Weißer Teppich für Winterwanderer

Alles verschwindet unter der Schneedecke: Lärm, Farben, ja selbst der Stress. Eine Weitwanderung im Winter ist ein besonderes Erlebnis. Wir haben es ausprobiert: 55 Kilometer in vier Etappen durch das tief verschneite Leutaschtal (Tirol).
Olympiaregion Seefeld: Winterweitwandern in Leutaschtal (Tirol)

Die Winterlandschaft im Leutaschtal an der Grenze zu Bayern ist weitgehend unberührt. Wer auf Skitrubel keinen Wert legt, ist hier richtig.

Wer im Juni gern lange und ausdauernd wandert, könnte auch im Januar Lust dazu haben. Das dachte sich Elias Walser, Tourismusdirektor der Olympiaregion Seefeld. Gedacht, getan: In vier Etappen führt nun ein neuer, 55 Kilometer langer Winterweitwanderweg durch das Leutaschtal. Man folgt einfach den blau-weißen Schildern und kann sicher sein, dass eine Hütte für die Mittagsjause auf der Route liegt. Die Unterkunft für die Nacht ist reserviert, das Gepäck steht bei der Ankunft schon im Zimmer. Alles wie im Sommer – und doch ist vieles anders.

Olympiaregion Seefeld: Winterweitwandern in Leutaschtal (Tirol)

Das Leutaschtal oder – wie die Einheimischen sagen – „die Leutasch“ liegt abseits der Durchgangsroute zwischen Seefeld und Mittenwald. Geräusche, die hier allenfalls vom Loipenspurgerät kommen, verschluckt der Schnee.

Sanft segeln die Schneeflocken herab. Innerhalb weniger Stunden entsteht eine Welt in Weiß- und Grautönen. Und eine ganz besondere Stimmung: Schnee reduziert die Farben, hüllt die Landschaft in ein weißes Tuch. Alles wird unter dieser Schneedecke versteckt, selbst der Lärm. Der kommt hier auf dem Hochplateau rund um Seefeld sowieso allenfalls vom Loipenspurgerät. Denn Autostraßen gibt es im Umfeld der Wanderwege nicht. Und so stap  man durch diese gedämpfte, einfarbige Winterwelt, schaut zu, wie sich die Flocken auf den Spitzen der Tannen niederlassen. Das ist Unterhaltung genug – man muss noch nicht einmal mehr großartig reden.

Gestartet sind wir in Burggraben und durchqueren von dort das stille Leutaschtal, sechs Kilometer vom bekannteren Seefeld entfernt, wo während der Olympischen Winterspiele 1976 die nordischen Disziplinen ausgetragen wurden. 1913, als Seefeld den Eisenbahn-Anschluss bekam, lehnten die Leutascher diesen „eisernen Teufel“ strikt ab. Seefeld entwickelte sich zum gefragten Urlaubsziel, in dem die Damen sich nachmittags gern im Pelzmantel auf der
Kaffeeterrasse zeigten. Berührungsängste muss man aber keine haben, denn inzwischen sind auch in Seefeld die Goretex-Träger in der Mehrzahl.

Pause mit „nackertem“ Apfelstrudel

Olympiaregion Seefeld: Winterweitwandern in Leutaschtal (Tirol)

Eiszapfen und frischer Pulverschnee – der Winter zeigt sich von seiner besten Seite. Das Vorwärtskommen ist für Wanderer etwas mühsam, doch am Abend ist man herrlich müde.

Obwohl die erste Etappe ziemlich flach verläuft, ist das Vorwärtskommen kräftezehrend. Weil es stark geschneit hat, müssen wir durch 30 Zentimeter hohen Schnee stapfen. Der Räumdienst ist zunächst mit den Straßen beschäftigt, die Winterwanderwege sind später dran. Da bekommt das Wort Entschleunigung eine ganz neue Bedeutung. Sind das nun Tannen, Fichten oder doch Föhren? Beim Frühstück hat die Pensionswirtin versucht, uns den Unterschied zu erklären. Aber draußen unter der dicken Schneedecke lässt sich beim besten Willen nichts erkennen. Es schneit in einem fort. Der Weg zum Aussichtspunkt Kurblhang ist deshalb gesperrt. Doch die Planer der Winterweitwanderung haben vorgesorgt: Für jede der vier Etappen haben sie sich eine Ausweichroute überlegt. Die Etappe 1A, also die Alternative zum Kurblhang, führt uns um den Weidachsee, auf dem sich Schneewehen wie Kunstwerke auftürmen – unberührt und rein, so wie man es in der Stadt niemals zu Gesicht bekommt.

