelplateau, wo sich pünktlich gut zwei Dutzend schweigsame Menschen versammeln. Es ist ungewöhnlich windstill und die Luft fast lau, als das Spiel von orangen Strahlen, Wolkenfetzen und Bergsilhouetten beginnt. Handys werden gezückt, immer wieder, bis das Blaugrau am Himmel die Überhand gewinnt und sich die stille Gemeinschaft in 2681 Metern Höhe wieder auflöst.

Am nächsten Morgen sind alle Wolken verschwunden, Himmel und Schneegipfel leuchten um die Wette. Vom Gipfel genießen wir nochmals die Berglandschaft, die sich wie auf einer Bühne präsentiert. Und lassen uns von Ex-Hotelchef Claudio Garbani seine umfangreichen Blitzableiter-Aufbauten erklären. Dann geht es talwärts. Eigentlich wollten wir das Schwarzhorn umrunden auf dem Weg zum First und der Bahnfahrt ins Tal, aber es liegt noch zu viel Schnee. So wird es heute eine kurze Tour, dafür bleibt Zeit für ausgelassenes Rutschen auf den Schneefeldern und Plausche mit Wanderern, die uns entgegen zum Gipfel streben. Ein japanisches Paar, sicher über 80, in oft benutzten Wanderschuhen unterwegs, fragt uns: „Faulhorn – nice place?“ Ja, können wir versichern, ein wirklich schöner Ort.

Am idyllischen Bachalpsee versammeln sich die Tagesausflügler, die mit der Firstbahn von Grindelwald hochgekommen sind. Teenager fotografieren sich immer wieder gegenseitig mit ausgebreiteten Haaren auf den Bergwiesen. Menschen aus aller Welt freuen sich mit leuchtenden Augen am Anblick der Berge. Da stellen wir uns einfach dazu – denn von Schönheit kann man nie genug kriegen.

Wanderer im Schnee

In den Nordhängen der Bergstöcke ist auch noch Ende Juni immer wieder Schnee. Da heißt es: vorsichtig gehen, um nicht ins Rutschen zu kommen.

Die wichtigsten Infos zur Faulhorn-Wanderung mit Daten und Adressen

Der Weg

  • Die klassische Wandertour geht von der Schynige Platte über Berghaus Männdlenen und Faulhorn zum First. Natürlich ist auch die umgekehrte Richtung möglich, dann hat man aber die herrlichen Schneegipfel der Viertausender meist im Rücken.
  • Höhenprofil und Wanderzeiten: Von der Schynige Platte zum Faulhorn steigt man (inkl. Auf und Ab) rund 850 Höhenmeter hoch. Wanderzeit: gut 4 Stunden. Faulhorn-First: knapp 2 Stunden. Wem das am zweiten Tag zu wenig ist, der kann z. B. ab Bachalpsee ums Schwarzhorn zum First wandern (rund 6 Stunden).
  • Unterwegs: Sehenswert (und riechenswert) ist der Alpengarten an der Bergstation Schynige Platte (Eintritt frei, www.alpengarten.ch). Einkehrtipp unterwegs: das Berghaus Männdlenen, www.berghaus-maenndlenen.ch

An- und Abfahrt

  • Anfahrt: Vom Bahnhof Wilderswil Strecke Interlaken-Grindelwald; Parkplätze) fährt im Sommer die Schynige-Platte-Bahn in 52 Minuten auf den gleichnamigen Berg, wo die Tour startet. Fahrplan und Preise: www.jungfrau.ch
  • Abfahrt: Von der Bergstation First fährt eine Seilbahn hinunter ins Tal nach Grindelwald. Unter www.jungfrau.ch und an den Bahnhöfen gibt es passende Rundtickets Wilderswil-Schynige Platte und First-Grindelwald-Wilderswil.
Der "First Glider"

Ungewohnt, sehr aufregend – und ziemlich schnell: Der „First Glider“ fliegt von der Bergstation nach Schreckfeld. Und wir fliegen mit.

  • Statt Seilbahn: Wer mal nicht per Seilbahn vom First (2184 m) hinunter nach Grindelwald (1034 m) fahren will, der hat abenteuerliche Alternativen: Im „First Flieger“ (sitzend) oder im „First Glider“ (liegend) geht es mit über 80 km/h an Stahlseilen von der Bergstation nach Schreckfeld. Von dort kann man mit dem „First Mountain Cart“ rasant zur Station Bort abfahren. Und von Bort zur Talstation Grindelwald gelangt man mit dem Steh-Fahrrad „Trottibike“. Eine aufregende und knieschonende Art des Abstiegs. Infos: www.jungfrau.ch (Aktivitäten)
Das Berghotel Faulhorn

Ein Traumziel in 2681 Metern Höhe: Das „Hotel Faulhorn“ klebt direkt am Gipfel des gleichnamigen Berges im Berner Oberland (Schweiz)

Berghotel Faulhorn

  • Öffnungszeiten: Im Bergsommer (in der Regel von Mitte Juni bis Mitte/Ende Oktober) ist das „Berghotel Faulhorn“ täglich geöffnet.
  • Übernachtungsplätze: Neben den historischen Zimmern gibt es auch Plätze im Matratzenlager. Beim Abendessen stehen zwei Menüs zur Auswahl (ein Fleischloses).
  • Infos und Reservierung: Familie Garbani, CH-3818 Grindelwald, Tel.: 00 41/(0) 79/5 34 99 51 oder per Mail unter: info@faulhorn.ch, www.faulhorn.ch
Innenansicht des Hotels Faulhorn

Der Flur im Zimmertrakt des „Hotel Faulhorn“: Großer Schneedruck hat einst die Wände aus der Senkrechten geschoben – inzwischen stehen sie aber stabil.

  • Die Ausstattung des „Faulhorn“ ist sehr einfach. Statt Duschen gibt es in den Zimmern Wasserkrug und Schüssel, für Gäste im Matratzenlager einen Waschraum mit fließend Kaltwasser. Energie wird aus Holz, Gas und Öl (per Helikopter eingeflogen) sowie Solarzellen gewonnen. Müll und Fäkalien werden ausgeflogen. Das Wasser stammt aus Niederschlägen oder wird vom Speichersee unterhalb des Gipfels hochgepumpt.