In „Poli’s Hütte“, der ersten Einkehr, wärmen wir uns auf – am Ofen und mit einer heißen Frittatensuppe. Urgemütlich ist es hier, und es wird zunehmend voller. Dann rückt man eben ein bisschen zusammen und kann noch besser beurteilen, ob der Nachtisch des Tischnachbarn vielversprechend aussieht. Die Frau neben mir hat einen „nackerten“ Apfelstrudel bestellt, ich nehm einen mit Vanillesoße.

Besser auf den Wegen bleiben

Olympiaregion Seefeld: Winterweitwandern in Leutaschtal (Tirol)

Auch wenn der Weg perfekt ausgeschildert ist, hilft ein Blick in die Winterwanderkarte, um den Überblick zu behalten.

Die Leutasch, wie die Einheimischen sagen, ist ein weites Hochtal mit vielen Wiesen, umgeben von Alpspitze, Hohe Munde und dem Wettersteingebirge. Hier kommt kein Steilhang bedrohlich nahe. Anders als in engen Gebirgstälern gibt’s reichlich Platz – ideale Voraussetzungen für Wanderwege im Winter. Die werden mit Traktor, Schneepflug und Fräse präpariert. So entsteht eine kompakte Schneedecke, in der man kaum einsinkt.

Hans Neuner, seit über 30 Jahren Wanderführer und außerdem Jäger, ist froh, dass man sich beim Winterweitwandern auf das vorhandene Wegenetz beschränkt. Denn Schneeschuhwanderer, die querfeldein durchs Gelände laufen, sieht er kritisch. „Dadurch wird das Wild aufgeschreckt und sogar gefährdet“, erklärt der sonst so ausgeglichen wirkende Mann vehement. Denn instinktiv fliehen die gestressten Tiere. Was ihnen schwerfällt, denn sie haben ihre Betriebstemperatur im Winter auf Sparflamme herunterfahren, um Energie zu sparen.

Und dann kommt die Sonne raus!

Olympiaregion Seefeld: Winterweitwandern in Leutaschtal (Tirol)

Kontrastprogramm am nächsten Tag: Die Symphonie in Grau und Weiß bietet ein neues Spektakel mit blauem Himmel und glitzernden Schneekristallen. An Tagen wie diesen entstehen Fotos für den nächsten Winterprospekt. Die zweite Winterwander-Etappe führt hinauf zur Wildmoosalm. Wir marschieren parallel zu den Loipen. Die Region ist eine der abwechslungsreichsten Langlaufgebiete der Alpen.

Jeder scheint an diesem Tag beschwingt zu sein, egal ob Wanderer oder Langläufer. Die Sonne hat die Lebensenergie geweckt, bei manchem auch den Spieltrieb. Ein älterer Herr malt übermütig Smileys in den Schnee. Jemand anderes gräbt ein Guckloch in die Schneewände, die sich zum Teil fast zwei Meter am Rand auftürmen. Der Schnee ist griffig, man kann ganz entspannt laufen und seinen Gedanken nachhängen. Nur gegen Abend, beim Abstieg vom Brunschkopf (1510 m) nach Mösern (1206 m), emphiehlt es sich, „Schneeketten“ anzulegen: einfach über die Schuhe streifen und fertig. Auf den steileren Abschnitten sind diese Spikes tatsächlich hilfreich. Denn tagsüber in der Sonne ist der Schnee angetaut und gefriert dann wieder.

Bevor man in Mösern seine Herberge für die Nacht ansteuert, sollte man unbedingt einen Abstecher zur Friedensglocke machen. Die Glocke, die frei in der Landschaft steht, ohne einen schützenden Turm drum herum, läutet täglich um 17 Uhr. Sie wurde 1997 zum 25. Jubiläum der grenzüberschreitenden Arbeitsgemeinscha  Alpenländer errichtet, die da- mit ein Zeichen für den Frieden setzen wollte. Hier oben hat man einen grandiosen Blick auf Telfs und das Inntal, besonders schön kurz vor der Dämmerung, wenn im Tal die ersten Lichter glitzern.

Umweg wegen Lawinengefahr

Am dritten Tag steht die Königsetappe hinauf zur Wettersteinhütte auf dem Plan. Die Plätze in der Zweierkoje sind schon gebucht, denn im Winter nehmen die Hüttenwirte Beate und Hansi Übernachtungsgäste nur nach Voranmeldung auf. Doch der Eintritt ins Paradies, so beschreibt Beate am Telefon den Aussichtsplatz oben auf 1717 Meter Höhe, bleibt uns verwehrt. Wegen Lawinengefahr ist der letzte Aufstieg nicht passierbar. Eigentlich gilt das weite Seefelder Hochplateau als lawinensicher, doch einige Randbereiche wie das Gaistal und eben auch der Aufstieg zur Wettersteinhütte müssen nach starken Schneefällen in diesem Jahr immer wieder tageweise gesperrt werden. Immerhin bleibt uns so der steilste Aufstieg der Winterwanderung erspart. Inzwischen sind wir „eingelaufen“, haben am letzten Tag unser Tempo gefunden und fühlen uns um Jahrzehnte jünger.

Wir schauen begeistert zu, wenn eine Ladung Pulverschnee von der Tanne – oder Fichte? – stäubt und rätseln, welches Tier nachts seine Fußabtritte in den Hang gesetzt hat. Ein Wintererlebnis weit entfernt vom Pistenrummel, von SB-Restaurants auf dem Gipfel. Stattdessen kehren wir mittags in der „Ropferstubm“ in Buchen ein, fühlen uns auf Anhieb wohl in dem geschmackvoll eingerichteten Gastraum, genießen eine Brettljause mit Tiroler Speck und dazu noch einen Blaubeer- Kaiserschmarren zum Abschluss.

Am späten Nachmittag, als die Dunkelheit schon langsam hereinbricht, legt sich auf dem Weg zurück nach Leutasch ein Hochnebel über den Schnee. Nur die Winterwanderer und ein paar durchtrainierte Langläufer sind noch unterwegs. Die Gespräche verstummen, jeder spürt diese ganz besondere Atmosphäre – lautlos, fast irreal. Eiskristalle, die einzelne stehen gebliebene Schilfgräser veredeln, klirrend kalte Winterluft und eine makellose Schneelandschaft, vom Mondlicht beleuchtet. Nur beim Wandern ist man so nah an der Natur.

Weitere Informationen

Winterweitwandern in der Olympiaregion Seefeld
Die Olympiaregion Seefeld in Tirol liegt auf einem Hochplateau. Es gehören die Gemeinden Seefeld, Leutasch, Mösern-Buchen, Reith und Scharnitz dazu. Seefeld ist mit
der Bahn gut zu erreichen. Seit Dezember 2018 gibt es sogar Direktverbindungen von Köln und Hamburg.

Winterweitwandern im Leutaschtal kann als Pauschalpaket gebucht werden. Jeweils für vier Tage immer von Montag bis Donnerstag. Die Variante mit drei Übernachtungen in Pensionen gibt’s ab 198 Euro. In Hotels inklusive Sauna ab 298 Euro. Die Übernachtung auf der Wettersteinhütte, Infomaterial und Gepäcktransport ist inklusive. Verlängerungsnächte können zusätzlich gebucht werden.

Streckenverlauf des 55 km langen Rundwanderwegs:

  • Etappe 1: von Leutasch-Burggraben nach Weidach, 13 km, Aufstieg 145 Hm.
  • Etappe 2: von Weidach zur Friedensglocke Mösern, 16,1 km, Aufstieg 422 Hm.
  • Etappe 3: von Mösern zur Wettersteinhütte, 14,7 km, Aufstieg 713 Hm.
  • Etappe 4: von der Wettersteinhütte nach Leutasch, 10,8 km, Aufstieg 36 Hm.

Die Etappen werden auf eigene Faust erwandert, keine geführte Wanderung. Das Tragen von Spikes/Schuhketten wird empfohlen! Routenänderungen können sich aufgrund der Winter- und Schneeverhältnisse ergeben.

Angebote und Buchungen über das Informationsbüro Leutasch, Tel.: 00 43/50 88 05 10.
Alle Infos auch unter www.seefeld.com/winterwandern/weitwandern

Autorin: Gabriele Beautemps